"20 Freier an einem Tag"

3sat-Doku gibt erschütternde Einblicke in das Rotlichtmilieu

von Andreas Schoettl

Es ist eben doch kein Job wie jeder andere. "Wenn man 20 Freier am Tag bedienen muss, das ist physisch und auch psychisch nicht zu ertragen", sagt eine ehemalige Prostituierte.

Es gilt als das "älteste Gewerbe der Welt". Eine Bezeichung, die allerdings viel zu harmlos klingt, wenn man sich genauer mit dem Thema Prostitution beschäftigt. Schon die blanken Zahlen sind erschreckend: Weltweit bieten geschätzte 40 Millionen Menschen, meist Frauen, ihren Körper als Ware an – mit teilweise furchtbaren, kriminellen Auswüchsen und verheerenden Folgen. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen längst, dass Prostituierte durch ihre Tätigkeit in hohem Maß Gefährdungen und Schädigungen an Leib und Seele ausgesetzt sind.

Die Dokumentation "Kein Job wie jeder andere" von Filmemacherin Nathalie Suthor führt tief hinein in das so genannte Rotlicht-Milieu. Doch von Erotik ist in der Welt, die der am Donnerstag, 4. März (20.15 Uhr), gesendete Beitrag aus der Reihe "WissenHoch2" auf 3sat auslotet, keine Spur. Im Gegenteil: In dem Film kommen unter anderem Frauen zu Wort, die jahrelang als Prostituierte tätig waren und den Ausstieg geschafft haben. Sie sind überzeugt, dass es kaum jemanden gibt, der sich wirklich freiwillig prostituiert: "Wenn man 20 Freier am Tag bedienen muss, das ist physisch und auch psychisch nicht zu ertragen."

Doch nicht nur einzelne Personen rücken bei der Dokumentation in den Fokus. Prostitution habe auch gesellschaftliche Auswirkungen, so verdeutlichen es Experten. "Der Blick des Freiers überträgt sich auf jede Frau außerhalb der Prostitution", warnt etwa die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus. Psychotherapeut Lutz Besser findet ebenfalls klare Worte: "Wenn Frauen als Konsumgut weiter in der Prostitution ungeschützt existieren, dann führt das dazu, dass Gleichberechtigung noch in weiter Ferne ist."

Anders als in Deutschland, wo die "Sexarbeit" als eine beliebige Dienstleistung liberalisiert wurde, gilt die schwedische Lösung als Ausweg. In dem skandinavischen Land hat das Verbot des "Sexkaufs" die Stellung der Frau in der Gesellschaft gestärkt. Deutschland sollte ihm folgen, meint auch Nathalie Suthor, die in ihrem Film auch nochmals die Ex-Prostituierte Sandra Norak zu Wort kommen lässt, jene Aktivistin, die sie bereits vor einem Jahr in ihrer aufsehenerregenden"37°- Reportage im ZDF, "Verratene Liebe – Die Masche der Loverboys", porträtiert hatte. "So etwas überstieg meine Vorstellungskraft. Es war mir unbegreiflich, dass das in der gleichen Welt passiert, in der ich lebe", gab Nathalie Suthor damals zu Protokoll.

"Ich war durch die Recherchen zu dem "37°"-Film so nachhaltig erschüttert, dass ich unbedingt zu dem Thema weiterarbeiten wollte", erklärt die TV-Journalistin nun. "Mit diesem Film möchte ich darauf hinweisen, dass Prostitution in der Mitte der Gesellschaft stattfindet und uns alle angeht. Ich beleuchte anhand von Experten, wer, warum in der Prostitution landet und welche Auswirkungen diese 'Tätigkeit' hat." Die Autorin betont, dass einige Frauen "in wirklich bewegenden Interviews" schildern, "wie es ihnen ergangen ist". Der ehemalige Kriminaloberrat Helmut Sporer berichte zudem aus seiner langjährigen Erfahrung im Bereich Menschenhandel. Die Filmemacherin, sagt, sie "war in Schweden und habe mir das Nordische Modell angeschaut, vor allem, wie es die Einstellung einer ganzen Gesellschaft zum Thema Sexkauf verändern" könne. Wie die Einstellung in Deutschland sei, das werde in ihrer Dokumentation unter anderem durch die Ausführungen eines ehemaligen Freiers deutlich.

Im Anschluss an die Wissenschaftsdokumentation am Donnerstagabend bei 3sat diskutiert Gert Scobel ein verwandtes Thema. Ab 21 Uhr sieht der Moderator "Frauen ohne Macht". Zu Gast sind die Soziologin und Haushaltsökonomin Uta Meier-Gräwe, die Vorsitzende von UN Women Deutschland Karin Nordmeyer sowie Tijen Onaran, Autorin und Gründerin und CEO von Global Digital Women.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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