Ticken die Ostdeutschen wirklich anders? Barbara Hahlweg begab sich für ihre ZDF-Doku "Vereint und doch nicht eins?", die am Tag der deutschen Einheit ausgestrahlt wird, auf Spurensuche.

Osten, Ostdeutschland oder Neue Bundesländer: Kurz nach der Wiedervereinigung glaubten die meisten fest daran, diese Begriffe drei Jahrzehnte später nur noch zu geografischen Umschreibungen nutzen zu müssen. Eine Hoffnung, wie sie zerschlagener nicht sein könnte. In Sachen Flüchtlingskrise und AfD, Arbeitslosigkeit und Jobchancen, Mentalität und Demokratieverständnis scheint das Land gespaltener denn je.

"Vereint und doch nicht eins?", fragt deshalb auch die gleichnamige ZDF-Reportage zum Tag der Deutschen Einheit (Mittwoch, 3.10., 19.30 Uhr), für die sich die Journalistin und "heute"-Moderatorin Barbara Hahlweg auf eine Reise durch den Osten der Republik begab. Welchen Menschen, Stimmungen und Antworten die aus Erlangen stammende 49-Jährige dort begegnete, verrät sie im Gespräch.

prisma: Der Titel Ihrer Doku "Vereint und doch nicht eins?" ist als Frage formuliert. Konnten Sie auf Ihrer Tour durch Ostdeutschland eine Antwort darauf finden?

Barbara Hahlweg: Da ist noch Luft nach oben. Vereint sind wir aus meiner Sicht noch nicht. Wirtschaftlich herrschen große Unterschiede, das haben mir die Recherchen und die Reise vor Augen geführt – wobei die Frage ist, ob die jemals zu überwinden sind. Auch emotional existieren noch Unterschiede.

prisma: Welcher Art?

Hahlweg: Ich habe das Gefühl, dass im Westen doch eine ziemliche Ignoranz gegenüber dem Osten herrscht. Dass viele Westdeutsche kein Interesse daran haben, sich mit der Vergangenheit der Ostdeutschen auseinanderzusetzen, sondern stattdessen Klischees im Kopf haben. Und das spüren die Menschen im Osten auch.

prisma: Woher rührt diese Ignoranz?

Hahlweg: Als Westdeutscher hat man sich nie als Fremdkörper gespürt. Viele Ostdeutsche hingegen fühlen sich immer noch nicht auf Augenhöhe. Weil Löhne, Renten und Wirtschaftskraft im Osten immer noch nicht auf Westniveau sind. Aber auch, weil vielen im Westen gar nicht bewusst ist, was die Menschen in Ostdeutschland erlebt haben. Für sie brach nach der Wende alles weg, während die Westdeutschen einfach weiterleben konnten wie zuvor.

prisma: Gab es bei Ihren Gesprächspartnern während des Drehs Gemeinsamkeiten im Blick auf die Situation der Ostdeutschen?

Hahlweg: Das war ganz unterschiedlich. Die Umbruchserfahrungen hatten alle. Aber wer daraus etwas Positives machen konnte, sieht das ganz anders als jene, die auf der Strecke geblieben sind. Und die jetzt eben immer noch sagen: "Früher in der DDR hatte jeder einen Job, eine Wohnung einen Kita-Platz. Und jetzt?" Diejenigen, die es hingegen geschafft haben, konnten dagegen auch an Stärke gewinnen. Weil sie wissen, dass sie es auf die Reihe kriegen – selbst, wenn alles im Umbruch ist. Allerdings wünschen auch die sich, dass mehr Menschen aus dem Westen einfach mal kommen und sich im Osten umschauen.

prisma: Sind das Menschen, die in "beiden Welten" zurechtkommen?

Hahlweg: Absolut. Man spürt auch sofort, wenn Ostdeutsche der dritten Generation in der Welt unterwegs waren. Sie haben eine sehr viel differenziertere Sicht auf die Dinge.

prisma: Sind Ihnen viele junge Menschen begegnet? Oft ist ja die Rede davon, dass die meisten in den Westen gehen.

Hahlweg: Uns sind viele beeindruckende junge Leute begegnet, die zum Teil auch wieder zurückgekommen sind. Wir trafen etwa einen sehr erfolgreichen E-Commerce-Unternehmer in Jena, den das ganze Gerede über Ost und West nervt. Er meinte, wir seien längst darüber hinweg – und dass das in seinem Job keine Rolle mehr spiele. Dass wir eher Thüringer und Baden-Württemberger seien als Ost- und Westdeutsche.

prisma: Sind dahingehend auch die Ostdeutschen gespalten?

Hahlweg: Ja, aus meiner Sicht schon. Die Trennlinie verläuft zwischen denen, die gute Jobs haben, und denen, die abgehängt sind. Das wird im Osten durch die besondere Geschichte verschärft – aber das Problem gibt es natürlich auch im Westen und in ganz Europa.

prisma: Hatten Sie persönlich vor den Recherchen viel Kontakt mit dem Osten?

Hahlweg: Ich war mal im Rahmen meiner Ausbildung als Volontärin für drei Monate in Erfurt. Das hat mich geprägt; ist aber lange her. Mich überraschte vor allem, welch vorgefertigte Meinungen ich selbst habe. Wie sehr es sich lohnt, darüber nachzudenken. Welche Kränkungen es etwa auf ostdeutscher Seite gibt, bei denen man aufpassen muss, welche Worte man benutzt.

prisma: Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Hahlweg: Naja, ich habe gemerkt, wie sensibel die Menschen reagieren, wenn ich als Westjournalistin zum Beispiel nach Dresden-Prohlis komme und das als "Problembezirk" bezeichne. Weil sie es satt haben, von westdeutschen Medien oft so einen Stempel zu bekommen. Auf der anderen Seite spüre ich meine eigene Empfindlichkeit, wenn ich höre: "Wir Frauen im Osten sind es gewohnt, zu arbeiten." Da reagiere ich ähnlich konsterniert, weil ich denke: Wir Westfrauen arbeiten doch auch, selbst wenn wir Kinder haben.

prisma: Welche Erfahrung machten Sie denn als Journalistin und Medienvertreterin? Über "Lügenpresse"-Rufer und Medienskepsis wurde ja in letzter Zeit viel berichtet.

Hahlweg: Ich habe durchweg gute Erfahrungen gemacht. Ein kluger Kopf aus dem Osten hat mal gesagt: Die Menschen erzählen gerne, sie lassen sich nur nicht gerne etwas sagen. Und genau so war es: Wenn man nachfragt, erfährt man eine große Bereitschaft, zu erzählen. Wir waren allerdings auch nicht auf Demos unterwegs. Rechtsextremismus haben wir bewusst ausgeklammert. Wir wollen offen mit den Leuten reden, ihnen zuhören. Dafür hatten wir Interviewpartner vorher festgelegt, setzten uns aber immer wieder auch zu Leuten auf der Straße.

prisma: Sind Sie dabei auch auf rechte Positionen gestoßen?

Hahlweg: Ja, natürlich. Wir hörten auch: "Merkel muss weg" und dass wir jemanden wie Trump bräuchten. Dass Flüchtlinge alles bekämen. Dass man den Politikern nicht mehr vertraue. Wir trafen eine ganze Reihe frustrierter Menschen, von denen ich annehme, dass die meisten AfD wählen.

prisma: Konnten Sie ergründen, warum?

Hahlweg: Weil sie sich im Stich gelassen fühlen. Weil sie immer ein bisschen vertröstet wurden. Ein Soziologe hat es uns als permanente Enttäuschungskurve beschrieben: Die Menschen im Osten sahen, dass bei der Bankenkrise Geld für die Banken da war. Aber nicht, um Löhne und Renten im Osten anzugleichen. Dann kam die Griechenland-Krise und schließlich die Flüchtlinge – und es war Geld für die Griechen und die Flüchtlinge da. Aber nicht für den Osten. Eine permanente, immer wiederkehrende Kränkung.

prisma: Haben Sie die Menschen konfrontiert, wenn sich rechte Meinungen abzeichneten?

Hahlweg: Na ja, ich habe eher Ängste zu spüren bekommen. Wenn beispielsweise jemand erzählt, man müsse ja draußen Angst haben, dann lohnt es zu fragen: Wer wurde denn in Ihrem Umfeld tatsächlich angegriffen? Man muss den Dingen auf den Grund gehen.

prisma: Wie könnten denn die Medien der ostdeutschen Skepsis begegnen?

Hahlweg: Genau hinschauen! Zeigen, dass nach den Ereignissen in Chemnitz nicht nur über 8000 mit der AfD gelaufen sind, sondern auch über 65.000 auf dem Konzert waren. Im medialen Tagesgeschäft blicken wir ja auf das, was auffällig ist und nicht darauf, was normal ist. Deshalb gucken wir natürlich erschrocken auf Extremes, etwa Hitlergrüße auf der Straße. Man muss das nur immer in Relation setzen.

prisma: Rührt aus einem Mangel daraus auch das schwierige Verhältnis vieler Ostdeutscher zu den etablierten Medien?

Hahlweg: Ich denke schon. Wir trafen Leute, die auch heute noch voller Wut auf die Treuhand sind, weil sie sich über den Tisch gezogen fühlen. Diese Aufarbeitung der Treuhand-Geschichte und der Fehler, die damals begangen wurden, ist in den Medien nicht sehr präsent. Das beginnt erst. Deshalb kann ich in dieser Hinsicht eine gewisse Skepsis nachvollziehen. Die Wiedervereinigung ist längst nicht aufgearbeitet. Das geht nur, wenn man fragt und einander zuhört.


Quelle: teleschau – der Mediendienst