Mit ihrem neuen Album "Wonderful Wonderful" beweisen The Killers, dass noch längst nicht alle Songs geschrieben sind – auch wenn Sänger Brandon Flowers bei den Arbeiten zum fünften Album Zweifel kamen.

Erfolg schützt vor Zweifeln nicht – Brandon Flowers weiß das nur zu gut. Mit seiner Band The Killers hat er weltweit mehr als 22 Millionen Alben verkauft und vom Madison Square Garden bis zum Wembleystadion die größten Spielstädten der Welt ausverkauft. Doch als das Quartett mit der Arbeit an seinem fünften Album begann, wurde Flowers plötzlich unsicher. Steckten überhaupt noch genug Ideen in ihm? Oder wurden womöglich schon alle Songs geschrieben? "Früher dachte ich, ich sei unschlagbar, ein Geschenk Gottes. Mit zunehmendem Alter ist mir das abhandengekommen", gesteht Flowers. "Man sieht, was schon alles gemacht wurde, und fragt sich, ob man selbst noch etwas beizusteuern hat. Oder macht man nur noch weiter, um den Ball am Rollen zu halten? Das sind Fragen, die sich vermutlich viele Musiker stellen."

Viel Pathos und ausgiebige Gitarrensolos

Flowers reichte die Fragen weiter an einen, der sich auskennt: Bono. "Have all the songs been written?", lautete der Betreff einer E-Mail, die er dem U2-Sänger schickte. "Seine Antwort war, dass ich einfach weitermachen soll", erzählt Flowers. "Er meinte außerdem, dass das ein verdammt guter Titel sei und ich einen Song darüber schreiben solle." Genau das tat Flowers dann auch: "Have All The Songs Been Written" heißt nun ein Song auf dem neuen Killers-Album "Wonderful Wonderful". Die mit viel Pathos und ausgiebigen Gitarrensolos gespickte Ballade ist ein Beleg dafür, dass die amerikanische Band auf "Wonderful Wonderful" (hier bei Amazon bestellen) bewusst Neues wagte. "Das klingt immer so schäbig, wenn man das sagt, aber wir wollten diesmal eine reifere Platte machen."

16 Jahre ist es her, dass Brandon Flowers und Gitarrist Dave Keuning per Zeitungsannonce zueinander fanden, wenig später stießen Bassist Mark Stoermer und Schlagzeuger Ronnie Vannucci hinzu. Sie nannten sich The Killers, nach der fiktiven Band aus dem Musikvideo zum Song "Crystal" von New Order. Als 2004 ihr Debüt "Hot Fuss" erschien – eine Mischung aus Indie-Rock, New Wave und Post-Punk –, stand die Musikwelt Kopf. Inzwischen sind The Killers eine der erfolgreichsten Rock-Bands des 21. Jahrhunderts. Doch mit dem vor fünf Jahren erschienenen "Battle Born", das gab Flowers mehrmals zu Protokoll, war die Band im Nachhinein nicht glücklich. Zu planlos sei das Album gewesen.

Von überraschend funky bis geradezu progressiv

Für "Wonderful Wonderful" setzten The Killers nun alles auf eine Karte. Nie zuvor klang die Band so experimentell, und keine Idee war zu abgefahren, um sie im Studio mit Produzent Jacknife Lee (U2, R.E.M.) nicht wenigstens auszuprobieren. Klar, da sind typische Killers-Hits wie "Run For Cover" oder "Tyson Vs. Douglas", aber eben auch die Vocoder-Sounds zu Beginn von "The Rut" oder die Falsett-Passagen in der Ballade "Some Kind Of Love". Die Single "The Man" derweil kommt überraschend funky daher, während der Titeltrack mit seinen hallenden Drums, dem erdigen Bass und den elektronischen Streichern geradezu progressiv wirkt.

Doch nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich wollte Flowers sich neuen Herausforderungen stellen. "Es sollte auf dem Album um etwas gehen", sagt er. "Die Songs handeln von ganz unterschiedlichen Themen. 'The Man' zum Beispiel bezieht sich auf die Zeit, als ich 21 war. Meine Interpretation dessen, was es bedeutet, ein Mann zu sein, war völlig falsch. Ich dachte damals, es ginge darum, Geld nach Hause zu bringen und physisch stark zu sein. Heute weiß ich, dass das nicht alles ist. Viel wichtiger ist es, Empathie und Mitgefühl zu haben."

Insgesamt, findet Flowers, sei "Wonderful Wunderful" viel persönlicher als frühere Alben von The Killers. Das ist bei Musikern zwar eine gerne bemühte Floskel, aber in diesem Falle ist es die Wahrheit. Nie war man näher an dem Sänger dran. Flowers, der sonst immer sehr verschlossen textete, thematisiert ganz offen die Depressionen seiner Frau. Er, ein Mormone, zitiert in "The Calling" aus der Bibel und bittet in "Some Kind Of Love" seine eigenen Kinder zum Chor. "Der Song ist für meine Frau und umschreibt ein Gefühl, das sowohl von mir als auch von ihnen kommen kann", erklärt der 36-Jährige. "Also habe ich gedacht, können sie ruhig mitsingen. Früher wollte ich meine Frau und meine Kinder schützen, aber bei diesem Album habe ich bewusst entschieden, mich zu öffnen."

"Ich will nicht zu Boden gehen"

Eine persönliche Geschichte erzählt auch der Song "Tyson Vs. Douglas": Darin geht es um den legendären Boxkampf im Jahre 1990. Außenseiter James "Buster" Douglas schlug damals den zuvor unbesiegten Schwergewichts-Weltmeister Mike Tyson k.o. und sorgte damit für die größte Sensation der Boxgeschichte. "Las Vegas hat ja eine lange Box-Tradition. Jeden Dienstag schaute ich mit meinem Vater Boxen", erinnert sich Flowers. "Tyson war der beste Boxer seit Muhammad Ali, er war ein unglaublicher Typ, unbesiegbar. Meine Weltsicht änderte sich, als er plötzlich zu Boden ging."

Im dritten Vers nimmt der Song dann eine unerwartete Wendung: Flowers singt von seinem Sohn, der heute genauso alt ist wie er 1990. "Für ihn bin ich so makellos wie Mike Tyson – und ich will nicht zu Boden gehen", gesteht Flowers. "Ich denke, wir alle haben diese Momente des Zweifels, diese Ängste. Es tat gut, sich dem bei diesem Album zu stellen. Vielleicht können Leute, denen es genauso geht, damit etwas anfangen."


Quelle: teleschau – der Mediendienst