Der syrische Filmemacher Talal Derki begleitete zwei Jahre lang einen islamistischen Milizionär und dessen Familie. Die erschreckende Doku, die für einen Oscar nominiert wurde, ist nun bei ARTE zu sehen.

Wie so viele andere sitzt auch dieser Mann nicht einfach nur am Steuer seines Wagens. Er wippt mit zum Song aus dem Radio. Er kennt den Text auswendig. Doch der bärtige Mann trällert nicht etwa einen weiteren belanglosen Chartshit. Es geht in dem Song um die Stärke Gottes. Im Text heißt es: "Gottes Anhänger werden euch zerquetschen. Ganz gleich, wie lang es dauert." Der im Berliner Exil lebende Talal Derki ("Homs – Ein zerstörter Traum") sitzt mit im Auto. Dem in Damaskus geborenen Filmemacher ist Unfassbares gelungen. Über die Dauer von mehr als zwei Jahren konnte er Abu Osama, den Mann am Steuer, und dessen Familie durch ihren Alltag begleiten. Derki musste sich dafür als Kriegsfotograf und Sympathisant von Dschihadisten ausgeben. Seine seltene wie erschreckende filmische Zusammenfassung ist nun bei ARTE zu sehen. Der Sender zeigt Derkis mehrfach ausgezeichnete und für einen Oscar nominierte Dokumentation "Of Fathers and Sons" in Erstausstrahlung.

Wie gefährlich Derkis Aufenthalt an der syrisch-türkischen Grenze in der Provinz Idlib wohl gewesen sein mag, deutet die Vita Abu Osamas an. Der 45-jährige bärtige Mann ist ein Mitbegründer der al-Nusra, dem syrischen Ableger von al-Qaida. Er hat wohl tatsächlich schon andere "zerquetscht". So bestätigen es zwei seiner insgesamt acht Kinder. Die Söhne Ayman und Osama, benannt nach Osama bin Laden und dessen Stellvertreter, Ayman Al Zawahiri, halten einen Vogel in ihren kleinen Händen. Das Tier ist tot. Osama, kaum zwölf Jahre alt, sagt zu seinem Vater: "Ich habe den Vogel geschlachtet. Wir haben seinen Kopf runtergedrückt und abgetrennt, wie du es mit dem Mann gemacht hast."

Derkis Film nimmt eine sehr ungewöhnliche Perspektive ein. Direkte Grausamkeiten zeigt er nicht. Die Brutalität des Krieges lässt sich jedoch erahnen, wenn Abu Osama aus seinem Versteck heraus schießt und schnell nach einem anderem Gewehr ruft, um den Mann auf dem Motorrad endgültig zu erledigen. Oder Dutzende Gefangene der syrischen Regierungsarmee in geduckter Haltung in einen Hinterhof geführt werden. Die Kamera fasst Tränen in jungen verängstigten Gesichtern ein. Erschaudern lässt der Kommentar dazu: "Ich weiß nicht, was mit diesen jungen Männern geschehen ist. Ich fürchte, die meisten von ihnen werden diesen Tag nicht überlebt haben."

Neben Abu Osama, der im weiteren Verlauf durch eine Mine seinen linken Fuß verliert, werden dessen Söhne Ayman und Osama zu Protagonisten. In der Fokussierung der Beziehung des Vaters zu den Söhnen entwickelt der Film seine eigene eindringliche Stärke. Der Dschihadisten-Führer, der tötet, geht mit seinen Kindern mitunter sehr herzlich um. "Liebst du mich?", fragt er einen seiner Kleinsten. Die Älteren wie den eher störrische Osama entsendet er hingegen ins Terror-Ausbildungscamp. Auch sie sollen sehr bald kämpfen. Für das Kalifat.

Die Kamera Derkis ist auch bei zunächst unbeholfen wirkenden Gymnastikübungen junger Buben in Tarnanzügen dabei. Als sie sich im Trainingscamp laut Kommando in Position bringen sollen, verwechselt einer der Jungen zunächst die Seite. Doch Drill und mitunter körperliche Übergriffe der "Ausbilder" verfehlen ihre Wirkung nicht. Einige Zeit später liegt der größer gewordene Osama neben vielen anderen auf dem Rücken im Staub Syriens. Einer der "erwachsenen" Soldaten schreitet die Formation zu seinen Füßen ab. Mit durchgeladenem Maschinengewehr und scharfer Munition schießt er zwischen ihre Köpfe oder die Beine in den Sand. Beim Einschlag der Kugeln in den Boden rührt sich keiner der im Staub liegenden jungen Menschen auch nur einen Millimeter. Auch Osama nicht. Mit seinen erst 13 Jahren scheint er bereit für den Kampf für das Kalifat. Er zieht in den Krieg. So wie es schon sein Vater gemacht hat.

"Of Fathers ans Sons" ist über die Dauer von mehr als 90 Minuten sehr schwere Kost, die einen permanenten Schauer über den Rücken laufen lässt. Und man kommt ins Grübeln – etwa darüber, wie eine Region auch nur ansatzweise zu einem Frieden kommen soll, wenn bereits folgende Generationen für den Krieg herangezüchtet werden. Ausweglos erscheint die Situation im irakischen Mossul. Die Stadt war vor ihrer "Befreiung" durch die irakische Armee Hochburg des IS. Eine halbe Million Kinder und Teenager lebten während der dreijährigen Besetzung des Terrorregimes alleine in Mossul. Welche unglaublichen Schrecken unschuldige Augen dort ertragen mussten, fasst ab 23.20 Uhr der Film "Verlorene Seelen – Die Kinder des IS" von Francesca Mannocchi und Alessio Romenzi zusammen.

Stellvertretend für so viele geschundene sehr junge Menschen erzählt eines der Kinder, das noch nicht im Stimmbruch ist, gleich zu Beginn: "Mein Onkel und mein Cousin wurden vom IS umgebracht. Sie fesseln die Leute und erschießen sie dann. Schlachten sie ab oder erschlagen sie einfach mit Steinen. Das nennen sie Steinigung. Da waren auf jeden Fall Kinder dabei. Viele, viele Kinder. Sie haben ihnen beigebracht, wie man kämpft, was Abtrünnige und Ungläubige sind. Einmal trug meine Mutter keine Strümpfe. Dann musste sie sich auf den Boden setzen. Dann haben sie sie gefesselt und ihren Rücken ausgepeitscht. Das haben sie vor allen Leuten gemacht. Und ich musste zuschauen!"


Quelle: teleschau – der Mediendienst