Zur Not militant: Ergreifend, starbesetzt, engagiert und spannend entreißt "Suffragette – Taten statt Worte" die ersten Frauenrechtlerinnen dem Vergessen.

Schaufensterscheiben einschlagen war gestern. In dieser Nacht ist der Sommersitz eines hohen Ministers an der Reihe. Die Zündschnur brennt wie eine Wunderkerze, aber die Explosion hat überhaupt nichts Harmloses. Das gerade fertiggestellte Haus zerbirst in einem Feuerball. Die ausgelöste Druckwelle droht noch die zu erwischen, die das Dynamit gezündet haben und nun davonrennen – unter ihnen die Apothekerin und Sprengstoffmixerin Edith Ellyn (Helena Bonham Carter) und die Arbeiterin Maud (Carey Mulligan). "Suffragette – Taten statt Worte" zeigt als Drama über die ersten Frauenrechtlerinnen, wie aus demütigender Unterdrückungserfahrung opferbereite Revolte wird. Der hochkarätig besetzte Film läuft nun erstmals im ZDF.

Dabei fühlt sich Maud zunächst gar nicht sehr zum Anliegen der Suffragetten hingezogen. Vielmehr gerät sie wie zufällig in deren Aktionen: Als sie ein Paket Wäsche abliefern soll, nimmt eine Frau neben ihr auf dem Gehsteig plötzlich einen Stein aus einem Kinderwagen und schleudert ihn mit einem Schlachtruf in ein Schaufenster. Zehn, 20 andere Frauen tun es ihr gleich, ein Konzert splitternden Glases, Polizei rückt an, Handgemenge, Verhaftungen. Dass Inspector Steed (Brendan Gleeson) von Scotland Yard sie schon beobachtet, ahnt sie nicht.

Maud ist verheiratet, hat einen kleinen Sohn. Seit ihrer Kindheit schuftet sie in der Wäscherei, in der schon ihre Mutter beschäftigt war. Ihren mageren Lohn gibt sie brav bei Ehemann Sonny (Ben Whishaw) ab. Der ist kein schlechter Kerl, aber auch nicht besonders mutig. Etwa wenn Maud der Willkür des Wäschereibesitzers Taylor (Geoff Bell) ausgesetzt ist. Als der wieder eine junge Arbeiterin sexuell zu missbrauchen beginnt, wächst bei ihr der Wunsch, die Suffragetten zu unterstützen.

"Suffragette – Taten statt Worte" ergreift einen mit der Wucht, die Zeitgeschichte entwickeln kann, wenn sie zu lange vergessen wurde. Von dem, was Regisseurin Sarah Gavron zeigt, will wahrscheinlich niemand gern wahrhaben, dass es einmal Wirklichkeit war oder wieder werden könnte: Im zweiten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts boxen Polizisten friedlich demonstrierende Frauen in den Magen und knüppeln auf sie ein. Die sexuelle und materielle Ausbeutung des vermeintlich schwachen Geschlechts ist derweil perfekt organisiert.

"Wir sind keine Gesetzesbrecher – wir sind Gesetzesmacher!" ruft Emmeline Pankhurst ihrer weiblichen Anhängerschaft bei einer gemeinen Versammlung vom Balkon eines herrschaftlichen Hauses zu. Meryl Streep verkörpert in einer Art Gastauftritt die historische Feministin und elegante Dame. Ihre Motivation, das Frauenwahlrecht zu erringen, mag vor allem ideeller Natur sein. Für Maud hingegen geht es schlicht um das Ende einer Form von Sklaverei. Die Unausweichlichkeit des Kampfes ist bei dieser erfundenen, aber unerbittlich realistischen Figur hervorragend aufgehoben. Ebenso wie Carey Mulligan in ihrer Rolle als Maud, die ihre Leidensfähigkeit minutiös in eine Gegenwehr umwendet, deren Militanz nicht verherrlicht wird, aber in Erinnerung gerufen werden muss.


Quelle: teleschau – der Mediendienst