Drama bei 3sat

"Moonlight" umschifft den Kitsch nicht immer

von Felix Bascombe

Vor drei Jahren gewann "Moonlight" den Oscar für den besten Film – nachdem zuerst ein anderer Film genannt wurde. Die Panne ging in die Geschichte ein, der Film läuft nun zum ersten Mal im Free-TV.

3sat
Moonlight
Drama • 13.02.2020 • 22:27 Uhr

Es war ein bezeichnender Moment: Bei der Verleihung der Oscars 2017 sollte eigentlich "Moonlight" als bester Film des Jahres geehrt werden, wegen einer Verwechslung aber durfte sich, für einen kurzen Moment nur, das Team von "La La Land" über die Auszeichnung freuen. Es hätte wohl auch niemanden verwundert, wenn tatsächlich das kunterbunte Hollywood-Musical gewonnen hätte, und nicht "Moonlight" – ein Drama über einen schwulen, schwarzen Mann. 3sat zeigt den Film von Regisseur Barry Jenkins als Free-TV-Premiere.

"Moonlight" ist ein streng komponierter Film, der in drei Teilen aus dem Leben des Afroamerikaners Chiron erzählt. Alex R. Hibbert, Ashton Sanders und Trevante Rhodes spielen ihn in verschiedenen Abschnitten seines Lebens. Der Film beginnt, als Chiron neun Jahre alt ist und mit seiner Crack-süchtigen Mutter (Naomie Harris) in einem heruntergekommenen Viertel Miamis lebt. Ausgerechnet Juan (Mahershala Ali, Oscar als bester Nebendarsteller), der Crack-Dealer, wird für Chiron eine Art Ersatzvater. Von ihm lernt Chiron die entscheidenden Lektionen für sein späteres Leben, erstmals verspürt er so etwas wie Geborgenheit. Doch wo er hingehört, weiß Chiron noch nicht.

Auch im zweiten Kapitel des Films ist Chiron, mittlerweile ein Teenager, auf der Suche nach sich und seiner Identität – als Mann, als Afroamerikaner und als Schwuler. Jeden Tag muss er mit den Anfeindungen seiner Mitschüler leben, die in ihm nur die "Schwuchtel" sehen. Im letzten Teil des Films schließlich, Chiron ist nun ein Mann von Ende 20 und lebt im Atlanta von heute, muss er sich entscheiden, ob er die Kraft und den Mut aufbringt, zu sich zu stehen.

Die Geschichte, die "Moonlight" erzählt, wirkt auf den ersten Blick wie aus der Zeit gefallen. Schließlich war Hollywood schon einmal weiter. Bereits 2015 erzählt Roland Emmerich in "Stonewall" die Geschichte der schwulen Emanzipationsbewegung als kunterbunten Gutelaune-Film. Somit wirkt ein Betroffenheitsdrama wie "Moonlight", das den schwulen Mann in einer Opferrolle zeigt, zunächst arg anachronistisch. Doch Hollywood, dem so oft vorgeworfen wird, in einer Scheinwelt zu leben, hat offenbar erkannt, dass es da noch eine andere Realität gibt, in der eben nicht alles eitel Sonnenschein ist.

Regisseur Jenkins erzählt von dieser düsteren Welt in schwelgerischen Bildern. In seinen schwächsten Momenten erinnert "Moonlight" dabei an eines der letzten Werke von Terrence Malick; immer dann, wenn die Kamera durch lichtdurchflutete Settings schwebt, Menschen bedeutungsschwanger in die Ferne blicken und schwere Klassik für die richtige Stimmung sorgen soll. Das sind auch stets die Szenen, in denen gewichtige Sätze fallen. "Irgendwann musst du selbst entscheiden, wer du sein willst" legt das oscarprämierte Drehbuch etwa Drogendealer Juan in den Mund.

Nur selten gelingt es, den in solchen Momenten lauernden Kitsch zu umschiffen und seine Protagonisten ganz nüchtern zu beobachten. Das sind dann die stärksten Minuten dieses Films. Etwa jene Szene, in der der jugendliche Chiron mit seinem besten Freund Kevin (Jharrel Jerome) zum ersten Mal Intimitäten austauscht. Auch die letzte Einstellung des Films, die so etwas wie ein Happy End verspricht, zeigt, was "Moonlight" hätte sein können, wenn Jenkins das Pathos zurückgefahren und sich stattdessen auf die reine Kraft seiner Geschichte und die unglaubliche Präsenz seiner Darsteller verlassen hätte.

Moonlight – Do. 13.02. – 3sat: 22.25 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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