Beim Streamingdienst Amazon Prime Video findet deutsch-deutsche Agentenerzählung ihren Abschluss. Der Werdegang zeigt, wie sich die Serienlandschaft auch in Deutschland verändert hat. "Deutschland 89" ist der beste Teil der Reihe.

Dass man Weltgeschichte im Film retrospektiv neu erfinden kann, weiß man spätestens, seitdem Quentin Tarantino die versammelte Nazi-Elite in einem Pariser Kino ihr vorzeitiges Ende finden ließ. Führerbunker 1945, war da noch was? Auch das Finale von "Deutschland 89", Fortsetzung der Serien "Deutschland 83" und "Deutschland 86" deutet an, dass es mit dem Mauerfall 1989 oder auch dem wenige Wochen später stattgefundenen RAF-Attentat an Deutsche-Bank-Vorstandschef Alfred Herrhausen anders gelaufen sein könnte, als wir alle dachten. Doch der Reihe nach. Der Anfang vom Ende der vom deutsch-amerikanischen Ehepaar Anna und Jörg Winger erdachten Serie beginnt einen Tag vor dem Mauerfall, am 8. November 1989. Martin Rauch (Jonas Nay), berühmt-berüchtigter DDR-Spion, arbeitet mittlerweile als Vertreter des ostdeutschen Computerherstellers Robotron.

Der kaltgestellte Top-Agent lebt 1989 mit seinem Sohn eher unauffällig im siechenden Arbeiter- und Bauernstaat. Als der Auslandsgeheimdienstes HVA Wind davon bekommt, dass die neue Staatsführung um Egon Krenz ein radikales Gesetz zur Reisefreiheit kurzfristig umsetzen will, wollen die alten Kader dies durch einen Giftanschlag verhindern. Topagent Kolibri (Nay) wird also reaktiviert und umgehend zum mal besser, mal schlechter kontrollierten Spielball konkurrierender Agentenmächte. So will es die Grundidee der Serie, und das Agenten-Chaos der Monate und Jahre ab Herbst 1989 dürfte in der Realität kaum weniger absurd abgelaufen sein, als in dieser ziemlich clever zwischen Posse und Drama schwankenden deutschen Qualitätsserie, die ab Freitag, 25. September, das Programm des Streamingdienstes Amazon bereichert.

Tatsächlich werden in jener Zeit – wie auch in der Serie – viele Agenten praktisch über Nacht arbeitslos. Oder sie müssen zumindest ihre Agenda anpassen. Soll man zum großen Bruder, dem KGB, wechseln? Oder gleich den Sprung in den Westen wagen, um dort als Agent für den BND oder die CIA arbeiten? Natürlich könnte man auch eine neue Idee für die DDR erfinden, es gab sie ja (noch) nach dem Mauerfall – oder, im Nachhinein wohl etwas weitsichtiger, gleich eine Geschäftsidee für den sich blitzschnell formierenden Kapitalismus im neuen Ostmarkt umsetzen. All diese Szenarien werden in den letzten acht Folgen von "Deutschland 89" erzählerisch kühn, aber mit großem Einfallsreichtum umgesetzt.

War das Attentat auf Herrhausen tatsächlich ein Akt der RAF oder hatten ostdeutsche Agenten ebenfalls ihre Finger im Spiel? Und woraus bestand im weltläufigen Westen 1989 ein echter Cappuccino? "In einem echten Cappuccino befinden sich Kaffee, Schlagsahne und Kakao – das weiß doch jeder!", klärt eine Sekretärin einen schüchternen Ost-Agenten (Sylvester Groth) in der Frankfurter Zentrale der Deutschen Bank gebieterisch auf.

Szenen voller historisch-humoristischer Seitenhiebe wie diese hat der Writers-Room um Serien-Urautorin Anna Winger nicht zu knapp in die acht Episoden um orientierungslose Agenten eingebaut. Der prominente Cast um Jonas Nay, Maria Schrader, Sylvester Groth und Lavinia Wilson wird durch Darsteller wie Corinna Harfouch, Golo Euler und die wunderbar natürlich agierende Svenja Jung – als neue Liebesgefährtin "Kolibris" – weiter aufgerüstet. Zudem sieht die Serie mal wieder toll aus. Die Ausstattung der 1989-Interieurs, Klamotten und Straßenzüge ist absolut kinoreif und von popkultureller Finesse durchzogen. Der herausragende Look war schon immer eine Stärke der Serie, diesmal setzen ihn mit Randa Chahoud und Soleen Yusef zwei deutsche Regisseurinnen mit Migrationshintergrund ebenso gekonnt wie kurzweilig in Szene.

Dass die vor sieben, acht Jahren als erste deutsche Qualitätsserie geplante Agentenerzählung mit ihrer ersten Staffel für das Free-TV-Programm von RTL gedacht war und auch dort ihre Premiere feierte, haben viele Zuschauer schon wieder vergessen. Die Serie scheiterte dort in Sachen Quote, reüssierte aber im Ausland und gewann zahlreiche Preise. Mit Staffel zwei wechselte das Produkt zum Streamingdienst von Amazon, wo es sich weiter der Fesseln des klassischen deutschen Fernsehens entledigte: "Deutschland 86" durfte noch freier, größer und auch mutiger erzählen. Die dritte und finale Staffel des hochunterhaltsamen, aber auch immer wieder klugen Agentenspiels ist nun die vielleicht beste Staffel der Trilogie. Die mutigen Tonalitätswechsel zwischen Drama und grotesker Komödie werden noch konsequenter umgesetzt, das Drehbuch erzählt äußerst flott, aber keineswegs konfus.

Dem Plot zugute kommt der tatsächliche Ereignisregen des Wendewinters 1989/1990, der prima Steilvorlagen für allerlei Seemannsgarn wie auch korrekte Geschichtspossen liefert. Die erste Staffel "Deutschland 83" gewann unter anderem den renommierten Grimmepreis, die Goldene Kamera sowie den International Emmy und Peabody Award. Für seine Rolle als Martin Rauch erhielt Jonas Nay 2016 als bester Hauptdarsteller einer Dramaserie die Goldene Nymphe beim Festival de Télévision de Monte Carlo sowie den Deutschen Fernsehpreis. Auf zahlreichen Fernsehmärkten, auch in den USA, war die Serie ein viel beachteter Hit, zumindest in Serienliebhaber-Kreisen. Wenn ein solcher Erfolg nach fünf Jahren auf die Zielgerade biegt, neigt man vielleicht dazu, die Serie als "alten Hut" beiseitezulegen. Sollte man in diesem Fall jedoch nicht tun, denn "Deutschland 89" ist mit das Cleverste und Unterhaltendste, was es zu den 30-Jahr-Feierlichkeiten der Deutschen Einheit im Herbst 2020 zu sehen gibt.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH