Ein Buch, ein fiktionaler Fernsehfilm, eine darauf folgende Dokumentation: 2018 starb alle fünf Tage ein Kind an den Folgen elterlicher Misshandlung. Die Dunkelziffer ist hoch, die Zahlen sind erschreckend. Grund genug jedenfalls, um nach dem Sachbuch der Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Etzold von der Berliner Charité einen Fernsehfilm zu produzieren, der auf das Wegsehen verweist und die Ungereimtheiten im Umgang mit dem Dilemma verdeutlicht. Dass da manche erklärenden Sätze fallen, schmälert das Ergebnis nicht: "Stumme Schreie" (Drehbuch: Thorsten Näter, Regie: Johannes Fabrick) dürfte mehr als vieles Reden das Publikum sensibilisieren.

Der "Trick", wenn man es so nennen darf, ist, dass die Macher gerade dort ansetzen, wo sonst das Schweigen herrscht. Gleich zu Beginn weist ein Rechtsmediziner neue Studenten am renommierten Institut in die Schwierigkeiten beim Umgang mit der Kindsmisshandlung in Familien ein. "Wenn Sie denken, dass die Rechtsmedizin eine Art Hilfspolizei ist, dann liegen Sie falsch", sagt der Professor, den Juergen Maurer mit durchgängigem Understatement und leider nachvollziehbarem Hang zur Alltagsroutine spielt. Maurer hält mit seinem skeptischen, innerlich revoltierenden Ton die im Film gezeigten Fallbeispiele zusammen. Erst ganz am Ende, wenn er der neuen Ärztin Jana Friedrich (Natalia Belitski) wegen einer eigenmächtigen Gesetzesübrtretung beim Kampf gegen die Kindsmisshandlung den Laufpass geben muss, hängen Maurer und sein Medizinprofessor in all ihrer Ohnmacht in der Luft. Happyend gibt es hier jedenfalls keins, das Problem wird auf spannende, jedoch nicht spekulative Weise dargelegt und weitergereicht. Gesetzgeber, Jugendämter, Nachbarn sind nun an der Reihe.

Ein Schauplatzwechsel: Kinder spielen Erschrecken, die jungen Eltern schlafen noch, ein Wäschetrockner fällt um, ein Baby schreit unaufhörlich. Es wird nicht lange dauern, dann wird der junge Vater einem der Kinder eine Ohrfeige versetzen, dass es kracht. Er ist entnervt, er sucht einen Job, aber er findet ihn nicht, er wirft eine Bierflasche an die Wand, verprügelt die Mutter, seine Frau. – Doch es gibt auch andere, besser situierte Eltern, die ihre Kinder verletzen. Paul hat solche Eltern, die Innenfläche seiner Hand ist verbrannt, er hat Striemen auf dem Rücken. Obwohl ihnen eigene Recherchen eigentlich versagt sind, bitten die Ärzte die Eltern zu sich, unter dem Vorwand, Pauls Elend könnte die Folge einer seltenen Krankheit sein.

Auch Wohlhabende und Gebildete prügeln Kinder, erklärt der Medizinprofessor. Doch sie wollen es nicht wahrhaben – die Ärzte, Polizeibeamte, das Jugendamt. Bei Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht stehe da stets sehr schnell ein Anwalt auf der Matte. Zumal oft nicht klar werde, welcher Elternteil der Übeltäter sei. Zudem wird noch ein weiteres, durchaus skandalöses Dilemma im Dialog des Professors mit seiner jungen Ärztin deutlich: Jugendämter treten ihre Sorgfaltspflicht häufig an private Organisationen ab, die ihre Fürsorge womöglich aus Kostengründen verschleppen.

Viel Sorgfalt im Umgang mit den Kinderdarstellern

Das ist alles viel Holz für einen Fernsehfilm, der das Prädikat Problemfilm sicher nicht von sich weisen will. Johannes Fabricks Regie gibt sich alle Mühe, um das Geschehen trotz seiner Härte optisch attraktiv zu gestalten, es gibt immer wieder Unschärfen und Spiegelungen, mit der Handkamera gefilmte Nahaufnahmen und einen zurückhaltend begleitenden Score. Besondere Sorgfalt erforderte die Arbeit mit den Kinderdarstellern. "Ich habe schon viel mit Kindern gedreht und weiß um die Fragilität der Situation am Set, noch dazu bei diesem Thema", sagt Johannes Fabrick. "Also haben wir schon viel in die Vorbereitung investiert, damit die Kinder vertrauen und sich sicher fühlen können." Kindercoach Monika Steil sorgte am Set dafür, dass sich die Kinder wohlfühlen konnten. Und auch die Eltern wurden eingebunden. "Es muss schon ziemlich viel zusammenstimmen, damit man das, was dann wie selbstverständlich aussieht, auch inszenieren kann", so Fabrick. Nicht zuletzt frodere auch die Arbeit der kameraleute viel Sensibilität.

Es ist unsere Pflicht, die Misshandlung von Kindern in Familien zu verhindern, so lautet die Botschaft des Films. Die Sicht einer beschwichtigenden Jugendamtshelferin, die da lautet: "Wir sind keine Polizisten. Wir verfolgen die Leute nicht, wir helfen ihnen" ist falsch. Sie verlängert nur die Tortur, weil Misshandlungen stets weitere Misshandlungen nach sich ziehen. Nicht selten mit Todesfolge, wie die Statistik zeigt. Dass die Heldin Jana zuletzt auf eigene Faust Detektivin spielen muss, um Gerichtsbeweise zu sammeln, ist allerdings etwas zu viel des Guten.

Die nachfolgende Doku "Tatort Kinderzimmer" (ZDF, 21.45 Uhr) zielt darauf, zu zeigen, wie man Kinder besser schützen kann. Sie erhärtet die Botschaft, dass man hinsehen muss, dass es Gesetzesänderungen geben muss, auch die Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht bei der familiären Misshandlung von Kindern.


Quelle: teleschau – der Mediendienst