Schauspieler im Interview

Ralf Moeller: "Hinfallen ist keine Schande, sondern eine Lektion"

von Frank Rauscher

Der Hüne aus Recklinghausen hat es geschafft: Durch seine Rolle in "Gladiator" machte sich Ralpf Moeller in Hollywood einen Namen. Dass er auch offen über Rückschläge spricht, ist nicht die einzige Überraschung, die man im Interview mit dem 62-Jährigen erlebt.

"Deutsche Eiche"? – Ralf Moeller hat den Humor, um mit Beinamen klarzukommen, die mehr nach Klischee klingen als nach Kompliment. Auch am Set des Monumentalreißers "Gladiator" (2000) nannten sie ihn so – doch gleich in seiner ersten Drehszene, in der Kulisse in der Hitze von Malta, wurde damals deutlich, dass auch ein Bodybuilding-gestählter Modellathlet aus Recklinghausen nur ein Mensch ist: Just als Moeller mit Lederrock und Sandalen erstmals vor laufender Kamera den Vorzeigegladiator geben sollte, warf es ihn mit Schmerzensschrei in den staubigen Arena-Boden. – Wadenkrampf, da machste nix. Im autobiografischen Buch "Erstma' machen!" (ab 2. März, Gräfe und Unzer, 16,99 Euro) erinnert sich der 62-Jährige in herzerfrischender Ausführlichkeit auch an diese denkwürdige Anekdote. Nachdem sich ausgerechnet Hauptdarsteller Russell Crowe und Regie-Altmeister Ridley Scott liebevoll um die medizinische Erstversorgung des ehemaligen Mr. Universum kümmerten, sei es nicht schwer gewesen, mit den anderen lauthals mitzulachen – "über die deutsche Eiche, die wie vom Käfer zerfressen umfiel". Im Interview spricht der gelernte Schwimmmeister übers Hinfallen und Wiederaufstehen und ein bewegtes Leben.

prisma: Herr Moeller, Sie sind muskelbepackt, 1,97 Meter groß und gut 120 Kilogramm schwer. Hat man es mit so einer massiven Erscheinung leichter im Leben?

Ralf Moeller: Ja, oft half mir das. Aber nicht immer. Man wird sehr schnell eingeordnet – in Amerika war ich früher für alle, die mich sahen, sofort der klassische Football-Spieler. Mir kam dort von Anfang an ohne weiteres Zutun eine gewisse Bewunderung entgegen. In Deutschland war es in den 70er- oder 80er-Jahren hingegen so, dass man mich immer ein bisschen seltsam ansah – so nach dem Motto: "Was is'n das für ein aufgepumpter Kerl?" Sie wissen schon, es gab lange diese Bodybuilder-Klischees. Wir wurden nicht ganz so für voll genommen wie andere Sportler.

prisma: Erfahrungen, die gewiss auch charakterprägend waren ...

Moeller: Wohl wahr. Auf jeden Fall kannst du dich nicht verstecken, wenn du so daherkommst wie ich. Ich falle immer auf.

prisma: Sie wollten es aber auch nicht anders, die Muskeln waren ja nicht immer da ...

Moeller: (lacht) Ja, ich hatte eben immer große Disziplin – zunächst als junger Schwimmer, dann als Bodybuilder. Ich fand Bruce Lee oder Arnold Schwarzenegger stark – an ihren Bildern konnte ich mich als Junge nicht sattsehen. So wollte ich auch werden. Wobei ich es lange für völlig unmöglich hielt, sich eine derartig gewaltige, extrem definierte Muskelmasse anzutrainieren.

prisma: Was änderte Ihre Auffassung?

Moeller: Das Training. Die ersten Erfolge. Ich steigerte mich irgendwann so rein, dass ich auch mal Wettkämpfe gewinnen wollte – trotz meiner nicht gerade grazilen Körperlänge. So ging das los damals ...

prisma: Sie wurden 1984 Deutscher Meister im Bodybuilding, 1986 wurden Sie in Tokio zum "Mr. Universum" gekürt.

Moeller: Für ein Arbeiterkind aus dem Recklinghausen nicht schlecht, oder?

prisma: Wobei die Jungs im Ruhrpott eigentlich lieber Fußballer werden wollen. Warum hat es Sie nicht auf die rote Erde gezogen?

Moeller: Weil ich zwei linke Füße hatte. Ich hab's mit acht, neun Jahren probiert, auch als Torhüter ... Aber dafür war ich nicht geschaffen, die haben mich nach Hause geschickt. So kam ich zum Schwimmsport. Wobei ich großer Fan der Ruhrpottklubs bin und gerne ins Stadion gehe. Was gerade mit Schalke 04 passiert, ist ein Drama, da leide ich richtig mit. Also, wenn Sie wollen, könnten Sie mit mir auch über Fußball diskutieren – ich bin vielseitiger, als man meinen möchte (lacht).

prisma: Wenn Sie Ihr Publikum überraschen wollten, dann ist Ihnen das auf jeden Fall mit dem Buch geglückt: Ein Werk, das einen immer wieder zum Lachen bringt und an einigen Stellen zu Tränen rührt.

Moeller: Danke für das Kompliment, das gebe ich gerne an den Autor Tankred Lerch weiter, der das Ganze mit dem Blick des Außenstehenden eingeordnet und für mich in diese wunderbare Form gebracht hat. Ja, es kann gut sein, dass nun viele überrascht sein werden von dem, was sie über mich erfahren – immerhin hieß mein letztes und bislang einziges Werk: "Die Faszination athletischer Körper" (lacht), und seitdem sind auch schon 33 Jahre vergangen. Da musste also mal etwas Neues her!

prisma: Warum eigentlich?

Moeller: Bestimmt nicht, weil ich mich oder mein Leben für besonders wichtig halte. Ich habe mich im Grunde sowieso nicht verändert – aber die Welt hat sich weitergedreht. Mir ist es wichtig, dass mein Buch nicht nur unterhaltsam ist und Erlebnisse und Anekdoten aus meinem Leben erzählt, es soll dem Leser auch etwas bringen: Motivation!

prisma: An einer Stelle schildern Sie, wie Sie kurzfristig einen Flug absagten, um einen krebskranken Jungen einen letzten Wunsch zu erfüllen und ihn im Krankenhaus zu besuchen.

Moeller: Eine sehr traurige Erinnerung. Diese Episode wollte ich nicht drin haben, um der Welt zu beweisen, dass ich so ein toller Kerl bin. Mir war sie wichtig, weil dieser Junge, dieser Kämpfer, der mich unbedingt kennenlernen wollte und zwei Wochen nach unserem Treffen tatsächlich starb, uns mit seiner Haltung zeigt, worauf es meiner Meinung nach ankommt: Du darfst nie den Mut verlieren, du musst immer versuchen, deine Ziele zu erreichen. Davon handelt mein Buch.

prisma: Es steckt voller Zitate berühmter Persönlichkeiten – vom Skirennläufer Alberto Tomba bis zum Schriftsteller Paulo Coelho: "Ein Schiff ist sicherer, wenn es im Hafen liegt. Doch dafür werden Schiffe nicht gebaut." – Als Couch-Potato bekommt man ein schlechtes Gewissen!

Moeller: Das war meine volle Absicht (lacht)! Nein, war nur Spaß. Auch ich lümmele mal auf der Couch herum und zappe sinnlos durch die Programme. Oder ich zünde mir eine Zigarre an und hänge meinen Gedanken nach; trinke mit Freunden eine Flasche Rotwein. Ich bin nicht besser oder schlechter als andere – alles ganz normal. Ich will auch niemanden dazu motivieren, jetzt mit dem Bodybuilding anzufangen oder, wie ich es getan habe, auf vegane Ernährung umzusteigen.

prisma: Was wollen Sie dann?

Moeller: Ich wollte ein Zeichen setzen gegen das gerade hierzulande immer weiter verbreitete Jammern. Gegen dieses Sich-Hängenlassen, gegen das ewige Hadern, dieses oder jenes nicht geschafft zu haben, und anderen die Schuld dafür zu geben. So kommen wir nicht weiter – weder als Einzelne noch als Gesellschaft. Bevor ich mich in Selbstmitleid ergehe, versuche ich, meine Probleme selbst zu lösen und meine Ziele zu erreichen. "Erstma' machen!"

prisma: Ihr Lebensmotto?

Moeller: Auf jeden Fall. Zu mir ist zum Beispiel nie jemand gekommen, um zu fragen, ob ich vielleicht mal Lust auf diese oder jene Filmrolle habe. Nein, ich bin immer alleine losgelaufen und habe mich vorgestellt – zuerst bei der Bavaria in München, wo man mir wenig später einen "Tatort"-Auftritt an der Seite von Götz George alias Schimanski zugetraut hat ("Tatort – Gebrochene Blüten", 1988, d. Red.) ...

prisma: Etwas später standen Sie auf einmal im Büro von Menahem Golan, einem der wichtigsten Filmproduzenten in Hollywood.

Moeller: Genau – ich habe das einfach so gemacht. Erst habe ich die Sekretärinnen eine Woche lang mit Telefonanrufen genervt, ohne dass man mich weiterverbunden hätte, dann bin ich nach L.A. geflogen und in das riesige Gebäude der "Cannon Films" gestiefelt ... Die wollten mich natürlich nicht vorlassen, aber irgendwann stand ich tatsächlich oben beim Boss – und fand mich mitten in einer wichtigen Besprechung wieder. Am Ende kam meine erste Hollywoodrolle dabei raus – an der Seite von Jean-Claude Van Damme in "Cyborg". Was ich sagen will: Du kannst im Leben nicht viel planen, aber du kannst vieles erreichen, wenn du dich traust und am Ball bleibst.

prisma: Kennen Sie keine Angst?

Moeller: Nö. Respekt schon, auch eine gewisse Vorsicht – das ist wichtig. Aber Angst habe ich eigentlich nie. Doch das ist gar nicht der Punkt. Es geht vielmehr darum, dranzubleiben, hartnäckig zu sein, auch mal Gegenwind zu ertragen. Weil er dazugehört im Leben. Wenn ich beim Training neun Wiederholungen gemacht habe und der Muskel so sehr schmerzt, dass ich laut schreien könnte, wissen Sie, was ich dann mache?

prisma: Noch eine Wiederholung?

Moeller: Nein, ich mache noch mindestens vier Wiederholungen!

prisma: Trainieren Sie noch regelmäßig mit Arnold Schwarzenegger?

Moeller: Gerade lässt es die Pandemie nicht zu, dass ich rüberfliege. Aber natürlich: Wir sind seit 40 Jahren beste Freunde, wir trainieren nach wie vor auch gerne mal zusammen. Wir plaudern derzeit viel über Facetime.

prisma: Er ist zwölf Jahre älter als Sie. Wer schafft mehr Wiederholungen beim Bankdrücken?

Moeller: Mal der eine, mal der andere. Das ist eine harte Competition – auch auf dem Tennisplatz schenken wir uns nichts. Ehrlich gesagt, bin ich immer wieder sprachlos, wenn ich sehe, wie extrem fit der Mann ist. Arnold ist ehrgeizig und in unglaublicher Verfassung für einen 73-Jährigen.

prisma: Was macht diese besondere Freundschaft aus?

Moeller: Nach so vielen Jahren würde ich sagen, dass man in der Gegenwart des anderen ruhig wird, keinerlei Druck verspürt ... Wir erzählen uns alles, aber wir können auch mal eine Stunde schweigend miteinander verbringen. So definiere ich eine Freundschaft, die im Leben angekommen ist: Man kann so sein, wie man ist, muss nichts beweisen oder vorgeben. Es geht um Loyalität und Vertrauen.

prisma: Sprechen Sie beide viel über Politik?

Moeller: Absolut. Auch wenn er mich manchmal noch überrascht: Arnolds Social-Media-Post nach den Ereignissen vom 6. Januar am Capitol in Washington wurde weltweit viele Millionen Mal geklickt – es war eines seiner größten politischen Statements überhaupt. Ich hatte davon vorher auch nichts gewusst, was aber typisch für ihn ist: Arnold macht Sachen. Er braucht keinen, der ihn dabei berät. Ich habe ihm natürlich zu seiner grandiosen Speech gratuliert.

prisma: Sie sind wie Schwarzenegger ein Anhänger der republikanischen Partei, übten aber auch immer wieder Kritik am ehemaligen Präsidenten Donald Trump. Wie viel Verantwortung trägt er an den Gewaltausbrüchen vom 6. Januar?

Moeller: Wer Trump zugehört hat, musste davon ausgehen, dass das auf etwas sehr Ungutes hinauslaufen wird. Man ahnte, dass etwas passieren würde. Ich will nicht sagen, dass er das so geplant hat, aber mit seinen Aussagen hat er die Meute dazu motiviert, zu handeln, und er hat nicht wirklich versucht, es zu stoppen. Es kamen Menschen zu Tode – für mich trägt er die Verantwortung.

prisma: Was womöglich ohne Konsequenzen bleiben wird ...

Moeller: Ja, leider hat das Impeachment nicht funktioniert. Es kann daher sein, dass wir es in vier Jahren wieder mit einem Kandidaten Trump zu tun haben. Ich finde den Gedanken extrem beunruhigend und hoffe, dass sich im Lager der Republikaner das Nötige tut, um Trumps Wiedererscheinen auf der politischen Bühne zu verhindern.

prisma: Sie haben die amerikanische und die deutsche Staatsbürgerschaft. Was fasziniert Sie an den USA?

Moeller: Seit jeher und immer noch: Die Weltoffenheit, die Verbindlichkeit der Menschen, die großartigen Möglichkeiten, die einem das Leben dort offenbart ... Im Moment hat die US-Gesellschaft ohne Frage große Probleme, aber sie ist bei Weitem nicht so kaputt und zerrissen, wie man hierzulande glaubt.

prisma: Sie pendeln seit Jahrzehnten wie selbstverständlich zwischen den Welten Hollywood und Recklinghausen. Wie machen Sie das?

Moeller: Die Antwort finden Sie in meinem Buch (lacht). Da heißt es: "Ich beurteile Menschen nicht danach, ob sie Mülltonnen abholen oder Ministerpräsident sind, für mich ist ein Mensch ein Mensch." Und so ist es: Wenn ich zu einer Filmproduktion komme, können Sie davon ausgehen, dass ich nach ein paar Tagen jeden am Set mit Vornamen kenne. Ich plaudere mit jedem, habe immer ein offenes Ohr, interessiere mich für die Menschen, mit denen ich es zu tun habe. Ob Recklinghausen oder Hollywood, ob einer Beleuchter ist oder Weltstar: Alle bekommen den gleichen Respekt.

prisma: Sie gingen mit Ende 20 in die Staaten, um Ihr Glück zu probieren. Wäre eine solche Karriere heute noch möglich?

Moeller: Ich denke schon. Auch wenn sich vieles geändert hat und das Filmgeschäft schnelllebiger geworden ist, würde ich immer noch sagen, dass jeder die Chance hat, seine Träume zu verwirklichen. Hart war es auch damals. Schon in den 80er-Jahren hatten viele Schauspieler in Hollywood einen zweiten oder einen dritten Job, um über die Runden zu kommen. Aber es ist eben nicht unmöglich. Wer es wirklich schaffen will, muss es versuchen.

prisma: Haben Sie einen Rat?

Moeller: Lasst euch von Rückschlägen nicht entmutigen! Es geht im Leben darum, immer wieder aufzustehen. Verliert diesen Glauben nicht. Die Niederlagen sind im Grunde das Wichtigste. Hinfallen ist keine Schande, sondern eine Lektion, die dir zeigen soll, was du falsch gemacht hast. Irgendwann kommt das Glück zurück. Auch Schalke ist noch nicht abgestiegen (lacht).

prisma: Sie haben sich unlängst in eindringlichen Appellen in die Corona-Impfdebatte hierzulande eingeschaltet, nachdem für Ihre 85-jährige Mutter und Ihren 91-jährigen Vater keine Impftermine zu bekommen waren ...

Moeller: Gott sei Dank: Am 17. März werden die beiden voraussichtlich geimpft. Ich bin aber nach wie vor sehr enttäuscht von der Bundesregierung, die die alten Leute im Regen stehen lässt. Es ist ein Armutszeugnis, dass wir nicht ausreichend Impfstoff haben, um wenigstens diese Risikogruppen schnell zu versorgen. Die Entscheidungsträger auf EU- und Bundesebene haben einen katastrophalen Job gemacht, in der freien Wirtschaft müsste man nach einem solchen Versagen sofort zurücktreten.

prisma: Denken Sie, wir werden dieses Jahr irgendwann wieder zur Normalität zurückkehren können?

Moeller: Nein, die Corona-Pandemie wird unser Leben noch bis weit ins nächste Jahr hinein bestimmen. Aber gewiss wird es im Sommer, vielleicht schon im Frühjahr, Erleichterungen geben, auf dass wir die paar Monate halbwegs genießen können. Und danach? Es fehlt einfach an Impfstoff – und mir fehlt es an Fantasie, um zu erkennen, wo der in den nächsten Monaten so schnell herkommen soll.

prisma: Haben Sie auch beim Thema Corona eine Analogie zum Sport parat?

Moeller: Sicher: Wenn du beim Boxen einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen hast, stehst du danach nicht einfach auf, schüttelst dich und machst weiter, sondern du brauchst eine ganze Weile, um wieder auf die Beine zu kommen. Wenn wir Corona eines Tages hinter uns haben sollten, müssen wir erst mal lernen, wieder ein normales Leben zu führen.

prisma: Was macht Sie da skeptisch?

Moeller: Schauen Sie nur mal in die Sozialen Medien: Man merkt, dass wir bereits einiges verlernt haben, was das Zwischenmenschliche und die Kommunikation angeht. Es wird dauern, bis wir als Gesellschaft wieder zu uns gefunden haben ...


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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