MDR-Porträt bei ARTE

"Gerhard Schröder – Schlage die Trommel": Beim Fußball gucken musste er bügeln

von Hans Czerny

Gerhard Schröder ist der letzte noch lebende Altkanzler, zuletzt schrieb er durch einen Podcast und Instagram-Fotos seiner Frau Schlagzeilen. Das Porträt von Torsten Körner (MDR) versammelt Köpfe und Statements, wirklich Überraschendes erbringt es jedoch nicht.

ARTE
Gerhard Schröder – Schlage die Trommel
Dokumentation • 14.07.2020 • 21:45 Uhr

Der MDR-Film "Gerhard Schröder – Schlage die Trommel" (Erstsendung bei ARTE) beginnt pathetisch mit einem Heine-Gedicht: "Schlage die Trommel und fürchte dich nicht, und küsse die Marketenderin. Das ist die ganze Wissenschaft." Um mit dem Heine-Schröder-Bekenntnis zu schließen: "Ich hab' sie begriffen, weil ich ein guter Tambour bin." Der Sinn des Gedichts, das Schröder auch schon beim Wahlkampf 2013 zur Ermutigung des armen SPD-Kandidaten Peer Steinbrück vortrug, ist sicher vieldeutig und wie immer bei Heine ironisch gemeint. Man kann sich gerne den Kopf darüber zerbrechen, wie auch über die Person des Politikers Gerhard Schröder selbst, der einst die Nation mit gewagten Experimenten wie der Sozialreform "Agenda 2010" gespaltet hat.

Es trommelt denn auch gewaltig im Hintergrund der Film-Doku, vor allem, wenn die Misserfolge der Partei und die Wahlniederlagen der SPD nach Schröders Abgang 2005 aufgezählt werden. Und mancher Parteigenosse meint, er hätte wohl doch "mehr auf die Pauke hauen" sollen, um erfolgreich zu sein. Das MDR-Porträt von Torsten Körner (MDR) lebt von Meinungen und Widersprüchen. Befragt wurden meist Parteifreunde und Weggenossen, aber auch einige der fünf Ehefrauen, insbesondere die aktuelle, Schröder-Kim So-yeon aus Südkorea (52), die gleich mal klarstellt, dass ihr Gatte mit einer "unermüdlichen Energie und Kampfbereitschaft" geboren sei – nicht zuletzt "der Grund, warum er jung geblieben ist".

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Fünf Wahlkämpfe hatte er auf Regional- und Bundesebene gewonnen, als man ihn 1998 zum Kanzler kürte, nach den für die SPD schrecklichen 16 Jahren Helmut Kohl. Nun ist er, mit 76, der letzte lebende Altkanzler der Republik – aber eben auch mit allerlei Ehrendoktorwürden gesegneter vielfacher Lobbyist, Aufsichtsratsvorsitzender der Nordstream AG (Gazprom) und Aufsichtsrat des russischen Mineralölkonzerns Rosneft. Jede Kritik daran ist Schröder bis heute fremd – schließlich gehe es ihm immer darum, die Freundschaft mit dem Osten, insbesondere mit Putin zu erhalten.

Man könnte es sich leicht machen und das berühmte Clemenceau-Zitat aus dem Ärmel ziehen, nach dem, wer mit 20 nicht Sozialist gewesen ist, kein Herz habe, und wer es mit 40 immer noch sei, kein Hirn. Man bräuchte die Formel im Falle Schröders nur um ein paar Jahrzehnte nach hinten zu verschieben. Aus kleinsten Verhältnissen stammend, die Patchwork-Familie lebte zuweilen von Sozialhilfe, erklomm Schröder die soziale Leiter von ganz unten nach ganz oben bis zum Regierungschef der Bundesrepublik Deutschland. Rechtsanwalt sei er vor allem deswegen geworden, erzählt er im Film, weil er die Mutter nach leichtfertig an der Haustüre unterschriebenen Vertreterverträgen schützen musste.

"Ich will hier rein!" 

Dass er Mittelstürmer (Spitzname: "Acker") in seinem Dorfverein war, habe ihm auch im späteren Leben zu Anerkennung verholfen, ebenso wie der Umstand, dass er sich sehr früh auf allen möglichen Wahlversammlungen gewagt und dort immer wieder zu Wort gemeldet habe, so weiß der Altkanzler zu berichten.

Doch nicht nur wegen des hartnäckig erkämpften Aufstiegs zieht einen das etwas materiallastige MDR-Porträt auf Schröders Seite. Keiner der Opponenten pinkelt ihm ernsthaft ans Bein. Gesine Schwan und Renate Schmidt geben ihr Bestes, wenn sie Schröders fortbestehende Unternehmernähe konstatieren, das "Volkswagenmilieu" kritisieren, aus dem er komme. Schmidt apostrophiert gar, sehr schön, des Meisters "serielle Monogamie". Aber sie ist es auch, die noch einmal an die späten Bonner Parteiabende erinnert, an denen Schröder am Zaun des Kanzleramts rüttelte und sein berühmtes: "Ich will hier rein!" hinausstieß in die Bonner Nacht.

Ein Traum, "ein Wunschtraum, fast eine Utopie", wie Renate Künast es nennt, wurde denn auch 1998 wahr. Später an anderer Stelle, zeigt sie klare Kante und wirft Schröder vor, er habe "einfach die Seiten gewechselt" und "keine Ziele mehr". Man sieht ihn im Film Fürst Putin applaudieren und mal auch zwischen diesem und Berlusconi schäkern, beim G8-Gipfel im schottischen Gleneagles-Hotel. Wahre Machos unter sich.

Aber auch das hat es gegeben: Der ehemalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel berichtet, er habe starke Frauen an Schröders Seite erlebt. Und führt ein schlagendes Beispiel an: "Ich hab' mit Schröder Fußball geguckt, während er bügeln musste!" Das wiederum hätte sicher Schröders Mutter gefallen, auf die er zeitlebens so große Stücke hielt. Lange vor der Wahl des Sohnes zum Bundeskanzler wusste sie schon: "Es liecht ja ei'ntlich ans Volk", wenn man gewählt werden will. Der Satz hat ohne Zweifel noch immer seine Gültigkeit.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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