Drama bei ARTE

"Transit": Auf der Flucht verschwimmt alles

von Andreas Fischer

Bei seiner Flucht vor den Nazis strandet Georg in Marseille. Regisseur Christian Petzold spannt mit seinem  Flüchtlingsdrama "Transit", welches ARTE als Erstausstrahlung zeigt, den Bogen von der NS-Zeit ins Jetzt.

ARTE
Transit
Drama • 09.11.2020 • 20:15 Uhr

"Das Furchtbarste ist, dass sie dich nicht sehen in dieser Welt." – Georg (Franz Rogowski) ist ein Unsichtbarer. Auf der Flucht vor den Nazis verschlägt es ihn nach Marseille. Drei Wochen lang wartet er dort auf sein Schiff, das ihn nach Mexiko bringen soll, in die Freiheit. Drei Wochen lang wird er nicht wahrgenommen in einer Stadt, die in Christian Petzolds hervorragendem Drama "Transit" (2017), welches ARTE nun als Erstausstrahlung zeigt, aussieht wie das moderne Marseille. Das mag herausfordernd klingen, ist es aber gar nicht. Man gewöhnt sich schnell an den dramaturgischen Kniff, mit dem Petzold Anna Seghers Roman aus der Nazizeit ins Jetzt holt.

Georg ist zunächst ein Mann ohne Eigenschaften. Der Zufall verhilft ihm zu einer Identität, der des Schriftstellers Weidel. Der Mann beendete in einem Pariser Hotel sein Leben, Franz nimmt der verstörten Gastgeberin den Nachlass ab, den sie unbedingt loswerden will. Es ist eine Art Diebstahl, denn Franz hat sofort erkannt, dass der Haufen Papiere nicht nur ein Romanfragment enthält, sondern auch Visa-Bestätigungen für Weidel und seine Frau Marie (Paula Beer), die ihn allerdings verlassen hat.

Weil die Nazis vor den Toren der Stadt stehen, flieht Georg mit neuer Identität und seinem Freund Heinz nach Marseille. Versteckt in einem Güterzug, der für Heinz zum Grab wird. Georg kommt zwar an und ihm stehen ob der Weidel-Papiere Möglichkeiten offen, von denen andere Flüchtende nur träumen können. Doch ist er gefangen in einer Welt, die aufgehört hat das zu sein, was man real nennt.

Auf der Flucht verschwimmt alles, es gibt keine Regeln nur Ungewissheiten. Vor allem moralische. Jeder Tag ist anders, niemand weiß, was der nächste bringt. Christian Petzold lässt Georg durch drei Wochen voller Verrat und Willkür irren, voller Hoffnung und Verzweiflung. Er wird verfolgt von einer geheimnisvollen Schönen, in die er sich verliebt, aber die er nicht lieben darf. Dass "Transit" in Marseille spielt, ist logisch. Die Stadt am Rand des Kontinents ist seit jeher ein Schmelztiegel, mehr vielleicht als jede andere Hafenstadt Europas. Hier existieren Menschen kurz und hier verschwinden sie wieder.

Über dem ganzen Drama schwebt die gesellschaftliche Bedeutsamkeit. Was den Film so besonders macht, ist die Art und Weise, wie er sie diskutiert. Poetisch und politisch, beides ineinander verwoben. Petzold erzählt eine Universalgeschichte, getragen von einer selten gewordenen literarischen Sprache. Jedes Wort ist wohlüberlegt, jeder Satz ist wohlformuliert, frei über den Dingen schwebend und voller Andeutungen. Man betrachtet das Jetzt durch die Vergangenheit. Und sieht die Vergangenheit im Jetzt. Die Zeit selbst hat aufgehört zu existieren. Flüchtlingsdramen haben aber keine zeitlichen Grenzen. Sie verdienen eine universell gültige Empathie.

2020 präsentierte Christian Petzold auf der Berlinale einen Film mit vergleichbarem Ansatz. "Undine" holte die Sage um die unheilvolle Wasserfrau ins gegenwärtige Berlin. Hauptdarstellerin Paula Beer – mit der er bereits in "Transit" zusammenarbeitete – gewann sogar den Silbernen Bären als Beste Darstellerin.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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