Michael Mittermeier im Interview

"Man muss unbedingt auch darüber lachen können"

von Frank Rauscher

Michael Mittermeier hat seinen Humor noch lange nicht verloren. Im Interview spricht er aber wenigstens in einer Angelegenheit mit heiligem Ernst und plädiert für die Gründung einer deutschlandweiten "Task Force Kultur", sonst drohe einer ganze Branche der Absturz.

Nur nicht in die Irre führen lassen: "Ich glaube, ich hatte es schon" (Verlag Kiepenheuer & Witsch, zwölf Euro), Michael Mittermeiers neues Buch, dreht sich zwar tatsächlich um das Leben in Zeiten der Pandemie, aber die im Titel zitierte saloppe Selbstdiagnose stammt nicht etwa von ihm selbst, sondern nur von einem Mitreisenden, dem der Comedian bei einer Zugfahrt gegenüber saß. Gemeint war der Satz wohl als Entschuldigung, nachdem der Mann sich zum beherzten Niesen noch schnell die Maske vom Gesicht gerissen hatte. "Aus den Nasenflügeln pfeift noch ein leises 'Aerosole Mio", erinnert sich der Oberbayer in seinem Werk, dem er den Untertitel "Die Corona-Chroniken" verpasst hat und das voll ist mit solchen kuriosen Begebenheiten, die es vor einem Jahr so noch nicht gegeben hätte. – Was ist nur aus uns geworden? Mittermeier beschreibt es trefflich und stets mit einem Augenzwinkern. Der 54-Jährige würzt den allgemeinen Ernst der Lage mit unverblümten privaten Einblicken und seinem ureigenen Humor als wichtigste Zutat. Denn es hilft nichts: Die Pointen müssen raus – trotz langer Phasen des Lockdowns und Auftrittsverbots. Ein Gespräch über die Notwendigkeit des Witzes in ernsten Zeiten.

prisma: Herr Mittermeier, was ist schlimmer für Sie: drei Monate ohne Sex oder drei Monate ohne Auftritt?

Michael Mittermeier: Come on! Was ist das denn bitte für eine Einstiegsfrage – meine Frau wird an der Stelle schon aussteigen, ich sag's Ihnen (lacht).

prisma: Aber, ohne jetzt zu viel zu verraten, im Buch thematisieren Sie genau diesen inneren Konflikt ja selbst: Hormonstau versus Pointenstau sozusagen ...

Mittermeier: Also gut und ganz ehrlich: Ohne Auftritt ist schlimmer! Man ist ja auch in einem Alter, in dem man die Prioritäten nicht mehr nur am sexuellen Drang ausrichtet ...

prisma: Sie waren von März bis Anfang Juni komplett ohne Auftrittsmöglichkeit und zur, wie Sie es nennen, "Daily Home-Soap" mit Ehefrau und pubertierender Tochter verdonnert. War das mehr Drama oder Komödie?

Mittermeier: Beides zu gleichen Teilen. Wenn ich auf die Zeit blicke, sehe ich zwei Paralleluniversen: Wir haben uns als Familie daheim extrem wohlgefühlt, das intensive Zusammensein über eine so lange Zeit war toll. Aber daneben gab es dieses Dunkle: das Stakkato der Zahlen, die Pandemie, die gefühlte Bedrohung. Sicherlich habe auch ich am Anfang zu viel Fernsehberichterstattung dazu gesehen – das hat einen ja regelrecht erdrückt. Ich bin keiner, der schnell depressiv wird, aber gerade in diesen ersten Wochen war es schon ein bisschen finster. Also habe ich damit irgendwann aufgehört – Pandemie-Zahlen und Virologen-Aussagen zu analysieren, das ist nicht mein Job. Ich bin kein Wissenschaftler. Es macht auch keinen Sinn, wenn jeder daheim auf der Couch permanent versucht, sich seinen Reim auf die Verlautbarungen des RKI zu machen – und dann die Antworten zu seinen Fragen vielleicht auch noch bei Facebook oder sonstwo sucht.

prisma: Eine schizophrene Erfahrung, die sie mit den Allermeisten teilen dürften ...

Mittermeier: Absolut, es war bei uns wohl wirklich nicht anders als bei so vielen anderen: Wir standen endlich einmal nicht voll unter Strom und wussten die Zeit als Familie zu nutzen und zu genießen, es gab Serien-Binging bis zum Abwinken, tolle Spieleabende, heftigste Weißweinexzesse und romantische Ausflüge ins Grüne. Und doch hat man es zunehmend mit der Angst gekriegt. Irgendwann war auch klar, dass die Pandemie nicht mehr so schnell verschwinden wird. Wenn ich mich daran erinnere, wie viele Kollegen ihre Auftritte im Frühjahr zunächst erst mal um vier, fünf Wochen verschoben haben, weil sie davon ausgingen, dass danach alles wieder gut sein würde... Dann ging man dazu über, längerfristig zu denken und hat die Daten auf den Herbst und in den Winter gelegt. Inzwischen wissen wir, dass das alles obsolet ist. Es wird im ganzen nächsten Jahr nicht mehr normal werden.

prisma: Ach, kommen Sie, das ist nicht Ihr Ernst!

Mittermeier: Doch. An diese Wahrheit müssen wir uns gewöhnen, und es braucht endlich Konzepte, die dem gerecht werden – lieber gestern als heute.

prisma: Ganz ohne Konzerte und Auftritte wird 2021 doch gewiss nicht sein ...

Mittermeier: Nein, es wird in der hoffentlich wieder sehr langen Sommerzeit viele Open-Airs geben: keine Riesenfestivals, aber kleinere Veranstaltungen unter Pandemie-Bedingungen, wie wir sie zum Glück auch heuer schon vereinzelt hatten. Manches war improvisiert, anderes schon sehr professionell aufgezogen – wie die Konzertreihe im Innenhof des Deutschen Theaters in München, zu der ich meinen Teil beitragen durfte. Befreundete Veranstalter haben in Wien über drei Monate hinweg täglich eine Veranstaltung durchgezogen – ein Wahnsinnsaufwand mit all der Hygiene-Logistik, aber es war absolut großartig. Und so wird es 2021 weitergehen, dann hoffentlich ausgereifter, auf einer viel breiteren Ebene.

prisma: Ganz allgemein gefragt: Rettet das die Künstlerszene?

Mittermeier: Nein. Ganz allgemein geantwortet, ist das ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die Not in Kunst und Kultur ist groß – ich kenne so viele bedrückende Beispiele. Musiker, die jetzt Pizza backen. Und selbst, wenn es vielleicht in der zweiten Hälfte 2021 überraschenderweise doch besser werden sollte und man wieder größere Auftritte machen könnte, wird das erst mal noch keine Probleme lösen: Schon jetzt ist Ende 2021/Anfang 2022 alles komplett ausgebucht – da drängen sich alle Stars, die ihre Auftritte verschobenen hatten, und dem Publikum wird schlichtweg das Geld und die Zeit fehlen, sich auch noch bei kleineren Acts in die Hallen zu stellen. Aber eigentlich müßig, im Moment kauft sowieso keiner Tickets – egal, wie weit die Auftritte aufgeschoben werden.

prisma: Sie selbst haben im Sommer vieles ausprobiert: Sie spielten im Autokino, vor Menschen, die in Strandkörben saßen, und vor einem Publikum, das komplett mit Mund-Nasenschutz ausstaffiert war ... Sie erlebten Ihren Beruf aus ganz neuen Perspektiven, oder?

Mittermeier: Absolut. Und mir hat das alles extrem viel Spaß gemacht. Weil ich so etwas immer als Challenge nehme: Ins Autokino zu gehen – das war für mich so ähnlich wie damals, als ich nach England oder nach Amerika gegangen bin. Eine andere Energie, ein anderer Ansatz, totales Neuland, und da musst du bestehen als Stand-Up-Comedian – so was mag ich. Ich trat jetzt für eine ZDF-Aufzeichnung meines neuen Programms "Zwischenwelten – das Programm, das es nicht gibt" in der Frankfurter Festhalle auf – vor 90 Zuschauern. Ich habe da schon vor 8.000 Leuten gespielt. Und ich fand beides extrem spannend und klasse. Mein Job ist es, die Menschen zum Lachen zu bringen – da ist es mir im Grunde egal, ob es 90 oder 8.000 sind.

prisma: Sind Sie mit dem gleichen Ansatz auch an Ihr Buch herangegangen?

Mittermeier: Ja, genau. Mein Auftrag ist es nicht, Kommentare zur Corona-Politik abzugeben und in langen Worten zu erklären, wer denn wann was hätte anders machen sollen ... Nein, ich schreibe auf, was ich beobachte, und versuche, meine Erlebnisse, auf unterhaltsame Art zu schildern. Ich sehe mich da als Chronist unserer Zeit, aber ich bin eben zuerst auch Comedian und möchte die Leute zum Lachen bringen – mit meinem persönlichen Bezug zum Thema Corona, einem Thema also, das an sich überhaupt nicht zum Lachen ist. Aber genau das ist der Punkt: Der Lockdown, der ganze Wahnsinn – das gehört jetzt zu unserem Leben, und man muss unbedingt auch darüber lachen können. Das befreit, das hilft, das ist wichtig, sonst gehen wir daran noch kaputt.

prisma: Es wird in der Tat sehr wenig gelacht in diesen Zeiten ...

Mittermeier: Ja, aber nur in der Öffentlichkeit, in den Medien, auf Facebook oder bei diesen Querdenker-Veranstaltungen ... Daheim, in den eigenen vier Wänden, oder wenn sie unter Freunden sind, haben die Leute ihren Humor nicht verloren, da ist es wie immer – das ist meine Beobachtung. Gut, mag sein, dass manche gerade nur noch im Keller lachen, aber ganz ohne Spaß kann eigentlich niemand leben ... Daher glaube ich auch fest daran, dass der Humorstandort Deutschland auch nach der Pandemie weiterbestehen wird – aber bis dahin sind leider viele Bühnen, viele Veranstalter und auch einige Künstler auf der Strecke geblieben. Was mir Hoffnung macht: Es kommen viele junge Künstler nach. Wir haben zum Beispiel in Berlin eine starke Open-Mic-Szene, da tut sich auch in diesen Zeiten sehr viel.

prisma: Für die Humor-Kultur mag es Hoffnung geben, aber wie steht es um die Debattenkultur?

Mittermeier: Das ist leider der Punkt: Jeder hat heute die Möglichkeit, seinen Unmut, seine Wut, seinen Hass direkt und ungefiltert auszuwürgen – und davon wird leider immer mehr Gebrauch gemacht, wie ich auch erst selbst wieder erfahren durfte... Nachdem ich bei einem Auftritt die auch im Buch geschilderte Nummer über Attila Hildmann zum Besten gegeben hatte, haben mich Attila und seine Jünger zugeschüttet mit ihren Tiraden gegen mich oder die Regierung, mit der ich Systemling angeblich im Bunde stehe ... Natürlich ist so was schlimm – aber so ist es halt heute. Ich höre wegen eines Shitstorms bestimmt nicht mit meinem Job auf. Wir müssten nur endlich mal damit anfangen, darüber zu sprechen, welche Folgen das Phänomen für die Gesellschaft hat.

prisma: Es ist noch nicht so lange her, da wurden Kunst und Kultur als Schmiermittel oder Klebstoff einer Gesellschaft angesehen ...

Mittermeier: Ja, klar. Auch wenn man natürlich nicht immer einverstanden war mit dem, was Kabarettisten so von sich gaben, so galt es doch als Konsens, dass sie eine Daseinsberechtigung haben. Das sehen einige heute leider ganz anders ...

prisma: Kann man Verschwörungstheoretiker mit Kabarett oder Stand-Up-Comedy noch erreichen?

Mittermeier: Nein, die haben wirklich keinen Humor. Das gilt nach meiner Erfahrung für all diese Extremgurken – auch für Neonazis oder Impftrolle. Das sind komplett spaßbefreite Zonen. Ich habe genau ein einziges Mal versucht, mich in einem Shitstorm – es ging irgendwie ums Thema Impfzwang – mit humorvollen Kommentaren zur Wehr zu sehen. Dann gab's erst richtig auf die Fresse. Don't you ever do it! Schlimmer ist es nur noch, wenn die Verschwörungstheoretiker dich umdrehen wollen und im missionarischen Eifer irgendwelche erfundenen Storys auspacken, ellenlange Videos schicken, in denen angeblich bewiesen wird, dass die Erde eine Scheibe ist ... Da triffst du auf eine Absurdität, der du einfach nichts mehr entgegensetzen kannst – auch der derbste Humor hat da keine Chance.

prisma: Sind das also eher schlechte Zeiten für einen Comedian?

Mittermeier: Nein, sie sind nicht besser oder schlechter als andere. Ein guter Comedian muss in jeder Zeit in der Lage sein, dafür zu sorgen, dass man die ganze Scheiße auch mal weglachen kann. Ich sehe es heute ja bei jedem Auftritt: Die Leute lieben es, zu lachen, vielleicht ist die Sehnsucht nach einem guten Witz sogar noch größer als in anderen Zeiten. Ich habe selten so einhellig positives Feedback zu meinen Nummern bekommen wie zuletzt. Es waren auch die überschwänglichen Reaktionen der Menschen gerade auf die Corona-Geschichten, die mich dazu brachten, dieses Buch zu schreiben. Selbst in den dunkelsten Phasen gibt es noch viel Licht – das hat mir die Arbeit an dem Buch mal wieder bestätigt. Ich habe das Grinsen beim Schreiben kaum aus dem Gesicht bekommen.

prisma: Soll noch mal einer sagen, Ihr Beruf sei nicht systemrelevant!

Mittermeier: Ja, schreien Sie's nur hinaus! Im Ernst: Kultur-Demos sind schön und gut, aber ich spreche mich hiermit für eine deutschlandweite "Task Force Kultur" aus, in der es endlich um handfeste große Lösungen geht. Wir sind die viertgrößte Branche dieses Landes, es geht um hunderttausende Menschen, die nicht wissen, wie sie den nächsten Monat rumkriegen, und um ein Milliardengeschäft, das, so fühlt es sich an, einfach übersehen wird, weil es keine Lobby hat. Sicher, es gibt diverse Unterstützungen und verschiedene kleine Lösungen für Auftritte, regional völlig unterschiedliche Konzepte – aber nichts, was uns wirklich weiterbringt, und keinerlei Standards. Dabei wäre das möglich – viele Veranstalter haben es mit kreativen Ansätzen bewiesen. Es wird höchste Zeit für eine gemeinsame Interessenvertretung und ein solches Forum mit allen Vertretern unserer Zünfte, in dem tragfähige Ideen entwickelt werden. Nur so kann es gehen.

prisma: Wären Sie bereit, in einer solchen "Task Force" Verantwortung zu übernehmen?

Mittermeier: Sofort, wenn mich einer fragen würde. Aber ich bin, denke ich, nicht erste Wahl, da gibt es ganz andere Branchengrößen.

prisma: Zum Schluss eine Prognose: Sollte der sogenannte "Lockdown light", der jetzt auf uns zukommt, überstanden werden, wie geht es im nächsten Jahr weiter?

Mittermeier: Corona ist dann immer noch da. Ich weiß nur, dass es keine großen Touren, keine Veranstaltungen mit 8.000 Leuten geben wird, kein Wacken, kein "Rock am Ring", wie wir es kennen, nichts. Und selbst wenn es zarte Versuche in diese Richtung gäbe, fürchte ich, die Leute würden nicht kommen ... Nicht 2021. Aber ich weiß auch, dass ich weiterhin alles spielen werde, was möglich ist, jeder Kleinkunstraum in Niederbayern ist gut für mich. Ich finde meine Erfüllung auch im Kleinen. Ich sehe sowieso immer das Licht am Ende des Tunnels – und wenn das mal weg ist, fang' ich an, an den Wänden nach dem Lichtschalter zu suchen. Das kann dann dauern, klar.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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