"We Are Who We Are"

Introvertiert, planlos, verwirrt: Serie begleitet Teenager auf der Suche nach sich selbst

von Sarah Kohlberger

Vier Jahre nach dem großen Kinoerfolg "Call Me By Your Name" widmet sich Regisseur Luca Guadagnino nun erneut der Gefühlswelt von Jugendlichen: Die Serie "We Are Who We Are" handelt von zwei Freunden, die mit ihrer Identität hadern.

"Guck mal, wie er läuft." – "Er sieht aus wie 12." – "Seht euch diesen Blödmann an!" – Gedemütigt stolpert Fraser (Jack Dylan Grazer) über den Strand – weg von der Clique, die er eben erst kennengelernt hat. Bei einem italienischen Pärchen schnorrt sich der Junge mit dem übergroßen T-Shirt ein Tetrapak Wein, später balanciert er wankend auf einem Brückengeländer. Zu Hause trifft der 14-Jährige mit den bunt lackierten Fingernägeln auf seine Mutter, schlägt und beschimpft sie wüst. Fraser hasst den neuen Ort, an den seine beiden Mütter ihn geschleppt haben, schimpft er immer und immer wieder.

Fraser ist ein sensibler Junge, der noch nicht ganz weiß, was er eigentlich will. Regisseur Luca Guadagnino setzte sich bereits 2017 im Film "Call Me By Your Name" mit den schwierigen Themen Sexualität und Identität im Teenageralter auseinander. Das Drama wurde für vier Oscars nominiert, einer der Goldjungen sprang am Ende für die berührende Geschichte heraus: Der 17-jährige Elio (Timothée Chalamet) muss im Jahr 1983 mit seiner Homosexualität zurechtkommen, was in der Gesellschaft damals alles andere als akzeptiert war. Nun wagt sich Guadagnino erneut mitten in die Identitätskrise von Jugendlichen – diesmal in Serienform: Starzplay zeigt ab Sonntag, 7. März, das achtteilige Coming-of-Age-Drama "We Are Who We Are".

HALLO WOCHENENDE!
Interviews, TV-Tipps und vieles mehr: Zum Start ins Wochenende schicken wir Ihnen jeden Freitag unseren Newsletter aus der Redaktion.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Fraser, der direkt aus New York kommt und nun mit seinen beiden lesbischen Müttern auf einer US-Militärbasis in Chioggia im Nordosten Italiens wohnt. Immer wieder läuft der introvertierte Junge, der offensichtlich nicht viel von Regeln hält und trotz der hohen Temperaturen ganz schön viel Alkohol trinkt, scheinbar ziellos durch die Straßen, stolpert auch mal gedankenverloren in eine Männerdusche oder durch die Chioggia High School – immer mit Stöpseln in den Ohren.

Verwirrt, ziellos, unsicher: So wirkt Fraser, und so ähnlich muss es wohl auch in seinem Inneren aussehen. Das lässt der eigentlich eher schüchterne Junge vor allem an seiner Mutter Sarah (Chloë Sevigny) aus, wenn er sie beispielsweise schlägt, als sie ihm das Essen nicht richtig schneidet. Sie liebe ihn nicht, und in New York habe er das perfekte Leben gehabt, lässt der 14-Jährige in seinen dunkelsten Momenten seine Mutter wissen.

Fraser steht auf Jungs, Caitlin will ein Junge sein

Dann lernt der Junge, der von den anderen den Spitznamen "T-Shirt" verpasst bekommen hat, Caitlin (Jordan Kristine Seamón) kennen. Das hübsche Mädchen mit der faszinierenden Haarpracht, um das sich die zweite Folge der Serie dreht, hat noch eine zweite Seite: Sie trägt gerne Männerklamotten, flirtet auch mal mit einem Mädchen, hilft ihrem Vater bei schweren körperlichen Arbeiten, boxt und verhält sich generell lieber wie ein Junge. Sie nennt sich dann "Harper". Fraser erkennt Caitlins Dilemma sofort und freundet sich mit ihr an. Sie haben eines gemeinsam: Sie wissen noch nicht, wer sie wirklich sind. Während sich Fraser von Jungen angezogen fühlt, was ihn erst recht verunsichert, will Caitlin ein Junge sein.

Die Serie spielt im Jahr 2016, also über 30 Jahre später als der Film "Call Me By Your Name". Was hat sich seitdem verändert? Die Gesellschaft ist zwar toleranter geworden, was man am Beispiel von Frasers Mütter sehen kann, die völlig offen mit ihrer Homosexualität umgehen. Das Dilemma im Innern der Jugendlichen, die sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen, ist immer noch das gleiche. Die Serie "We Are Who We Are", die Guadagnino als "Film in acht Akten" definiert, fokussiert daher die Details und die Figuren, die sich endlich frei fühlen wollen. Was wollen sie wirklich? Was denken die Freunde darüber? Und sind sie sich überhaupt sicher über das, was sie fühlen?

Mit Fraser kann Caitlin auch offen über Transgender-Menschen sprechen. Er selbst sehne sich nach "universeller Freiheit", offenbart er ihr. Irgendwann werde festgelegt, was man ist: Mann oder Frau. "Transgender zu sein bedeutet, dass du mit diesem Bullshit einfach Schluss machen kannst", weiß er. Es gebe schließlich nicht nur A oder B. Aber auch Frasers Vorlieben werfen Fragen auf. "Nur weil meine Mum lesbisch ist, bin ich doch nicht schwul", stellt er einmal fest. "Du musst aber auch nicht nicht schwul sein", kontert Caitlin schmunzelnd.

Bei genauem Hinsehen scheint jede der Figuren in diesem militärischen Mikrokosmos mit sich zu hadern, auch die Beziehungen zwischen Frasers Müttern oder Caitlins Eltern wackeln an manchen Stellen gefährlich. Guadagnino widmet sich ausgiebig jedem einzelnen Konflikt. In einem Statement zum Film betont er: "Meine größte Angst ist die Nachlässigkeit. Wenn ich eines Tages merken sollte, dass ich mich nicht länger für die kleinsten Details interessiere, werde ich aufhören, Filme zu drehen."

Getragen wird die sehenswerte und an manchen Stellen recht freizügige Serie von vielen unbekannten Schauspielern, darunter auch Francesca Scorsese, Tochter der Regielegende Martin Scorsese. Zwei Ausnahmen gibt es allerdings: Die "Call Me By Your Name"-Stars Timothée Chalamet und Armie Hammer verirrten sich jeweils kurz für einen Cameo-Auftritt vor die Kamera.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
Das könnte Sie auch interessieren