Serie bei "Star"

"Love, Victor": Warum gibt es so eine Serie nicht aus Deutschland?

von Sven Hauberg

Zum Start seines neuen Angebots "Star" zeigt der Streamingdienst Disney+ die bezaubernde Serie "Love, Victor". Im Mittelpunkt: ein junger Mann, der Gefühle für seinen Mitschüler entwickelt.

"Ich komme aus einer Welt, die mir nicht von mir erzählt hat", sagte Schauspieler und Regisseur Tucké Royale kürzlich im Interview mit dem "SZ Magazin". Royale war einer von 185 Unterzeichnern, die unter dem Stichwort "#actout" mehr Sichtbarkeit von queeren Schauspielern und Rollen in der deutschen Kino- und TV-Landschaft forderten. Generationen schwuler und lesbischer Deutscher wissen, wovon Royale spricht: Ihre Geschichten werden hierzulande in Film und Fernsehen einfach nicht erzählt. Dass das nicht nur ein rein subjektives Empfinden ist, fand 2017 eine Studie der Universität Rostock heraus. Demnach sind 60 Prozent der Protagonisten im deutschen Fernsehen eindeutig als heterosexuell zu erkennen; bei 40 Prozent wird die Sexualität nicht thematisiert. Oder anders gesagt: Eindeutig homosexuelle Figuren gibt es so gut wie gar nicht.

Viel geändert hat sich seitdem nicht, von einigen löblichen Ausnahmen einmal abgesehen. Schwule und Lesben tauchen im deutschen Fernsehen, wenn überhaupt, meist am Rande auf – in kleinen Rollen, als Bruder der Hauptfigur, als Sidekick. Eigenständige Geschichten, die sich mit ihrem Erleben beschäftigen, werden nur selten erzählt. Anders bei Netflix und Co.: Bei den Streamingdiensten kommt kaum eine Serie mehr ohne schwule und lesbische Charaktere aus – dafür manchmal ganz ohne heterosexuelle.

Bei Disney+ allerdings, dem sehr braven Streamingportal des Mäusekonzerns, wurde Diversität bislang nicht unbedingt großgeschrieben. Aber auch das ändert sich nun langsam. Denn ab 23. Februar bietet der Dienst seinen Nutzern unter dem Label "Star" Dutzende Filme und Serien für ältere Zuschauer, darunter viele Klassiker wie "Grey's Anatomy" und "Akte X". Und – als eines von vier sogenannten "Star Originals" – auch die bezaubernde Serie "Love, Victor" über einen jungen Mann auf der Suche nach sich selbst.

"Love, Victor" versteht sich als eine Art Fortsetzung des Kinoerfolgs "Love, Simon" von 2018. In der Verfilmung des Romans "Nur drei Worte" von Becky Albertalli spielte Nick Robinson einen Highschool-Schüler, der sich online in einen Jungen aus seiner Schule verliebt – aber nicht weiß, um wen es sich bei dem Unbekannten eigentlich handelt. "Love, Simon" war typische Hollywood-Kost, aber eben doch auch etwas Besonderes, weil sich nie zuvor ein großes Studio an eine schwule Teenie-Komödie gewagt hatte. Belohnt wurde dieser Mut mit einem überragenden Erfolg an den US-Kinokassen.

Simon ist der Erzähler

Der von Robinson gespielte Simon taucht nun auch in "Love, Victor" auf, allerdings nur virtuell, als Chat-Partner von Hauptfigur Victor (Michael Cimino). Der ist gerade mit seiner Familie von Texas nach Atlanta umgezogen und soll hier nun auf Simons ehemalige Highschool gehen. Und weil er natürlich Bammel hat vor dem, was ihn dort erwartet, und er außerdem nicht sicher ist, ob er nun auf Mädchen oder auf Jungs steht, wendet er sich an Simon, der ihn fortan als Erzähler der Serie begleitet. Das ist ein netter Kniff der Serienmacher Isaac Aptaker und Elizabeth Berger, die schon für "Love, Simon" das Drehbuch geschrieben haben und den Zuschauer nun wieder in die liebgewonnene Welt des Films mitnehmen.

Was Victor, dessen Eltern aus Puerto Rico stammen, an der Creekwood High erwartet, kennt man einerseits aus unzähligen US-Filmen. Da gibt es die nervig-peinlichen Lehrer, die nerdigen, aber aufrichtigen Klassenkameraden, die doofen Schlägertypen, die sich insgeheim nach Liebe sehnen. Und natürlich das Mädchen mit dem niedlichen Lächeln, auf das jeder steht – auch Victor. Nur ist da eben auch noch Benji (George Sear), der offen schwule Typ mit dem engen T-Shirt, der Victor ebenso den Kopf verdreht wie Mia (Rachel Hilson), das zuckersüße Mädchen aus seiner Klasse ...

Erzählt wird all das einfühlsam, sehr humorvoll und nie politisch allzu korrekt. Oft schrammt "Love, Victor" ganz nah am Kitsch vorbei, wird in letzter Sekunde dann aber doch wieder so wunderbar aufrichtig und entwaffnend ehrlich, dass einem ganz warm ums Herz wird. Und mit Michael Cimino hat die Serie, die in den USA beim Streamingdienst Hulu zu sehen ist, auch noch einen wahnsinnig charmanten Hauptdarsteller.

"Jeder verdient eine große Liebe", stand vor zwei Jahren auf den Kinoplakaten zu "Love, Simon". Man könnte auch sagen: Jeder verdient eine eigene Teenie-Serie, auch schwule und lesbische Jugendliche und all die, die noch nicht wissen, auf was sie eigentlich stehen. "Love, Victor" löst dieses Versprechen jetzt ganz wunderbar ein. Man darf gespannt sein, wann so etwas auch im deutschen Fernsehen möglich ist.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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