Der legendäre Liedermacher Gerhard Gundermann stand dem DDR-Regime durchaus kritisch gegenüber, bespitzelte dennoch für die Stasi seine Freunde. Mit "Gundermann" schuf Regisseur Andreas Dresen ein emotionales Porträt über den "singenden Baggerfahrer".

30 Jahre mussten nach der Wende vergehen, damit so manche angebliche Gewissheit über die DDR aufbrechen und die Realität des real existierenden "Arbeiter- und Bauernstaats" differenziert betrachtet werden konnte. Eine dieser Ambivalenzen betrifft jene Ostdeutschen, die von der Idee des Sozialismus zwar überzeugt waren, deren Umsetzung in der DDR aber kritisierten. Ihre Stimmen, exemplarisch zu sehen etwa an Christa Wolf oder Heiner Müller, wurden im Zuge des Einheitsjubels 1990 schnell zum Verstummen gebracht – oft flankiert vom Vorwurf der Kollaboration mit dem sozialistischen Regime. Doch waren es keineswegs nur die Intellektuellen, die sich dergestalt rechtfertigen mussten. Mit Gerhard Gundermann, bekannt geworden als "singender Baggerfahrer", musste sich eine der schillerndsten Figuren der DDR- und Nachwende-Kultur den eigenen biografischen Widersprüchen stellen. Regisseur Andreas Dresen hat "Gundis" wahre Geschichte 2018 in einem emotionalen wie kritischen Biopic verfilmt, das ARTE nun im Zuge des Einheitsjubiläums als Free-TV-Premiere zeigt.

"Gundermann", so der simple Titel des in bester Dresen-Manier voller Humor und Bodenständigkeit inszenierten Films, erzählt von einem Leben, das so versponnen und unglaublich erscheint, dass es problemlos als etwas übertriebenes fiktionales Gleichnis zur DDR-Geschichte durchgehen könnte. Dresen macht Gundermann, der selbst im Osten vielen kein Begriff war, endgültig zur Kultfigur: Als Baggerfahrer auf dem Tagebau in der Lausitz, der gleichzeitig rührende Lieder schrieb; als vom System überzeugter Sozialist, der für die Stasi arbeitete, und zugleich als kritischer Rebell vom DDR-Geheimdienst bespitzelt wurde. Die Vielfältig-, Widersprüchlich- und Gleichzeitigkeiten des untergegangenen Staates, scheinen sich – und das ist natürlich einer entsprechenden Inszenierung und Besetzung zu verdanken – in der Figur des Gundermann zu treffen.

Gespielt wird der faszinierende Charakter von einem fantastischen Alexander Scheer, jenem gebürtigen Ost-Berliner, der 1999 mit der DDR-Komödie "Sonnenallee" von Leander Haußmann bekannt wurde, und nach vielen Jahren an Frank Castorfs Volksbühne und zahlreichen Krimis nun abermals in einem Film über den Osten reüssiert, der viele provoziert, aber noch mehr begeistert. Davon zeugen nicht zuletzt die sechs Auszeichnungen beim Deutschen Filmpreis 2019. Scheer selbst erhielt den Award für die Beste Hauptrolle, ebenso wie den Bayerischen Filmpreis. Und das wohlverdient: Schließlich ahmt er den echten Gundermann nicht nur vortrefflich in all seiner brandenburgischen Verschrobenheit samt charakteristischem Nasehochziehen nach; vielmehr scheint er eins zu werden mit dem 1998 mit nur 43 Jahren verstorbenen Blonden mit den langen Haaren und der kuriosen Brille. Am eindrucksvollsten bleibt jedoch die Gesangskunst Scheers im Gedächtnis, der alle Songs höchstselbst einübte und performte.

Unerwünschte eigene Meinung

"Wenn es denn Kommunismus als Weltanschauung nicht schon gäbe, hätte ich da auch ganz von selber draufkommen können", sagt Gundermann an einer Stelle des Films, in der er sich in seiner Heimatstadt Hoyerswerda, gennant Hoywoy, um die Aufnahme in die SED bewirbt. Die Genossen sind verdutzt, doch der eigenartige junge Mann ist tatsächlich vom Ideal der DDR überzeugt. Und das selbst dann noch, als das von spießigen Funktionären geleitete Regime ihn, den rebellischen Liedermacher, wieder loswerden will – "wegen unerwünschter eigener Meinung". Denn Gundermann, der im Tagebau arbeitet und dort Arbeitsabläufe verändern will, möchte den Sozialismus verbessern. Allein: Nachdenken und konstruktive Kritik sind nicht gestattet. Unerbittlich widersetzt sich Gundermann, immer mit dem Ziel, sich für "seine" DDR einzusetzen.

Doch ist es genau jenes kompromisslose Eintreten für seine Ideale, das ihm lebenslang Probleme bereiten wird: 1976, so zeigt es der Film, der immer wieder zwischen Vor- und Nachwendezeit wechselt, heuert er als IM bei der Stasi an. Gundermann spitzelt Freunde und Kollegen aus, gibt dem DDR-Geheimdienst Briefe, Privatgespräche und Informationen über Fluchtpläne weiter. Erst nach der Wende, als er regelmäßig vor einer treuen Fanbasis Konzerte gibt und gewisse Bekanntheit erreicht hat, wird ihm die Tragweite seiner Tätigkeit bewusst – und fällt ihm auf die Füße. Nur langsam gelingt es ihm, sich der Instrumentalisierung, der Schuld und dem Verrat zu stellen. Dresen inszeniert diesen Rechtfertigungsprozess realistisch und entsprechend bitter – auch wenn Gundermann immer seine Freundin und spätere Ehefrau Conny (Anna Unterberger) an seiner Seite wusste. Auch diese von Höhen und Tiefen geprägte Liebesgeschichte wird in einem der besten deutschen Biopics seit Jahren mit der politischen Dimension verwoben.

An der Seite Scheers spielen unter anderem Bjarne Mädel als SED-Parteisekretär, Milan Peschel als Parteifreund Volker und Peter Sodann als alter Veteran, aber auch Dresen-Lieblinge wie Thorsten Merten als Puppenspieler und Axel Prahl als Stasi-Führungsoffizier. Funfact: Prahl und Regisseur Dresen geben regelmäßig gemeinsam Konzerte – und begannen damit 2008 bei einem Gundermann-Gedenkkonzert.

Überhaupt sind es die Gundermann'schen Songs, seit Veröffentlichung des Films endlich deutschlandweit bekannt, die dem Biopic eine ungeheure Sentimentalität verleihen, die sich aber von jeglicher Ostalgie zu lösen vermag. Vielmehr schafft es "Gundermann" etwa einerseits dem Arbeiterstolz des Kohlegebiets Lausitz endlich eine ähnliche kulturelle Eigenheit zu verleihen, wie dies im Westen mit zahlreichen Ruhrpott-Filmen schon längst geschehen ist. Zum anderen aber gelingt es Dresen, in der Figur des Gundermann einen selbstbewussten Diskurs des Ostens über sich selbst zu personifizieren, der 30 Jahre nach der Wende endlich einmal nicht von außen kommt.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH