"Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten"

Ein Drama mit Langzweitwirkung

von Andreas Günther

Eine junge Irin stößt nach der Auswanderung nach New York auf unerwartete Probleme. Das ergreifende Drama erhält plötzlich dramatische Intensität und entfaltet noch im Nachhinein tragische Wucht.

ARD
Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten
Drama • 28.12.2020 • 23:35 Uhr

Zunächst steht Eilis (Saoirse Ronan) nur mit verweintem Gesicht hinter dem Vitrinentisch im feinsten Kaufhaus von Brooklyn. Die vor wenigen Monaten nach New York gekommene junge Irin leidet an Heimweh. Aber auf einmal ist sie wie ausgewechselt und strahlt nur noch. Auf die Frage der Verkaufsleiterin, wie es dazu komme, erzählt Eilis von ihrem italienischstämmigen Freund. "Halten Sie den gut fest", wird ihr geraten. Doch Eilis stößt bald auf ganz andere Probleme, deren Ausmaße sie erst allmählich erfasst. Das grandios unspektakulär gefilmte, aber gerade deshalb ergreifende Entwicklungsdrama "Brooklyn – eine Liebe zwischen zwei Welten" nach Colm Tóibín entfaltet eine faszinierende Langzeitwirkung. Das Erste wiederholt den Film von 2015 nun zu später Stunde.

Dabei erzählt "Brooklyn" geradezu einlullend gewöhnlich eine durchschnittliche Auswanderergeschichte, wie sie die eigene Großmutter berichten könnte. Anfang der 1950er-Jahre jobbt Eilis unter einer tyrannischen Chefin in einem kleinen Geschäft in ihrer Heimatstadt Enniscorthy. Aber eine berufliche Zukunft gibt es für sie weder hier noch im Rest Irlands, und das eher etwas herbe und sehr schüchterne Mädchen interessiert sich nicht für die örtlichen Männer. Ihre Schwester Rose (Fiona Glascott), die als Buchhalterin arbeitet, vermittelt ihr über den örtlichen Priester eine Anstellung als Verkäuferin und ein Zimmer in einer Pension in Brooklyn, New York. Unsicher geht Eilis auf die für sie geschmiedeten Auswanderungspläne ein.

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Die fremde Umgebung der neuen Welt macht sie unglücklich, auch wenn die Abendausbildung zur Buchhalterin am Brooklyn-College neue Chancen eröffnet. Da lernt sie den charmanten italienischstämmigen Klempner Tony (Emory Cohen) kennen, der ihrer Zurückhaltung mit Takt und Behutsamkeit begegnet. Die beiden werden ein Paar. Eilis schreibt darüber an ihre Schwester Rose, die bei der verwitweten Mutter lebt. Bis eine Todesnachricht sie zurück nach Irland reisen lässt. Enniscorthy ist beim Wiedersehen verblüffend nett zu ihr: Alte Freundinnen wollen sie unbedingt auf ihrer Hochzeitsfeier sehen, eine Anstellung als Buchhalterin winkt ihr, und der gutsituierte gleichaltrige Pub-Besitzer Jim Farrell (Domhnall Gleeson) macht ihr Avancen.

Natürlich hat "Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten" auch Wert als zeitgeschichtliche Rekonstruktion. Typen wie die auf originelle Weise bigotte Pensionswirtin Mrs. Keogh (Julie Walters) oder Eilis' einstige Chefin Mrs. Kelly (Brid Brennan), die ihrer Kundschaft untersagt, am Sonntag Schuhcreme zu kaufen, dürften ausgestorben sein. Wie Eilis sich unterrichten lässt, Spaghetti aufzurollen, damit sie beim Abendessen im Kreis von Tonys Familie nicht die Tapete mit Tomatensauce bespritzt, ist ein Kabinettstück wehmütigen Humors.

Aber vor allem packt "Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten" mit dem zeitlosen Dilemma der Lebensentscheidung. Brooklyn oder Enniscorthy? Gerade weil Saoirse Ronan, der die Rolle eine Oscarnominierung einbrachte, den Kampf der widerstreitenden Gefühle mit der stillen Unmittelbarkeit ihrer Figur wiedergibt, erzeugt die Frage Schweiß in den Handflächen. Eilis, tu das Richtige! Aber was ist denn das Richtige? Mit der Antwort darauf ist der Film zu Ende, aber das Nachdenken über ihn noch lange nicht. Schmerzhaft wird das tragische Schicksal eines anderen Lebens erkennbar, vor dem Eilis' inneres Ringen um das eigene Glück umso wichtiger erscheint.

Saoirse Ronan wurde inzwischen viermal für einen Oscar nominiert: für "Abbitte" (2007), "Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten" (2015), "Ladybird" (2017) und zuletzt für Greta Gerwigs Film "Little Women" (2020). Bis dato ging die gebürtige New Yorkerin bei den Academy Awards jedoch stets leer aus.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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