Trotz Morddrohungen und einem Leben unter Polizeischutz halten zwei Frauen an ihrem gemeinsamen Traum fest – einer liberalen Moschee in Berlin.

Marlene Löhr ist überzeugt: "Der halbe Himmel gehört uns Frauen." 2015 ist die einstige Grünen-Politikerin zum Islam konvertiert. Von den vorherrschenden traditionellen Wertvorstellungen fühlt sie sich jedoch eingeschränkt. Statt Konservativismus ist ihr Credo die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Glauben. Gemeinsam mit der Menschenrechtsaktivistin und Anwältin Seyran Ates lebt die 33-Jährige den Traum einer weltoffenen Moschee, in der Frauen und Männer gleichberechtigt nebeneinander beten können. Der "37°"-Beitrag "Mutig, cool und unverschleiert – Frauen gründen eine liberale Moschee" begleitet die beiden ein Jahr lang auf ihrem Weg. Dabei erzählt die Doku von Hoffnungen und Visionen ebenso, wie von Bedrohung, Einschränkung und dem entbehrungsreichen Alltag der beiden Frauen.

Seit mehr als einem Jahr gehen Seyran Ates und Marlene Löhr den herausfordernden Weg, mit der Ibn-Rushd-Goethe Moschee in Berlin-Moabit eine liberale Moschee zu etablieren. Gemäß den Lehren des Philosophen Ibn Rushd, der bereits im 12. Jahrhundert einen liberalen und zeitgemäßen Islam lebte, wollen sie zeigen, dass sich der Islam und Gleichberechtigung im Glauben nicht gegenseitig ausschließen.

Wie der Film erzählt, ist das gemeinsame Beten von Männern und Frauen aber nicht die einzige Vision, die Löhr und Ates für die liberale Moschee vor Augen haben. Denn in dem Berliner Gotteshaus dürfen Frauen auch selbst entscheiden, ob sie ein Kopftuch tragen oder unverhüllt beten. Ebenso übernehmen sie Predigten. Dazu sind in der Ibn-Rushd-Goethe Moschee gleichgeschlechtliche und religionsübergreifende Eheschließungen möglich. Im Internet präsentiert sich die Moschee als weltoffener Ort der Vielfalt: "Uns ist es ein besonderes Anliegen, unsere Kinder zu toleranten und offenen Menschen zu erziehen, die anderen Menschen mit Liebe, Neugier und Verständnis begegnen."

Die revolutionären Ideen von Seyran Ates und Marlene Löhr schaffen aber auch mächtige Widersacher. Ein Leben ohne Personenschutz ist für die Frauen schon lange nicht mehr möglich. Anfeindungen und Morddrohungen sind zum Alltagsbegleiter der beiden geworden. Trotz der Widerstände und der Einschränkungen, die ihr Einsatz für eine liberale Islam-Interpretation mit sich bringt, gibt sich Moschee-Gründerin Seyran Ates kämpferisch. Ihr sei die innere Freiheit wichtig, nicht die äußere, erklärt sie.

Hinter dem halbstündigen Dokumentarfilm steht die deutsche Journalistin Güner Yasemin Balci. Die Filmemacherin, die einst mit dem Bayrischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, ist Gründungsmitglied des Muslimischen Forums Deutschland und kämpft für mehr Selbstbestimmung muslimischer Mädchen. In ihrem Buch "Das Mädchen und der Gotteskrieger" hat sie zudem scharfe Kritik an muslimischen Verbänden geübt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst