Lou Andreas-Salomé verdrehte Männern wie Nietzsche und Rilke den Kopf. Doch die Philosophin und Dichterin war weit mehr als eine Muse, wie auch das Filmporträt zeigt. 

Nach diversen Musikvideos und TV-Dokumentarfilmen feierte Produzentin, Autorin und Regisseurin Cordula Kablitz-Post mit "Lou Andreas-Salomé" 2016 ihr Kino-Debüt. Als Hauptperson unter anderem dabei: Grimme-Preis-Trägerin Liv Lisa Fries (bei Sky derzeit wieder in der neuen Staffel der Sky-Erfolgsserie "Babylon Berlin" zu sehen). Für das Porträt nahm sich Kablitz-Post eine äußerst interessante Persönlichkeit vor, eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war: Sie war die Frau mit der Peitsche, die im Fotoatelier mit zwei Männern posierte, deren einer den Namen Friedrich Nietzsche trug. Sie wollte die Unabhängigkeit. Immer wieder lehnte sie Heiratsanträge berühmter Männer ab, die leidenschaftlich um sie buhlten und ihren gesamten zur Verfügung stehenden Wortschatz in die Waagschale warfen.

Rainer Maria Rilke, der Dichter, machte es am besten: "Du warst das Zarteste, das mir begegnet" dichtete er, "das Härteste warst Du, damit ich rang. Du warst das Hohe, das mich gesegnet – und wurdest der Abgrund, der mich verschlang." Rilke war es dann auch, mit dem sich Lou wirklich einließ – voll und ganz. Die Liebe der beiden im Fokus des Dramas "Lou Andreas-Salomé", das man schmählich ein Biopic nennen muss, wäre sicher eine Option für richtige Dramatik gewesen.

So aber wird es dann doch eine Berühmten-Abhakerei auf hohem Niveau. Daran ändert auch die ausführliche Rahmenhandlung nichts, die sich an das vergangene Leben der weitgehend vergessenen 1861 in St. Petersburg geborenen Philosophin, Dichterin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé heranpirscht.

Im Schreckensjahr 1933, als die bereits betagte Lou als Psychoanalytikerin zurückgezogen in Göttingen lebt, besucht sie ein junger Germanist, der bei ihr Hilfe sucht, weil er schwere Eheprobleme und eine Schreibblockade hat. Doch aus der Therapiestunde wird nach und nach die Niederschrift des erfüllten Lebens einer bemerkenswerten Frau. Lou Andreas-Salomés Erinnerungen tauchen aus dem Zettelkasten auf.

Eine Reihe abgelehnter Heiratsanträge

Der Zuschauer sieht und staunt: Da wird mit Nietzsche und dem nicht gar so bekannten Philosophen Paul Rée im See gebadet und gerudert – keine Frage, dass die beiden geradezu zeitgleich um die Göttliche buhlen. Doch Lou versteht zu trennen zwischen tiefer Sympathie und Sexualität, tieferer Erotik. Alle machen ihr Heiratsanträge, und alle lehnt sie ab.

Immerhin: Gerne würde sie mit mehreren Männern in einer Art WG zusammenleben: "Eine Kameradschaft mit dem Ziel der geistigen Vervollkommnung. Wäre das nicht wunderbar? – Wir wollen doch einmal sehen, ob die scheinbar unüberwindbaren Schranken, die diese Welt zieht, sich nicht als harmlose Kreidestriche erweisen." Ja, reden und schreiben konnte sie, die Lou Andreas-Salomé. Fast kam sie mit ihren eigenen Worten an den genialen Rainer Maria Rilke heran.

Aus der platonischen Wohngemeinschaft zu dritt wurde nichts, wohl aber ging sie mit dem 15 Jahre älteren Orientalisten Friedrich Carl Andreas eine Scheinehe ein, unter der Bedingung, dass die Ehe nicht wirklich vollzogen wird. Höchste Zeit für Rilke, mit dem sie ihre ersten sexuellen Erlebnisse hat. Der Sommer 1897 und ein symbolischer Ehering werden zur Traumzeit ihres Lebens. Das fasst die Kamera in mitreißend schöne Bilder. Reine Erotik und Natur und der tief atmende Score von Judit Vargas Musik.

Auf Reé, Nietzsche und Rilke folgt noch Sigmund Freud, den sie bewundert und dessen Psychoanalyse sie studiert und befruchtet. Da wird's dann, aus Platzmangel, zum Digest der Geistesgrößen um 1900. Die Figuren kommen nicht mehr aus ihren Vorbildern heraus, sie gewinnen kein Eigenleben. Dabei sind sie alle gut: die dreifache Lou (jung, alt und in der Blüte), die Katharina Lorenz, Nicole Heesters und (sechzehnjährig) Liv Lisa Fries mit viel Energie verkörpern.

Doch irgendwie wird man letztlich den Eindruck einer braven Seminararbeit nicht los. Es fehlt ein wirklicher Geistesplot, ein Drive in dieser Lebensgeschichte. Cordula Kablitz-Post, die Regisseurin, hat den preisgekürten Spielfilm "Sophiiiie" (mit Katharina Schüttler, 2003) mitproduziert. Schade, dass ihr eigenes Regiedebüt von dessen starker Energie so wenig mitgenommen hat.

"Lou Andreas-Salomé" – Mi. 05.02. – ARTE: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH