30 Jahre Take That: Die einstige Über-Boyband feiert ihr Jubiläum mit der Veröffentlichung von "Odyssey" und erzählt damit die eigene Geschichte nach.

"Die Zeiten von Best-of-Alben sind vorbei", ist sich Gary Barlow von Take That sicher. "Durch Streaming-Anbieter kann sich jeder seine eigene Greatest-Hits-Sammlung zusammenstellen. Wir fragten uns deshalb, was wir mit unserem Gesamtwerk machen können, damit die Leute Spaß daran haben." Das Ergebnis, das die Band bei einem Treffen in London vorstellte, heißt "Odyssey" (erhältlich ab 23. November) und ist tatsächlich eine Werkschau der etwas anderen Art. Bevor Take That 2019 anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens auf Jubiläums-Tournee gehen, blicken sie mit dem Doppelalbum auf ihre Karriere zurück – mit allen Höhen und Tiefen.

Fast 30 Jahre ist es nun also schon her, dass der findige Manager Nigel Martin Smith die Idee hatte, als britische Antwort auf New Kids On The Block eine neue Boyband zu casten. Unter dem Namen Take That traten Robbie Williams, Gary Barlow, Mark Owen, Howard Donald und Jason Orange nach ihrer Gründung im Jahr 1989 zunächst in Schwulenclubs auf. Doch es dauerte nicht lange, bis die fünf Teenager aus dem Norden Englands zu einer der größten Boybands der Welt wurden.

Schon ihre ersten beiden Alben landeten in Großbritannien auf Platz zwei ("Take That & Party", 1992) beziehungsweise Platz eins ("Everything Changes", 1993) in den Charts. Mit dem dritten Album wurden Take That dann zu internationalen Megastars: "Nobody Else" (1995) verkaufte sich mehr als sechs Millionen Mal und erreichte in elf Ländern die Chartspitze, darunter auch Deutschland.

Gary Barlow (47) muss nicht lange nachdenken, wenn man ihn nach seiner ganz persönlichen Lieblings-Anekdote aus den vergangenen 30 Jahren fragt. "1993 am Brandenburger Tor, die ersten MTV Awards überhaupt", grinst er. "Es war nicht die Show selbst, sondern was danach abging: Alle Künstler schliefen im Hilton und trafen sich dann nach dem Event dort an der Bar. Rob und ich übernahmen die Musik, Prince war da, George Michael, Annie Lennox – es war einfach unglaublich. Auf einmal fühlte es sich an, als hätten wir es geschafft." Egal, wo Take That hinkamen – bald wurden sie überall von kreischenden Teenagern begrüßt. "Auf der anderen Seite war es auch ein sehr einsames Leben", merkt Howard Donald (50) an. "Je größer das Ganze wurde, desto mehr Zeit verbrachten wir in Hotels und Flughäfen – und manchmal konnten wir nicht mal raus, ohne dass uns 40 Mädchen folgten."

Nach dem großen Hype folgte dann bald der erste echte Knacks in der Bandhistorie: Erst verließ Robbie Williams die Band, dann gaben Take That 1996 ihre Trennung bekannt. Während die Solokarriere von Williams sofort Fahrt aufnahm, fand sich Gary Barlow bald ohne Plattenvertrag wieder. Er litt unter Depressionen und nahm etliche Kilos zu. Als der britische TV-Sender ITV 2005 eine Dokumentation über die Band drehte, führte das schließlich zur Wiedervereinigung als Quartett. 2011 kehrte sogar Robbie Williams für ein Album zur Band zurück: "Progress" wurde zu einem der bestverkauften Alben seit der Jahrtausendwende, und auch die dazugehörige Tour brach damals mit 1,1 Millionen verkauften Tickets an nur einem Tag zahlreiche Rekorde. Robbie Williams und Jason Orange sind der Band im Laufe der Jahre (wieder) abhandengekommen, doch auch als Trio sind Take That nach wie vor erfolgreich – vor allem zu Hause in England.

Album enthält Tribute an Robbie Williams und Jason Orange

Mit "Odyssee" erzählen Take That nun ihre turbulente Geschichte nach. 27 Songs sind darauf enthalten – zum Teil in der Original-Version, zum Teil völlig neu arrangiert wie im Fall von "Pray". Hinzu kommen einige Live-Versionen, Gastauftritte von Barry Gibb und Boyz II Men sowie drei brandneue Stücke. Die Songs sind allerdings nicht chronologisch angeordnet, sondern so, dass sie tatsächlich eine Geschichte ergeben: von den anfänglichen Träumen ("Greatest Day") über die großen Erfolge ("Everything Changes") und die Trennung ("Love Ain't Here Anymore", "Cry") bis hin zur Reunion ("Patience"). Tribute an Robbie Williams und Jason Orange sind ebenfalls auf dem Album versteckt.

Dazwischen streuen Take That außerdem ein paar Interludes und Audioschnipsel aus Interviews ein. Sogar ein Mitschnitt der Pressekonferenz, in der Barlow 1996 die zwischenzeitliche Trennung bekanntgab, ist zu hören. "Es war lustig, all diese Aufnahmen wieder zu hören", erklärt Mark Owen (46) in London. "Wie hoch unsere Stimmen damals waren!" Dann amüsiert sich Gary Barlow über einen der Interview-Ausschnitte: "'Wir versuchen es echt hart. Wenn es gut läuft, machen wir weiter. Und eines Tages werden wir riesig' – das hat einer von uns wirklich gesagt!"

Die neue Song-Sammlung ist derweil nicht das einzige Projekt, mit dem sich Take That gerade beschäftigen. Noch bevor sie selbst auf Tour gehen, kommt im April 2019 das Musical "The Band" nach Berlin. Gary Barlow schrieb es zusammen mit Drehbuchautor Tim Firth, mit dem er zuvor bereits das Stück "The Girls" entwickelte. Das neue Jukebox-Musical handelt aber nicht etwa von Take That, sondern von fünf Teenager-Mädchen, die erwachsen werden – und davon, wie Popmusik unser Leben definiert. "Egal, welche Band man mag, jeder kann das nachvollziehen", glaubt Howard Donald. "Es geht um Freundschaft, und die Geschichte ist sehr emotional." Die Dialoge werden für die deutsche Fassung übersetzt, die Songs nicht. "Wir kommen auf jeden Fall zur Premiere", verspricht Barlow. "Und denken wahrscheinlich: Was reden die da?"

Gary Barlow hat zudem gerade seine zweite Autobiografie veröffentlicht. In "A Better Me" zeigt der Familienvater sich beeindruckend offen und spricht erstmals über die Totgeburt seiner Tochter Poppy im Jahr 2012. "Vor allem für Männer ist es wichtig, über Dinge zu sprechen, die so lebensverändernd sind", kommentiert er. "Denn Männer reden oft nicht über solche Dinge. Zumindest nicht so, wie Frauen es tun. Frauen sind gut darin, sich gegenseitig zu unterstützen. Das war einer meiner Beweggründe: Ich wollte als Mann direkt aus meinen Herzen schreiben."

Eins können Barlow, Donald und Owen bei aller Umtriebigkeit allerdings nicht sagen: wie es nach "Odyssey" und der anhängenden Konzertreise für Take That weitergeht. "Bisher haben wir auf Tour immer schon das nächste Album geplant. Das wollen wir diesmal nicht. Wir wollen erst einmal die Tour genießen", meint Barlow. "Für uns ist 'Odyssee' ein sehr wichtiges Album. Wir haben 30 Jahre durchgehalten, und das liegt nicht nur an uns – da gab es viele Umstände und Menschen, die eine Rolle spielten. Es ist toll, einfach mal inne zu halten und zu sagen: Wow!"

Take That auf Tour:

15.06. Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle

20.06. Berlin, Tempodrom

24.06. Hamburg, Stadtpark

25.06. Frankfurt, Jahrhunderthalle

26.06. Wien (A), Stadthalle

30.06. Zürich (CH), Hallenstadion


Quelle: teleschau – der Mediendienst