Bei der Abschiedsfeier für seine Kneipe wird Kneipenwirt Werner tot aufgefunden. Selbstmord, glaubt die Polizei. Nie im Leben, meint Werners Witwe Gitti. Also ermittelt sie auf eigene Faust. Der Pay-TV-Sender 13th Street hat die großartige vierteilige Miniserie "Prost Mortem – Die letzte Runde" an zwei aufeinanderfolgenden Mittwochabenden (9. und 16. Oktober, jeweils um 21.00 Uhr) in Doppelfolgen im Programm.

Werner (Werner Prinz) ist tot. Stranguliert mit dem Kabel seines eigenen Beatmungsgeräts sitzt der Wirt des "Bierkavaliers" auf der Toilette seiner Kneipe. Offenbar hat er sich das Leben genommen, am Abend der großen Abschiedsfeier. Denn er und seine Gitti (Doris Kunstmann) wollten die urige Wirtschaft schließen – Werners Gesundheitsprobleme zwangen sie dazu. Alle Wegbegleiter der letzten Jahre hatten sich im "Bierkavalier" versammelt, um gemeinsam ein rauschendes Fest zu feiern. Gitti glaubt jedoch nicht an Suizid und will nun wissen, wer ihren Mann auf dem Gewissen hat. Sie arrangiert ein Treffen mit den potenziellen Tätern – unter dem Vorwand, vor der Beerdigung noch einmal auf Werner anstoßen zu wollen. Ganz im Stile von Miss Marple möchte die rüstige Seniorin dabei allerdings herausfinden, wer die Liebe ihres Lebens getötet hat ... 

Den polizeilichen Vermutungen schenkt Gitti keinen Glauben. Selbstmord? Ihr Werner? Blödsinn! Dafür hat er Gitti zu sehr geliebt. Es muss also einen Killer geben – und zwar unter den Gästen, die noch bis zum Ende da waren. Die Liste ist denkbar kurz. Gitti lädt Werners Schwester Eva (Elke Winkens), die Barkeeperin Zoe (Janina Fautz) und den Stammgast Bernie (Simon Schwarz) ein, um die Wahrheit aus ihnen herauszuquetschen. K.O.-Tropfen und Panzertape sollen dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Zudem erscheint die ehrgeizige Politikerin Eva in Begleitung ihres wesentlich jüngeren Assistenten Steven (Timur Bartels). Kein Problem, denkt sich Gitti. Möglicherweise hat der Toyboy der Karrierefrau ja auch etwas mit dem Ableben ihres Gatten zu tun?

Auch wenn Gitti alle vier Tatverdächtigen betäubt und gegen ihren Willen im "Bierkavalier" festhält: Die alte Dame kann im Grunde keiner Fliege etwas zu leide tun. Trotzdem versucht sie, das Mysterium rund um Werners vorzeitiges Ableben mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu lösen. In jeder der vier Folgen steht einer der vier Verdächtigen im erzählerischen Fokus. Über Rückblenden erfährt der Zuschauer dann, was am Abend wirklich geschehen ist. "Wirklich"? Nicht ganz. Denn jeder und jede erzählt die Geschichte natürlich aus einer ganz persönlichen Perspektive.

Absurde Situationen todernst erzählt

Regisseur und Co-Autor Michael Podogil bedient sich hier (gemeinsam mit seinem Co-Schreiber Matthias Writze) eines gewieften dramaturgischen Verfahrens: das unzuverlässige Erzählen ist die Quintessenz der Miniserie. "Wir machen eine Mischung aus Agatha Christie und 'Rashômon' – für Arme", erklärte Podogil scherzhaft beim Set-Visit in Wien Anfang des Jahres. In "Rashômon", dem großen Klassiker von Japans Regie-Legende Akira Kurosawa, wurde das erwähnte narrative Verfahren ebenfalls von Anfang bis Ende durchexerziert. Auch dort ging es um einen Mord und auch dort verstrickten sich die Verdächtigen in Widersprüche. Nur: "Rashômon" war zu keiner Sekunde lustig. Ganz im Gegensatz zum Humorfeuerwerk, das in "Prost Mortem" abgebrannt wird. "Wir stecken die Charaktere in absurde Situationen, erzählen das Ganze aber todernst – genau das schafft Komik!", beschreibt Podogil die Grundausrichtung seiner schwarzhumorigen Serie.

Und das gelingt famos. Die Macher können sich bei den vier je 25-minütigen Folgen voll und ganz auf ihre starken Skripts und die kongenialen Darsteller verlassen. Mal mehr und mal weniger subtile Gags halten sich dabei die Waage und zaubern dem TV-Zuschauer ein permanentes Schmunzeln ins Gesicht. Doch auch die Krimihandlung überzeugt und ist voll von (kuriosen) Wendungen. Vor allem zwei Darsteller stechen bei "Prost Mortem" jedoch besonders positiv heraus: Simon Schwarz und Janina Fautz.

Schwarz könnte man stundenlang dabei zusehen, wie er einen dödeligen Alkoholiker mit Wiener Schmäh spielt. Und Janina Fautz gibt ihre misanthropisch veranlagte Kifferin Zoe mit großer Spielfreude. Alleine die Szenen, in denen sie sich mit Hilfe von Kopfhörern komplett von der Außenwelt abschottet, sind der Knaller: Während um sie herum zu Schlagermusik getanzt wird, gibt sie sich die volle Dröhnung Heavy Metal auf die Ohren! Dazu kommen Sprüche wie: "Werner war mir eigentlich immer egal. Aber jetzt, wo er weg ist, vermisse ich ihn schon ein bisschen." Großartig! Auch der Musikeinsatz ist exzellent: Ein Schlager von Nino de Angelo sowie die "Ode an die Freude" spielen im Handlungsverlauf eine wichtige Rolle.

"Prost Mortem" ist von vorne bis hinten gelungen. Allein schon die Opening Credits sind mit unglaublich viel Liebe zum Detail kreiert worden. Man wünscht sich, jede Produktion würde mit derart viel Herzblut realisiert. Umso erstaunlicher ist es, dass die Miniserie die erste größere Arbeit von Michael Podogil darstellt. Weil er mit seinem Kurzfilm "Fucking Drama" im Jahr 2018 den "Shocking Shorts Award" von 13th Street gewann, ist man beim Sender auf ihn aufmerksam geworden. Danach stellte man ihm die erste grobe Idee zu "Prost Mortem" (durch NBC Universal) vor – so ist das Projekt überhaupt erst an ihn herangetragen worden.

Und bei der Low-Budget-Produktion galt es, so manche Hürde zu bewältigen: "Vom ersten Tag des Drehbuchschreibens bis zum Drehbeginn vergingen gerade mal zweieinhalb Monate. Ich hatte seit Weihnachten keinen freien Tag", erklärte Podogil während der rund zweiwöchigen Dreharbeiten von "Prost Mortem" im März. Dass beim finalen Produkt nichts mehr von diesem Stress zu spüren ist, liegt wahrscheinlich in der Herangehensweise des gebürtigen Wieners begründet: "Ich versuche mir meine Leichtigkeit bei der Arbeit zu bewahren. Ich gebe meine Uhr in der Früh ab – um die Zeit sollen sich andere Leute Sorgen machen!" Podogil erklärt, dass er "mit Spaß an die Arbeit gehen" wolle, "denn nur so kann man das Maximum herausholen." Bei "Prost Mortem" ist ihm das eindrucksvoll gelungen. Und das, obwohl die Vorzeichen nicht immer gut standen ...

"Je versiffter und je grausliger, desto besser"

Produzent Lukas Zweng erläutert die Schwierigkeiten: "Wir mussten in der Nacht drehen, weil tagsüber vor der Kneipe in einer Baustelle gearbeitet wurde. Weil unsere Geschichte tageslichtunabhängig ist, war das zumindest zeitlich kein Problem. Für die Darsteller bedeutete das aber eine zusätzliche Belastung." Zweng bezeichnet das Format als "intimes, kleines Projekt", das in Rekordzeit auf die Beine gestellt wurde: In gerade mal 15 Drehtagen musste alles über die Bühne gehen. "Unser Ziel war es, durch gute Vorbereitung ein Maximum an tatsächlicher Drehzeit herauszuholen. Mit einem durchdachten Drehplan, Vorbauten in der Lichttechnik und dank der studio-ähnlichen Bedingungen ohne Ortswechsel ist uns das auch gelungen", so der Produzent.

Alle wollten sich am Set beweisen und zeigen, dass auch eine kleine Produktion mit den ganz Großen mithalten kann – beim Drehbesuch war von Chaos und Problemen nichts zu spüren. Man merkte stattdessen, dass jeder mit voller Konzentration bei der Sache war. Aus all diesen Gründen ist "Prost Mortem – Die letzte Runde" letztendlich auch ein Paradebeispiel für kostengünstiges, effizientes und dennoch qualitativ hochwertiges Filmemachen.

Maßgeblich hat der humorvolle Krimi aber auch vom Drehort selbst profitiert: Die schäbige Location passt einfach wundervoll ins Gesamtkonzept des kleinen Kammerspiels. Auch Podogil wusste das sehr zu schätzen: "Eine Kneipe ist ein wunderschöner Ort. Je versiffter und je grausliger, desto besser", erläuterte er augenzwinkernd. Der "Bierkavalier" ist mittlerweile abgerissen worden. Doch die Karriere des 34-jährigen Nachwuchsregisseurs dürfte nun erst so richtig in Fahrt kommen – den Namen Michael Podogil sollte man zukünftig auf der Rechnung haben. Zumindest solange er Lust auf seinen Beruf hat: "Wenn mir das Filmemachen irgendwann keinen Spaß mehr macht, dann lass ich es sein." Bleibt zu hoffen, dass er sich seine Freude am Job noch lange bewahrt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst