Film bei ARTE

"Perfect Sense": Apokalypse mit Poesie

von Andreas Fischer

Durch eine rätselhafte Epidemie verlieren die Menschen ihre Sinne. Inmitten des Chaos finden zwei Menschen zueinander, die sich eigentlich nicht lieben dürften. So poetisch und ergreifend wie in "Perfect Sense" wurde die Apokalypse noch nie gezeigt.

ARTE
Perfect Sense – Eine moderne Liebesgeschichte
Drama • 03.03.2021 • 20:15 Uhr

"Es gibt Dunkelheit, und es gibt Licht", erklärt eine Frauenstimme aus dem Off. Doch das Licht wird verschwinden in "Perfect Sense – Eine moderne Liebesgeschichte". In dem Film, den ARTE nun erneut zeigt, begleitet Regisseur David Mackenzie die Menschen durch die Apokalypse. In seinem poetischen, aufwühlenden und sensationell bebilderten Weltuntergang verlieren sie ihre Sinneswahrnehmungen. Geschmack, Geruch, Gehör und schließlich das Augenlicht: Was am Ende übrig bleibt, ist das Wesentliche. Aber darauf müssen sich die Protagonisten erst mal einlassen – und Mackenzie glaubt, dass sie es können.

Eine geheimnisvolle Epidemie grassiert auf dem Globus: Niemand kennt ihren Auslöser, es gibt kein Gegenmittel. Die ganze Welt, Südostasien und Afrika, Amerika und Europa, ist von Sinnen: In dieser Zeit begegnen sich im schottischen Glasgow der Gourmetkoch Michael (Ewan McGregor) und die Epidemiologin Susan (Eva Green) – zwei Menschen, die nicht zueinander passen und sich eigentlich nicht lieben wollen.

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Aber David Mackenzie lässt ihnen keine Wahl: Der Regisseur hat sich schon in "Young Adam" und "Hallam Foe" dafür interessiert, wie seine Figuren trotz Liebesunfähigkeit zu lieben versuchen. Auch Michael und Susan sind spröde miteinander, aber ehrlich. Sie entblößen sich voreinander – körperlich und seelisch. Ihr Taumel ist symbolisch in dieser brillanten Reflexion über das Wesen unserer Zeit.

"Perfect Sense" funktioniert weniger als Liebesgeschichte, denn als Puzzle: Die Welt hastet in hektischen Collagen aus fiktiven und echten Nachrichtenbildern vorbei, ihre Bewohner haben keine Zeit für gar nichts. Sie nehmen sich keine Zeit. Bis sie einen kurzen, heftigen Anfall übermäßiger Traurigkeit erleben. Dann ist der Geruchssinn weg, und damit verschwindet ein Ozean von Bildern aus der Vergangenheit: Wie kein anderer Sinn ist der Geruch mit Erinnerung verknüpft.

Was nehmen wir wahr? Wie sehr wissen wir die Sinne zu schätzen? Auf den Traurigkeitsanfall folgt ein globaler Fressflash und der Verlust des Geschmackssinns. Dann werden alle Menschen richtig wütend, bevor sie nichts mehr hören können. Und schließlich kommt die Dunkelheit. Das Leben geht trotzdem weiter: Wenn ein Sinn fehlt, konzentrieren sich die Menschen eben auf andere.

Bewusster leben, sich Zeit nehmen, das Wesentliche erkennen: Der Lebensrhythmus wird im Angesicht der Katastrophe entschleunigt. Das Schöne ist: David Mackenzie lässt die Hoffnung überleben. Am Ende bleibt die Liebe – auch in Zeiten absoluter Finsternis. Die Dunkelheit kann das Licht nicht besiegen in diesem apokalyptischen Thriller, der ein schlüssig erzähltes Kleinod ist, das die narrativen und gestalterischen Möglichkeiten des Kinos geschickt und fantasievoll nutzt.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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