"Aber als du'n Scharlach gehabt hattest, war dir Bettys Vater recht als Arzt, gell?", blafft die junge Paula (Johanna Mahaffy), als sie und ihre beste Freundin Betty (Sophie Stockinger) aus dem Kino geworfen werden. Das Wien im April des Jahres 1941 ist in Zeiten des Nationalsozialismus kein Ort für Juden. Mithilfe der Kinder- und Jugend-Alijah, kann Betty mit einigen anderen Kindern und Jugendlichen fliehen – von ihrer Familie und Paula wird sie getrennt. Ihrer Freundin schreibt sie jedoch weiterhin Briefe, bis diese irgendwann nicht mehr zugestellt werden. Allmählich wird ihr bewusst, wie schwierig die Lage tatsächlich ist. Die ARD zeigt mit "Die Kinder der Villa Emma" ein bisher selten beleuchtetes Kapitel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, das die schrecklichen Ereignisse aus Kinderperspektive sehenswert aufarbeitet.

Das Ziel heißt Palästina, doch bis dahin wird es für die Kinder unter der Führung von Josko (Ludwig Trepte), Helga (Nina Proll) und Georg (August Zirner) eine weite und beschwerliche Reise werden. Von Kroatien über Slowenien bis nach Italien führt ihr Weg. Erst in der Villa Emma in Nonantola kehrt ein wenig Ruhe in das Leben der Flüchtenden ein. Unterstützung erhält die Gruppe während der Flucht vom Überlebenskünstler Marko (Laurence Rupp), der sich als Schleuser und Schwarzmarkthändler über Wasser hält. Josko ist der opportunistische Marko zunächst ein Dorn im Auge, zu unterschiedlich sind ihre jeweiligen Vorstellungen von Leben und Überleben. Doch alle müssen Entbehrungen hinnehmen, unter dem Radar der Nazis bleiben und lernen einander zu respektieren – vor allem die Kinder.

Der große Verdienst von Regisseur Nikolaus Leytner und Autorin Agnes Pluch ist ihr außerordentliches Gespür für große wie kleine Konflikte. Eifersüchteleien, Sticheleien, Liebeleien – alles keine Seltenheit unter den jungen Menschen, die oftmals den Ernst der Lage nicht erkennen und alle leichtsinnig in Gefahr bringen. Jederzeit könnten sie auffliegen und deportiert werden. Dieses über der Gruppe hängende Damoklesschwert hält die Spannung permanent aufrecht. Zudem überzeugt der Film auch emotional: Die Realität des Krieges holt die Gemeinschaft immer wieder ein, sei es durch einen Partisanen auf der Flucht oder einen brutalen Mord auf offener Straße. Und es bricht einem das Herz, wenn zwei der Kinder die Karteikarten mit den Identitäten der Flüchtlinge verbrennen müssen und das Feuer anschließend mit ihrem eigenen Urin löschen.

"Jetzt hast du die Kinder so weit gebracht, jetzt bring sie gefälligst auch nach Palästina." "Und was erwartet sie dort? Der nächste Krieg." Mit seiner Komplexität vermeidet die deutsch-österreichische Koproduktion simple Schwarz-Weiß-Zeichnungen. So gelingt den Machern und ihrem fantastischen Ensemble mit "Die Kinder der Villa Emma" ein spannendes Stück Zeitgeschichte, das mit seinen zutiefst menschlichen Themen und Konflikten berührt und eine andere Perspektive auf den Krieg und den Holocaust eröffnet. Wie leben, wie lieben, wie erwachsen werden in einer Zeit, in der man keine unbeschwerte Kindheit verbringen darf?

Eine Frage von zeitloser Aktualität und ein historisches Drama, das (auch wenn es im ORF bereits vor zwei Jahren ausgestrahlt wurde) zum richtigen Zeitpunkt erscheint.


Quelle: teleschau – der Mediendienst