Gestrandet im Paradies: Wie Dubais Influencer den Krieg zur Content-Maschine machen
Es ist der Abend des 28. Februar 2026, als die Illusion zerbricht. Über dem Persischen Golf ziehen Leuchtspuren durch die Nacht, Flugabwehrsysteme feuern, dumpfe Einschläge erschüttern die Hochhausfassaden von Dubai Marina. In den oberen Stockwerken der Luxustürme greifen Menschen zu ihren Handys. Nicht, um den Notruf zu wählen. Sondern um zu filmen.
Innerhalb von Minuten sind Instagram und TikTok voll mit verwackelten Aufnahmen. Rauchsäulen hinter dem Burj Khalifa, orangefarbenes Leuchten über dem Horizont, der dumpfe Bass einer Detonation als Hintergrundgeräusch zu einem hastig eingesprochenen Kommentar. „Oh mein Gott, das ist real“, sagt eine deutsche Stimme in einer Instagram-Story. „Wir hören Bomben und fühlen die Erschütterungen“, schreibt eine andere.
Es sind die letzten ehrlichen Sekunden.
Das Paradies der Content Creator
Um zu verstehen, was in den Tagen danach geschah, muss man verstehen, was Dubai für die deutsche Influencer-Szene bedeutet. Seit Jahren ist die Wüstenmetropole das, was Paris einmal für Schriftsteller war: ein Sehnsuchtsort, ein Versprechen, eine Bühne. Niedrige Steuern, ganzjähriger Sonnenschein, eine Skyline wie aus einem Science-Fiction-Film und eine Regierung, die Content Creator mit offenen Armen empfängt. Dubai wirbt seit Jahren gezielt um Influencer aus dem Ausland. Visa sind leicht zu bekommen, die Bürokratie ist schlank, und wer genug Follower mitbringt, dem öffnen sich Türen, die anderswo verschlossen bleiben.
In den letzten Jahren sind Hunderte deutsche Influencer in die Emirate gezogen. Manche sind prominent: Rapper Bushido lebte seit August 2022 mit seiner Frau Anna-Maria Ferchichi und den gemeinsamen Kindern in Dubai. Die ehemalige „Germany’s Next Topmodel“-Kandidatin Fiona Erdmann hat sich dort ein neues Leben aufgebaut. Dazu kommen Dutzende Fitness-Influencer, Krypto-Coaches, Lifestyle-Blogger und Motivationsredner, die von Dubai aus ihr digitales Imperium betreiben.
Sie alle hatten sich hier niedergelassen, weil Dubai für Sicherheit stand. Für Ordnung. Für ein System, das funktioniert. Es war dieser Ruf, den sie in ihren Videos immer wieder beschworen, wenn sie ihren Followern das Leben am Golf verkauften. „Hier passiert nichts“, sagten sie. „Hier ist alles safe.“
Dann flogen die Raketen.
Die Nacht, in der alles kippte
Die iranischen Angriffe Ende Februar trafen die Golfstaaten unvorbereitet, zumindest was die öffentliche Wahrnehmung betrifft. Seit Jahren hatten die Emirate ein Bild der Unangreifbarkeit kultiviert. Dubai als Oase des Friedens inmitten einer unruhigen Region, geschützt durch Diplomatie, durch Geld, durch die schiere Distanz zum Geschehen. Dass diese Distanz eine Illusion war, zeigte sich an jenem Februarabend.
Die Luftschläge Israels und der USA gegen iranische Ziele hatten eine Eskalation ausgelöst, die niemand in diesem Ausmaß vorhergesehen hatte. Der Iran antwortete mit Vergeltungsschlägen, und die Golfstaaten, die den USA Überflugrechte und logistische Unterstützung gewährt hatten, gerieten ins Fadenkreuz. Am 1. März wurde der Flughafen Dubai erstmals geschlossen. Tausende Reisende saßen fest. Das Auswärtige Amt sprach eine Reisewarnung aus und riet dringend zur Ausreise.
In den Lobbys der Fünf-Sterne-Hotels begannen sich die Szenen zu gleichen: Touristen mit Rollkoffern, die auf Informationen warteten. Familien mit Kindern, die nicht wussten, wann sie nach Hause kommen würden. Geschäftsreisende, die hektisch telefonierten. Und mittendrin, erkennbar an den Ringlichtern und den perfekt ausgeleuchten Gesichtern: die Influencer.
Der große Sinneswandel
Was in den ersten Stunden nach den Angriffen auf den Social-Media-Kanälen zu sehen war, entsprach noch dem, was man von Menschen in einer Ausnahmesituation erwarten würde. Angst, Unsicherheit, der Drang, das Erlebte zu teilen. Doch dann setzte ein bemerkenswerter Wandel ein.
Einer nach dem anderen löschten die Influencer ihre Aufnahmen von Rauchsäulen und Detonationen. Die verwackelten Handyvideos verschwanden aus den Stories. Und an ihre Stelle trat etwas, das Beobachter fassungslos machte: eine Welle von nahezu identischen Clips, die alle dieselbe Botschaft transportierten. Dubai ist sicher. Das System funktioniert. Wir vertrauen der Regierung.
Die Videos folgen einem auffällig einheitlichen Muster. Sie beginnen mit majestätischen Aufnahmen der Skyline, unterlegt mit dramatischer Musik. Dann kommt die Frage, meist als Texteinblendung: „You live in Dubai. Aren’t you scared?“ Die Antwort fällt stets gleich aus: Ein selbstbewusstes Kopfschütteln, ein Blick in die Kamera und die Worte „I trust the system.“
Als die ersten zehn, zwanzig, dreißig dieser Videos in den Feeds auftauchten, hielten manche Zuschauer sie noch für einen organischen Trend. Doch je mehr es wurden, desto deutlicher wurde das Muster. Die Nutzer in den Kommentarspalten reagierten zunehmend gereizt. „Wie viel habt ihr dafür bekommen?“, fragten sie. „Wer hat euch den Text geschrieben?“ Die Deutsche Welle berichtete, dass Social-Media-Nutzer die Dopplungen schnell bemerkten und die Influencer offen fragten, ob sie für die Veröffentlichung von Propaganda bezahlt worden seien.
Die Lizenz zum Schweigen
Die Frage, ob hinter dem kollektiven Sinneswandel staatliche Steuerung steckt, lässt sich nicht abschließend beantworten. Doch die Rahmenbedingungen, unter denen Influencer in den Vereinigten Arabischen Emiraten arbeiten, legen nahe, dass die Sache komplizierter ist als ein simpler TikTok-Trend.
Seit 2026 unterliegen Content Creator in den VAE einer doppelten Lizenzpflicht. Wer kommerzielle Inhalte produziert, braucht nicht nur eine Handelslizenz, sondern auch eine Genehmigung des UAE Media Council. Der Bayerische Rundfunk berichtete ausführlich über dieses System, das den Behörden weitreichende Kontrolle über das gibt, was Influencer posten dürfen und was nicht.
Die Gesetze der Emirate kennen dabei wenig Grautöne. Das Filmen von sicherheitsrelevanten Vorfällen kann strafrechtliche Konsequenzen haben. Ein Fall, der Mitte März international Aufmerksamkeit erregte, macht das drastisch deutlich: Ein 60-jähriger britischer Tourist wurde in Dubai festgenommen, weil er iranische Raketeneinschläge gefilmt haben soll. Die Polizei ermittelt. Die Botschaft an alle, die ein Smartphone besitzen, war unmissverständlich.
Für Influencer, deren gesamte Existenz auf dem Standort Dubai aufgebaut ist, entsteht daraus eine Zwangslage, die über die übliche kreative Selbstzensur weit hinausgeht. Wer ehrlich über die Sicherheitslage berichtet, riskiert seine Lizenz. Wer seine Lizenz verliert, verliert sein Visum. Wer sein Visum verliert, verliert seine steuerlichen Vorteile, seine Wohnung, sein Netzwerk, sein Geschäftsmodell. In einem bemerkenswert offenen Moment sagte eine deutsche Influencerin dem „Stern“: „Ich weiß nicht, was ich sagen darf.“
Es ist ein Satz, der mehr über die Realität des Influencer-Lebens in den Emiraten verrät als tausend Sonnenuntergangs-Reels.
Kajal zwischen Raketen
Während die einen schwiegen oder staatstragende Botschaften verbreiteten, machten andere einfach weiter, als sei nichts geschehen. Der SPIEGEL dokumentierte den Fall einer deutschen Influencerin, die zwischen Berichten über Raketeneinschläge weiterhin Kosmetikprodukte bewarb. Die Zeile „In Dubai schlagen Raketen ein, deutsche Influencer bewerben Kajal“ wurde zum Sinnbild einer Branche, die ihre eigene Absurdität nicht mehr zu erkennen scheint.
Die ZEIT fasste das Phänomen in einer Überschrift zusammen, die man nicht hätte treffender formulieren können: „Krieg, jetzt mit Rabattcode.“ Der Artikel beschrieb, wie deutsche Influencer in Dubai aus dem Krieg Content machten, wie sie die Eskalation in ihre gewohnte Dramaturgie einbauten: ein bisschen Spannung, ein bisschen Emotionalität, und dann der Swipe-up-Link zum Onlineshop.
Es ist diese Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren, die das Publikum so empört. Auf der einen Seite Zehntausende Menschen, die verzweifelt auf Evakuierungsflüge warten, die in Hotelzimmern sitzen und nicht wissen, ob morgen eine Drohne den Flughafen trifft. Auf der anderen Seite perfekt ausgeleuchtete Gesichter, die das Vertrauen in ein System predigen, das gerade sichtbar an seine Grenzen stößt.
Am 16. März traf eine Drohne einen Tank in der Nähe des Flughafens Dubai. Eine Rauchsäule stieg auf, der Flugverkehr wurde stundenlang eingestellt. Emirates strich weitere Flüge, auch ab Hamburg. Die Tagesschau berichtete, dass Zehntausende Deutsche in der Golfregion festsaßen. Das Auswärtige Amt organisierte Evakuierungsflüge. TUI kündigte an, Urlauber mit Sondermaschinen zurückzuholen.
Und auf TikTok? Lief der nächste „I trust the system“-Clip.
Die gespaltene Community
Nicht alle deutschen Prominenten in Dubai spielten das Spiel mit. Rapper Bushido, der mit seiner Familie seit dreieinhalb Jahren in der Wüstenmetropole gelebt hatte, packte die Koffer und zog nach München. Seine Frau Anna-Maria Ferchichi meldete sich bei ihren über einer Million Instagram-Followern und schilderte die Situation ohne die übliche Dubai-Euphorie. Die Entscheidung, das Land zu verlassen, war für die Familie offenbar keine schwere.
Andere blieben. Und man kann ihre Gründe durchaus nachvollziehen, ohne sie zu billigen. Wer in Dubai ein Unternehmen aufgebaut hat, eine Wohnung gemietet, seine Kinder in der Schule angemeldet hat, der kann nicht einfach den Laptop zuklappen und gehen. Das Influencer-Dasein am Golf ist längst mehr als ein verlängerter Urlaub. Es ist ein Geschäftsmodell, das auf dem Image eines bestimmten Ortes beruht. Und dieses Image zu beschädigen bedeutet, das eigene Geschäft zu beschädigen.
Der WDR widmete dem Phänomen einen ausführlichen Beitrag unter dem Titel „Maulkorb vom Scheich?“ und sprach mit Experten über die Frage, wie viel Selbstzensur im Spiel sei und wie viel staatlicher Druck. Die Antwort ist, wie so oft in den Emiraten, nicht eindeutig. Es gibt keine öffentlich bekannt gewordene Anweisung der Behörden, bestimmte Inhalte zu posten. Aber es gibt ein System, das auf subtile Weise dafür sorgt, dass die Grenzen des Sagbaren klar sind, ohne dass jemand sie ausdrücklich benennen müsste.
Ein Kommentator im WDR-Forum brachte es auf den Punkt: „Diese Influencer sind fast noch schlimmer als die dortige Regierung. Sie verkaufen ihren moralischen Kompass für Geld.“
Das Geschäftsmodell bröckelt
Was die Influencer-Krise in Dubai von einem bloßen Social-Media-Skandal unterscheidet, ist die ökonomische Dimension, die dahintersteht. Dubai hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein Wirtschaftsmodell aufgebaut, das auf dem Versprechen von Sicherheit und Stabilität beruht. Internationale Unternehmen, Investoren, Freiberufler und eben auch Content Creator kamen, weil die Emirate als sicherer Hafen galten. In einer Region, in der Kriege und Konflikte zum Alltag gehören, war Dubai die Ausnahme. Der Ort, an dem nichts passiert. Der Ort, an dem man in Ruhe Geld verdienen kann.
Jim Krane, Energieexperte und Nahost-Kenner am Baker Institute der Rice University, fand gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters drastische Worte: „Es ist schwer, die Gefahr für Dubais Wirtschaftsmodell zu übertreiben.“ Der physische Schaden durch die Angriffe möge begrenzt sein. Aber der Ruf, der Dubai zu dem gemacht hat, was es ist, dieser Ruf stehe auf dem Spiel. „Je länger der Krieg andauert, desto intensiver wird die Suche nach alternativen Standorten sein.“
Für die Influencer-Branche könnte das eine Zeitenwende bedeuten. Schon vor dem Krieg gab es Stimmen, die das Dubai-Modell kritisch sahen. Die fehlende Pressefreiheit, die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen, die Rechtsunsicherheit für ausländische Bewohner. All das wurde von der Branche weitgehend ignoriert, solange die Rahmenbedingungen stimmten: kein Regen, keine Steuern, keine Fragen.
Nun, da Raketen einschlagen und der Flughafen geschlossen wird, lässt sich die Fassade nicht mehr aufrechterhalten. Oder doch?
Die Frage nach der Verantwortung
Was in den ersten Märzwochen 2026 auf den Social-Media-Kanälen der Dubai-Influencer zu beobachten war, ist mehr als eine Kuriosität. Es ist ein Lehrstück über die Funktionsweise einer Branche, die sich jeder Regulierung entzieht und jede Realität zu einem Format verarbeiten kann.
Die zentrale Frage lautet: Tragen Influencer eine publizistische Verantwortung? Sie erreichen Millionen von Menschen, oft jüngere Zielgruppen, die klassischen Medien kaum noch vertrauen. Wenn diese Influencer in einer Kriegssituation systematisch Entwarnung geben, wenn sie staatlich erwünschte Narrative verbreiten und gleichzeitig kritische Inhalte löschen, dann bewegen sie sich in einem Bereich, der über Unterhaltung weit hinausgeht.
Der Deutsche Pressekodex, der für journalistische Medien gilt, kennt klare Regeln: Wahrhaftigkeit, Sorgfaltspflicht, Trennung von Werbung und Redaktion. Für Influencer gelten diese Regeln nicht. Es gibt keine Redaktionskonferenz, die entscheidet, ob ein Video veröffentlicht wird. Es gibt keinen Chefredakteur, der eine Korrektur anordnet. Es gibt nur den Algorithmus, der belohnt, was Klicks generiert. Und die Angst vor einem Staat, der die Lizenz entziehen kann.
Das Ergebnis ist ein Informationsraum, in dem die Grenzen zwischen Journalismus, Werbung und Propaganda vollständig verschwimmen. Ein Raum, in dem eine junge Frau aus Deutschland in einem Video die Sicherheit eines Landes bezeugen kann, das gerade bombardiert wird, und im nächsten Video Wimperntusche verkauft. Ohne Bruch, ohne Erklärung, ohne Widerspruch.
Was bleibt
Mitte März 2026 ist die Lage in der Golfregion weiterhin instabil. Die Flughäfen öffnen und schließen im Rhythmus der Angriffe. Die Lufthansa fliegt Dubai bis mindestens Ende März nicht an, Emirates hat Verbindungen nach Hamburg gestrichen, der Abflugplan am Helmut-Schmidt-Airport zeigt weiterhin Geisterflüge an, die nie abheben werden.
Die Influencer in Dubai posten weiter. Manche haben den Ton gewechselt und sprechen vorsichtiger über „Unsicherheit im Hintergrund“. Andere halten an der Botschaft fest, dass das System sie schützt. Wieder andere haben still und leise ihre Koffer gepackt und sind gegangen, ohne darüber zu posten.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass das Influencer-Paradies Dubai nie das war, als was es verkauft wurde. Nicht weil es jetzt Raketen gibt. Sondern weil ein System, das von seinen Bewohnern verlangt, eine bestimmte Geschichte zu erzählen, schon immer etwas anderes war als das, was auf Instagram zu sehen war. Der Krieg hat lediglich sichtbar gemacht, was schon vorher da war: eine kuratierte Realität, in der alles, auch die eigene Sicherheit, zum Content wird.
Und so schließt sich der Kreis an jenem Februarabend, als die ersten Raketen flogen. Die Influencer griffen zum Handy. Nicht um den Notruf zu wählen. Sondern um zu filmen. Es war der ehrlichste Moment, den diese Branche je hatte. Dann löschten sie die Videos.