Gewöhnen kann man sich daran nicht: Es sind beklemmende Bilder von jungen Mädchen, die von ihren skrupellosen Freiern zum Anschaffen auf die Straße geschickt werden. Oder von minderjährigen Bettlern, die in deutschen Einkaufspassagen um Almosen betteln. Stets hat man das unangenehme Gefühl, dass Grenzen überschritten werden – und dass man selbst in die Voyeur-Rolle gedrängt wird. Aber genau dieses Gefühl von Scham, Verunsicherung bis hin zu blankem Entsetzen ist der Effekt, den die Filmemacherin Sylvia Nagel mit ihrer neuen Dokumentation "Kinderhandel", die ARTE in deutscher Erstausstrahlung zeigt, auslösen möchte. Wegsehen gilt nicht – was unbedingt auch für diesen wichtigen Film gilt.

Es ist ein Beitrag, der unerschrocken deutlich macht, wie junge Menschen als "Ware" bezeichnet und behandelt werden. Und diese Ware hat auf dem illegalen Markt einen hohen Preis. Kinderhandel ist ein lukratives Geschäft, wie der vom NDR mitproduzierte Beitrag belegen kann.

Jungen und Mädchen werden auch in westlichen Ländern heimlich als moderne "Haussklaven" gehalten, sie werden in die Prostitution gezwungen oder zum Betteln und Stehlen gedrängt. Nur Waffen und Drogen lassen sich weltweit ähnlich einfach und gewinnbringend handeln – auf den verbotenen Märkten, die längst über das Darknet gesteuert werden. Die gehandelten Kinder stammen dabei oft aus Afrika oder Osteuropa und werden von Schlepperbanden in die EU gebracht. Als Handelsware.

Filmemacherin Sylvia Nagel klemmt sich – so gut das geht – an die Fersen der Betroffenen und versucht, die oft sehr geschickt verwischten Spuren der Hinterleute aufzudecken. Zusammen mit Sonya Winterberg hat sie junge Menschen, deren Seele gebrochen wurde, in Deutschland, Frankreich und der Ukraine getroffen und sich ihren Geschichten sehr einfühlsam und vorsichtig genähert.

Was die Filmautorinnen – und mittelbar die Zuschauer – schnell sehr betroffen macht: Kinderhandel ist eine Art modernes Tabu-Thema. Viele Politiker verschließen sich weitreichenden Ermittlungen und verschärften Gesetzen. "Kinderhandel hat kein Gesicht in Deutschland", resümiert Heike Rudat vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) bitter. Ähnlich scheint das Hélène Bidard, die stellvertretende Bürgermeisterin von Paris, zu sehen. "Trotz seiner Brisanz spielt der Handel mit Minderjährigen in der Politik keine Rolle", klagt sie.


Quelle: teleschau – der Mediendienst