Ein "Sniper" wütet im Vordertaunus, ein Scharfschütze, der mit großer Akribie zu Werke geht. Erst hat er eine ältere Dame im Fadenkreuz, die im Wald vor bizarren Taunusfelsen spazieren geht. Der abgegebene Kopfschuss ist so lautlos wie tödlich. Bald danach gibt es ein zweites Opfer: Ein Schuss trifft eine Frau vor dem Einkaufszentrum ins Gesicht. Das kann niemanden im Weichbild Frankfurts freuen, es sei denn den Chefredakteur des "Taunus-Boten", der mit der Schlagzeile vom "Taunus-Sniper" das marode Zeitungsgeschäft beleben will. Irgendwann geht es im Zweiteiler "Die Lebenden und die Toten" (2017; nun erneut und am Stück zu sehen), dem siebten Film der Reihe nach Motiven von Nele Neuhaus, dann gar um einen viele Jahre zurückliegenden Fall einer Organtransplantation.

Dass bei alldem die Kommissare Pia Kirchhoff (Felicitas Woll) und Oliver von Bodenstein (Tim Bergmann) vom Kommissariat K11 im Dunkeln tappen, versteht sich fast von selbst. Zumal man ihnen ja auch noch einen "Fallanalytiker" (Simon Schwarz) vom Wiesbadener LKA vor die Nase setzt, der den Taunusmörder sofort mit einem Scharfschützen in Washington, D.C. vergleicht.

Das Erstaunliche an der Neuhaus-Vorlage und jetzt auch am Film-Drehbuch (Kris Karathomas, Marcus O. Rosenmüller): Der Zuschauer ist von Anfang an dabei, wenn der Scharfschütze nach penibelster Vorbereitung zur Flinte greift. Alles berücksichtigt er und versteht sich auf Wetter, Wind und Ballistik bestens. Dieser Scharfschütze wird von keinem Geringeren als Ulrich Tukur gespielt, sonst "Tatort"-Kommissar beim LKA.

Bald schlägt der Schütze erneut zu. Beim dritten Opfer, dem Ehemann einer Transplantationsverantwortlichen, dämmert den Kommissaren endlich ein Zusammenhang. Ihre Recherchen ergeben: Es geht um einen vier Jahre zurückliegenden Fall, beim Joggen hatte eine Frau einen Herzanfall erlitten. Das Herz der bereits Hirntoten sollte von deren Tochter für eine Organtransplantation freigegeben werden. Mit seinen Schüssen wollte der Scharfschütze, der im Namen der Tochter handelt und sich "Richter" nennt, die Schuldigen bestrafen, indem er ihnen – wie ihm geschehen – die Liebsten nimmt.

Marcus O. Rosenmüller, der Regisseur fast aller Taunuskrimis, blendet die vier Jahre zurückliegenden Bilder immer wieder in bräunlich gefärbten bleichen Szenen und mit halligen Tönen ein. Hätte die Herzkranke doch noch gerettet werden können? Und vor allem: Hätte sie die Organspende überhaupt gewollt? In drastischen Sätzen wehrt sich der Vater des Opfers gegen die Organentnahme, bringt biologische wie auch religiöse Elemente ins Spiel. Zuschauerwerbung für einen allfälligen Spenderausweis ist das nicht.

Wie die Schichten einer Zwiebel wird in der Folge ein immer umfänglicherer Transplantationsskandal aufgedeckt. Erstaunlich, dass das Ganze trotz der frühen Offenlegung bis zuletzt einigermaßen spannend bleibt. Es geht wie bei den berühmten TV-"Straßenfegern" der Vergangenheit ebenso kompliziert wie schurkenhaft zu. Was dem Zweiteiler dann doch an Suspense fehlt, machen Tukur und seine ihm als Racheengel antreibende Film-Tochter wett.


Quelle: teleschau – der Mediendienst