ARD-Talkshow zum Thema Coronavirus

Hendrik Streeck fordert bei Anne Will Strategiewechsel und Ampelsystem

Geht Deutschland in Sachen Corona mit der richtigen Strategie in den Herbst? Das war die Frage, über die am Sonntag bei Anne Will diskutiert wurde. Virologe Hendrik Streeck warb für einen Strategiewechsel.

13.000 tägliche Fälle in Frankreich, 10.000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Spanien – und in Deutschland? Gerade einmal knapp über 1.300 Krankheitsfälle wurden in der Bundesrepublik zuletzt gemeldet worden. Dennoch: Von einer Entwarnung kann noch lange nicht gesprochen werden. Dafür warb am Sonntagabend auch der Virologe Hendrik Streeck, der zu Gast im ARD-Talk "Anne Will" war. "Im Herbst und Winter gehen die Zahlen stark nach oben, und dann können wir nicht mehr so testen wie jetzt", prophezeite der Experte.

Auch Ranga Yogeshwar war derselben Meinung und kündigte "Verdichtungen" und eine "große Herausforderung" an: "Die eigentliche Hürde kommt, wenn es kälter wird." Grünen-Politikerin Marina Weisband meinte: "Zum Winter hin wird's schlimmer, und dann brauchen wir mehr Einschränkungen." Dann komme es darauf an, gesellschaftliche Minoritäten wie Obdachlose oder Menschen mit Behinderung nicht zu vergessen. Bei der Wahl der "richtigen Einschränkungen" sei die Akzeptanz der Bürger von größter Bedeutung, wie Weisband betonte. Sie forderte deshalb eine Mitbestimmung der Bevölkerung über die Maßnahmen.

Denn, so viel wurde während der Diskussion klar: Die Hoffnung auf einen Impfstoff ist zwar weiter groß, wann dieser flächendeckend eingesetzt werden kann, steht jedoch noch immer in den Sternen. "Nur auf einen Impfstoff zu hoffen und zu warten, ist unseriös", so die klare Meinung von Hendrik Streeck. Auch im aktuellen Umgang mit der Pandemie sah der Virologe Verbesserungspotenzial, sprach sogar von einem nötigen Strategiewechsel.

Ampelsystem wie in Österreich?

Statt sich nur auf die Infektionszahlen zu konzentrieren, sei es laut Streeck auch wichtig, Parameter wie etwa die Zahl freier Intensivbetten in die Betrachtung miteinzubeziehen. Ein Ampelsystem, wie es in Österreich bereits etabliert sei, könne dabei behilflich sein, wie der Experte befand. Gleiches befürwortete auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, ebenfalls Gast in der Runde, die sich von einer Corona-Ampel einheitlichere Regeln verspricht. "Wenn wir nicht kommunizieren, sind die Leute auch verloren", sagte Dreyer und verwies darauf, dass die Ampel das Vertrauen der Bevölkerung in die Corona-Maßnahmen erhöhen könnte.

Während in vielen Punkten Einigkeit unter den Teilnehmern der Diskussionsrunde herrschte, provozierten die unterschiedlichen Regeln in den Bundesländern gegensätzliche Meinungen. Frank Ulrich Montgomery, der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, wies darauf hin, dass wir momentan in einer "Dauerwelle" leben würden und uns mit Kräften bemühen müssten, eine zweite Welle zu verhindern. Dazu gehöre auch, dass die Bevölkerung ihr Vertrauen in die Politik und die ergriffenen Maßnahmen behalte.

Doch wegen regional unterschiedlicher Maßnahmen, etwa im Umgang mit Zuschauern bei Fußballspielen, leide dieses Vertrauen aktuell, befürchtete der Weltärztepräsident. "Bundeseinheitlich muss entschieden werden, was in welchem Fall und wie geschehen muss. Das muss dann von Gesundheitsämtern regional und einheitlich durchgesetzt werden", forderte Montgomery. Gerade Fußballspiele mit Fans "können wir uns noch nicht leisten", so der Mediziner.

Differenzierter sah es hingegen Hendrick Streeck. Zwar sei es seiner Meinung nach falsch, die Stadien generell für Zuschauer zu öffnen, bei einem durchdachten Hygienekonzept sei es jedoch einen Versuch wert. "Keiner von uns weiß, wie es geht. Keiner hat einen Blue-Print oder eine Lösung. Wir müssen trial and error machen", so der Virologe.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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