In ihrem zweiten Fall muss Lotte Jäger einen Mord aufklären, der 16 Jahre zurückliegt. Die zerrüttete Psyche der Ermittlerin rückt in "Lotte Jäger und die Tote im Dorf" in den Mittelpunkt, wodurch ein sehenswerter und stilistisch eigenwilliger Krimi entstanden ist.

Zweiter Fall für Lotte Jäger: Nachdem die ZDF-Krimi-Reihe vor rund zwei Jahren ein viel beachtetes Debüt feierte, kehrt die von Silke Bodenbender gespielte Sonderermittlerin des LKA Potsdam auf die Bildschirme zurück. In "Lotte Jäger und die Tote im Dorf" wartet erneut ein ungelöster Fall aus der Vergangenheit auf sie und ihren Kollegen Schaake (Sebastian Hülk): Vor 16 Jahren wurde eine junge Frau zu Hause ermordet. Das Verbrechen geschah in der Nacht, als ein ganzes Dorf feucht-fröhlich den Aufstieg seiner Fußballmannschaft feierte. Dass der Mörder nie gefasst wurde, wurmt den damaligen Ermittler noch heute. Plötzlich taucht ein längst verloren geglaubtes Video auf – kann jetzt endlich Licht ins Dunkel gebracht werden? Den Staffelstab übergibt der mittlerweile pensionierte Kommissar an Lotte Jäger: "Heute sind Sie dran!"

Zur Premiere wurden dem Format noch Startschwierigkeiten attestiert, unter Franziska Meletzkys versierter Regie blüht die Reihe nun auf. Das liegt maßgeblich daran, dass sie die zerrüttete Psyche der Heldin in den Mittelpunkt rückt. Dafür hat sich die Filmemacherin etliche inszenatorische Freiheiten genommen: Irritierende Schwarzblenden, Vogelperspektiven, Zeitmanipulationen – die mentalen Zustände der Kommissarin werden audiovisuell austariert und erlauben uns einen Blick in ihre Seele, ihr Denken.

Insgesamt steht bei der deutschen Antwort auf "Cold Case" natürlich der Faktor Zeit im Vordergrund: Immer wieder sind Uhren zu sehen, ständig hört man es irgendwo Ticken, auch Lieder enthalten Zeilen zum Thema. "Die Zeit hat hier keine Eile", heißt es an einer Stelle. Doch, das hat sie. Denn Jäger will den Fall endlich ad acta legen, den Schuldigen überführen. Doch im Dorf hat seit jenem tragischen Vorfall die Paranoia Überhand genommen. Jeder verdächtigt jeden, Misstrauen bestimmt das Leben im Dorf, man fühlt sich an die McCarthy-Ära oder die Stasi-Zeit erinnert – nicht umsonst spielt die Reihe in Ostdeutschland.

Wie schon im ersten Teil wird dem Zuschauer ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit abverlangt, um sich die Namen aller potenziellen Täter zu merken. Das ist nicht immer einfach. Dennoch: Das erneut aus Rolf Basedows Feder stammende Skript ist war nicht allzu innovativ, aber spannend und überraschend. Als Jäger irgendwann einem umweltpolitischen Skandal auf die Spur kommt, nimmt die Story an Fahrt auf. Zudem punktet das Drehbuch mit einer grandiosen Auflösung.

Visuell ungewöhnlich gestaltet sich auch Jägers mentale Rekonstruktion des Tathergangs: Die Erzählung springt von der Gegenwart in die Vergangenheit – manchmal imaginiert sich die Polizistin sogar als stille Beobachterin mitten hinein in die Tatnacht. Dass die Ermittlerin irgendwann nicht mehr Realität von Fantasie zu trennen vermag, wirkt zunächst plakativ, gerät aber überzeugend: Denn das wiederholte Ansehen des Amateurvideos und die fieberhafte Suche nach Hinweisen verlangen ihr alles ab – Panikattacken und Angstzustände tun ihr Übriges.

Stilistisch höchst eigenwillig und unkonventionell, dramaturgisch altbewährt und funktional kommt der neue Fall von Lotte Jäger daher – und schickt sich damit an, die Krimilandschaft um ein wirklich gelungenes neues Format zu bereichern. Man darf gespannt sein, wie es mit der ZDF-Reihe in Zukunft weitergehen wird.

Was hat Darstellerin Silke Bodenbender an der Rolle der Lotte Jäger gereizt? Lesen Sie hier ein Interview mit der Schauspielerin.


Quelle: teleschau – der Mediendienst