937 jüdische Flüchtlinge wollten Nazi-Deutschland verlassen, wurden in Kuba, den USA und Kanada aber nicht aufgenommen. Ein Dokumentarfilm erzählt ihre tragische Geschichte nach.

Es war eine Schifffahrt, die voller Hoffnung startete – und im Grauen endete. 1939 durften mit einer Sondererlaubnis der Nazis 937 jüdische Flüchtlinge an Bord der "St. Louis" den Hamburger Hafen verlassen. Ihre Zuversicht: Jenseits des Atlantiks würden sie in Sicherheit ein neues Leben beginnen können. Doch wie der beklemmende neue Dokumentarfilm "Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis", der vom NDR zusammen mit dem SWR, RBB und HR produziert wurde, zeigt, endete ihre Odyssee im Grauen der Vernichtung.

Gesteuert hat das große Flüchtlingsschiff einst der Hamburger Kapitän Gustav Schröder, in dessen Hinterlassenschaft das Autorenteam rund um Susanne Beck und Thomas Eifler wichtige Entdeckungen gemacht haben, auf die sich der neue Film stützt. Er steuerte den Dampfer zunächst voller Zuversicht über das Weltmeer und musste schon bald eine fürchterliche Ernüchterung an seine Passagiere weitergeben. Am ersten Hafen in Havanna auf Kuba wurde den Flüchtlingen, deren Leben in Nazi-Deutschland akut bedroht war, die Einreise verwehrt.

Schröder nahm Kurs gen Norden und steuerte zunächst Washington an. Doch auch dort durfte das Boot keinen sicheren Hafen erreichen. Ähnlich trostlos die Lage wenig später in Kanada, wo den deutschen Juden ebenfalls die Aufnahme verweigert wurde. An Bord ereigneten sich fürchterliche Szenen. Selbstmorde waren an der traurigen Tagesordnung, und sogar eine Meuterei war geplant. Schließlich musste die "St. Louis" wieder in Europa, im Hafen von Antwerpen festmachen. Nahezu ein Drittel der Passagiere wurden in den Folgejahren von den Nazis ermordet.

Das sehr sehenswerte Dokudrama in Spielfimqualität, unterstützt durch viel Archivmaterial und die starken Schauspielerleistungen unter anderem von Ulrich Noethen und Britta Hammelstein, weckt nicht nur verdrängte Erinnerungen an ein besonders düsteres Kapitel der NS-Jahre. Angesichts der aktuellen Flüchtlingsströme und dem täglichen Ertrinken von Hilflosen und oft sehr "Ungewollten" im Mittelmeer hat der Film eine brisante moderne Aktualität.

Das geschichtliche Versagen der US-Behörden und der Kanadier, die die weltpolitische Brisanz der Irrfahrt der "St. Louis" komplett verkannten, hat zuletzt weite Kreise gezogen. Kanadas Premier Justin Trudeau entschuldigte sich erst vor einiger Zeit bei den Familien der jüdischen Flüchtlinge, die Kanada einst abwies. Kapitän Schröder wurde in der zentralen jüdischen Holocaust-Gedenkstätte in Jad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst