Corona-Bilanz bei ARTE

Carola Rackete: "Ich glaube, in zehn Jahren wünschen wir uns 2020 zurück"

von Andreas Schoettl

Das Jahr 2020 war geprägt durch die Corona-Pandemie. Die ARTE-Doku "Corona: Sand im Getriebe" zieht eine Bilanz und wagt einen Ausblick. In der Doku kommt auch Aktivistin Carola Rackete zu Wort.

"Wer bin ich, dass ich es wage, Euch anzusprechen? Euch die Krone der Schöpfung. Ich, der ich nur an der Grenze zwischen der belebten zur unbelebten Materie existiere. Uns trennen Welten. Gemessen an meiner Größe bin ich für Euch das, was Ihr für unseren Planeten seid: winzig klein!" Gleich zu Beginn der Dokumentation des französischen Regisseurs Alain de Halleux wirken diese Worte schon etwas theatralisch. Sie werden gesprochen von einer gespenstisch anmutenden Stimme aus dem Off. Und sie stehen für die vermeintliche Rolle des Virus. Bei ARTE ist der Film "Corona: Sand im Getriebe" am Dienstag, 2. März, 21.55 Uhr, zu sehen.

Corona, dieser kleine mutierte Erreger, hat seit rund einem Jahr nicht nur die Welt zum Stillstand und bereits unzähligen Menschen den Tod gebracht. Er hat auch die Schwachstellen der Gesundheitssysteme und die Verwundbarkeit einer globalen Wirtschaft offengelegt. Und er steht für die ganze Hilflosigkeit nicht nur der Politik, sondern der Menschheit an sich. Daher wirken auch die folgenden Worte dieser Stimme des Virus wie die reine Provokation. Sie sagt: "Ich bin nur ein einfacher genetischer Code. Daher sollte es für Euch ein Leichtes sein, mich auszurotten."

Dieses angeblich verheerende Virus ausrotten? Wenn das mal so einfach wäre. In einem Film, der mithin philosophische Züge hat, machen sich diverse Protagonisten und Experten so ihre Gedanken. Auch Carola Rackete wagt in Alain de Halleux' düster gezogenen Bilanz über das Pandemiejahr eine kaum optimistische Prognose. Die Umweltaktivistin, einst bekannt geworden, als sie als beherzte Kapitänin eines Flüchtlingsschiffes ohne Erlaubnis den Hafen von Lampedusa angefahren hatte, sieht den totalen Schrecken erst noch aufziehen. Sie sagt: "Wer glaubt, 2020 sei nur ein Krisenjahr und danach werde alles besser oder wieder wie vor der Krise, der irrt. Ich glaube in zehn Jahren wünschen wir uns 2020 zurück."

Racketes düstere Voraussicht spannt den Bogen sehr weit. Im Zuge von Corona bringt sie die industrielle Tierhaltung ins Spiel und setzt universelle Probleme wie fehlender Zugang zu Hygiene oder das Schreckensszenario Klimawandel auf die Agenda. Die ehemalige Kapitänin, die seit ihrer Aktion damals vor Lampedusa für Mut steht, erklärt: "Ich halte das Virus für gravierend. Weil es die Situation vieler Menschen noch schlimmer macht, als sie vorher schon war. Menschen, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung oder zu Hygiene haben. Die sowieso schon arm sind und jetzt nicht arbeiten gehen können. Es verstärkt die bestehenden Probleme noch. Das Virus ist ja nicht das einzige Problem. Es wirkt wie ein Verstärker für alles, das vorher schon schlecht war." Ein in sehr schwierigen Zeiten womöglich nötiger Optimismus jedenfalls klingt anders.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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