Film in der ARD

"Meeresleuchten": ungewöhnliches TV-Erlebnis mit Tukur

von Eric Leimann

Ein Vater trauert um seine Tochter. Sie ist bei einem Flugzeugabsturz verunglückt. Dieser Stoff weckt Erwartungen, die das ARD-Drama "Meeresleuchten" konterkariert.

ARD
Meeresleuchten
Drama • 17.02.2021 • 20:15 Uhr

Die ersten Minuten dieses ARD-Mittwochsfilms sind noch so, wie man sich ein "Trauerdrama" vorstellt. Der wohlhabende Unternehmer Thomas Wintersperger (Ulrich Tukur) und seine Frau Sonja (Ursina Lardi) erfahren vom Absturz einer Passagiermaschine über der Ostsee, nahe der deutschen Küste. Aus großer Sorge wird bald traurige Gewissheit. Ihre erwachsene Tochter saß im Flieger, auf der Rückreise von einem Japan-Trip.

Thomas und Sonja nehmen wie viele Angehörige an einer Trauerzeremonie am Strand teil, in der Nähe der Absturzstelle. Auf dem Rückweg ins Hotel lässt sich Thomas vom Busfahrer im Nirgendwo absetzen. Zu Fuß erreicht der Trauernde ein kleines Dorf und lernt dessen skurrile Bewohner kennen: einen mittellosen Künstler (Kostja Ullmann), der sich vor der Nähe seiner Frau (Sibel Kekilli), einer erfolgreichen Tänzerin, fürchtet. Eine ältere Frau (Carmen-Maja Antoni) mit Demenz-Erscheinungen, die aber gute Geschichte zu erzählen hat. Schließlich Max ( Hans Peter Korff), der sich rührend um seine Enkelin kümmert, deren Mutter öfter mal nicht imstande ist, ihre Rolle auszuüben.

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Kurz entschlossen kauft Thomas den verwaisten Dorfladen und sagt seinem unsicheren Bruder (Bernd Michael Lade), er solle das gemeinsame Unternehmen mit einigen hundert Mitarbeitern von nun an leiten. Mithilfe der resoluten Köchin Wiebke (Marie Schöneburg) wird Thomas' Krämerladen bald zum kommunikativen Zentrum der kleinen Gemeinde. Sonja versteht nicht, was ihr Mann an seinem neuen Leben mit einer Handvoll Fremder so schätzt. Er sagt, es sei die Nähe zu seiner toten Tochter irgendwo da draußen im Wasser, das er von seiner malerischen Ladenwohnung aus überblickt. Im Verlauf der poetischen, tragikomischen 90 Minuten des Drehbuchs von Wolfgang Panzer (auch Regie) lernt man die Geschichten der Dorfbewohner kennen. Und man kann dabei zusehen, wie sich sehr verschiedene Menschen in einer kleinen Community mit Zeit und Einfühlungsvermögen näherkommen.

Der 1947 geborene Regisseur Wolfgang Panzer hat seit zehn Jahren keinen Film mehr gedreht. Das schweizerdeutsche Kinodrama "Der große Kater", mit Bruno Ganz und eben Ulrich Tukur in den Hauptrollen, war das letzte Werk des in München geborenen Wahl-Schweizers. Panzers Ästhetik und Erzählweise unterscheiden sich deutlich von dem, wie man sich aktuelle Ferhsehfilme vorstellt. Spätestens dann, wenn Thomas in seiner Ostseegemeinde angekommen ist, erinnert der Plot en bisschen an den magischen Realismus eines Romans von Isabel Allende. Hier wird erst gar nicht versucht, echte oder zumindest "fernsehrealistische" Menschen zu zeigen oder Dinge zu erzählen, die einem der üblichen TV-Spannungsbögen folgen.

Zu Beginn wirkt dies eher befremdlich. Ebenso wie die Tatsache, dass kleine Nebenrollen des in Litauen gedrehten WDR-Dramas mit einheimischen Mimen gedreht und im Nachhinein synchronisiert wurde. Mit der Zeit lernt man die Bewohner der winzigen Ostseegemeinde jedoch besser kennen und lässt sich – ebenso wie Hauptfigur Thomas – auf sie ein. Nun ist es Zeit, ihren wunderlichen Lebensgeschichten zu lauschen und dabei besonderes Schauspiel zu erleben. Insbesondere der mittlerweile 78-jährige Hans Peter Korff – früher an Witta Pohls Seite der Vater in der ZDF-Serie "Diese Drombuschs" und mit "Neues aus Uhlenbusch" (1977-1980) ein echter Star – und die legendäre Bühnenschauspielerin Carmen-Maja Antoni (75) legen denkwürdige Solominuten aufs schauspielerische Parkett.

Man braucht ein wenig Zeit und Offenheit, um diesem ungewöhnlichen ARD-Mittwochsfilm folgen zu wollen. Wenn man sich darauf einlässt, belohnen Wolfgang Panzer und sein prominentes Ensemble den Zuschauer jedoch mit sehr schönen, tragikomischen TV-Miniaturen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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