"Mir ist es egal, ob er 220 Millionen kostet oder 440 Millionen. Es übersteigt meine Fähigkeit, das einzuordnen", so wie Christian Streich geht es wahrscheinlich den meisten Menschen, wenn sie an den Transfer von Neymar denken. Der Brasilianer wechselte im Sommer 2017 für 222 Millionen Euro vom FC Barcelona zu Paris St. Germain. Für den Trainer des SC Freiburg ein Beleg dafür, dass sich der Fußball in "irreale" Sphären verabschiedet. "Der Gott des Geldes wird immer größer, und irgendwann verschlingt er alles" – was an Streichs gefühlter Wahrheit dran ist, versuchen Béla Réthy und Halim Hosny in der "ZDFzoom"-Reportage "Kick & Cash – Macht Geld den Fußball kaputt?" zu erkunden. Sinnigerweise nach dem Halbfinalhinspiel der Champions League zwischen dem FC Bayern München und Real Madrid am Mittwoch, 25. April, ab 23.15 Uhr.

"Wir wollten ein Stimmungsbild erarbeiten, inwieweit diese Tendenz, die man im Sommer 2017 gespürt hat, also dass der Fußball seine Seele und sein Herz verliert, auch realistisch ist", sagt Béla Réthy über das Anliegen der Filmemacher. 45 Minuten Sendezeit haben Réthy und Hosny dafür zur Verfügung, was angesichts der Komplexität ziemlich knapp bemessen scheint. Strukturen, Finanzen, Emotionen wo will man da anfangen? Kann man das alles unterkriegen?

"Das Thema hat natürlich mehr Facetten. Aber es trieb uns schon eine ganze Weile um", sagt "ZDFzoom"-Autor Halim Hosny mit nüchternem Tonfall. Auch Béla Réthy ist im Autorengespräch betont sachlich, obwohl man beiden anmerkt, dass sie das Rumoren in der Szene seit dem Transferwahnsinn im letzten Sommer nicht nur mit journalistischer Neugier wahrnehmen. Ergebnisoffen seien sie an ihren Film herangegangen, das betonen beide. Neben Fans kommen auch Funktionäre zu Wort, Vereinsbosse und Investoren.

"Die Fans sind aufgebracht"

"Wir verteufeln den Kommerz nicht, sondern hinterfragen, inwieweit die Geldmaschinerie die Sportart verändern wird", sagt Réthy. "Macht Geld den Fußball kaputt? – Das ist eine Frage, keine Feststellung", ergänzt Hosny. Ihre Recherchen in der Bundesliga, bei Paris St. Germain oder dem englischen Premier League-Club Huddersfield Town habe ein differenziertes Stimmungsbild ergeben. "Die Fans sind aufgebracht und haben das Gefühl, dass der Kommerz als Triebfeder vieler Vereine im Mittelpunkt steht – und gar nicht mehr das Spiel an sich", berichtet Hosny.

Dabei sei der Begriff Kommerz per se nicht mal zwingend negativ besetzt. "Die Fans sind der Meinung, dass Kommerz bis zu einem gewissen Maß wichtig ist, um konkurrenzfähig zu bleiben", so Réthy. Zustände wie in Paris, wo PSG vor allem ein schickes Marketingvehikel des katarischen Staates ist, müsse man in der Bundesliga jedoch nicht befürchten. "Die Fans spüren durch ihre Aktionen in den letzten Monaten, dass sie eine gewisse Macht haben."

Die Proteste bei den Montagsspielen der Bundesliga führten zwar nicht dazu, dass sie wieder abgeschafft werden. Aber die Vereine hätten ein klares Signal bekommen, dass es so nicht weitergehen kann. "Mich würde es wundern, wenn es über die bisherige Vertragslaufzeit hinaus weitere Montagsspiele gäben oder ein weiteres Auffächern der Spieltage", prognostiziert Réthy.

Gleichwohl hätten die Vereine in der Bundesliga das Gefühl, mehr einnehmen zu müssen, um Schritt halten zu können mit den Vereinen im europäischen Ausland, die das große Geld zur Verfügung haben und Spieler aufkaufen. "In Deutschland versucht man die Quadratur des Kreises. Man will den alten Fußball erhalten und sucht nach Mitteln und Wegen, wie man das finanzieren kann", weiß Réthy zu berichten.

Überbezahltes Mittelmaß

Wobei obszöne Summen nicht unbedingt zu obszön guten Spielern führen müssen. Wenn plötzlich 105 Millionen Euro, die Borussia Dortmund für Ousmane Dembélé im Sommer 2017 bekam, in der Liga im Umlauf sind, dann wird vor allem "das Mittelmaß überbezahlt. Das hat eine Sogwirkung", analysiert Béla Réthy und wird von Halim Hosny sekundiert "Spieler werden nicht besser, wenn mehr Geld auf dem Markt ist. Sie werden nur teurer."

Macht also Geld wirklich den Fußball kaputt? Auf jeden Fall steht der Sport vor Veränderungen, die sich im schlimmsten Fall auch auf den Nachwuchsbereich auswirken. Wenn Fußball aus finanziellen Gründen nur noch im Pay-TV laufe und sich der Vater mit dem Sohn keine Spiele mehr anschauen könne, wäre es mittelfristig vorstellbar, dass die Motivation für Kinder, Fußball zu spielen, nachlasse. "Dann werden sie vielleicht lieber Biathleten", schmunzelt Réthy.


Quelle: teleschau – der Mediendienst