Pokal-Halbfinal-Aus hin oder her: "Mit Schalke is', wie wennze fliechs", sagen die Fans im Pott, sofern sie es mit den Gelsenkirchenern halten. Ein paar Spielzeiten im Mittelmaß bringen jedenfalls keinen, der die berüchtigte Meisterschaft der Herzen miterlebt hat, so schnell aus der Fassung. Zumal es für Königsblau ja gerade wieder steil bergauf geht. Manager Christian Heidel nebst Coach Domenico Tedesco versuchen sich mit erstaunlichem Erfolg an einer Wiederbelebung des Mythos vom Schalker Markt. Wenn alles optimal läuft, springen am Ende der Saison nicht nur die Vizemeisterschaft und die Champions-League-Qualifikation heraus, sondern es darf auch noch über einen waschechten Weltrekord gejubelt werden: Am 4. Mai, also genau zum 114. Geburtstag des Revierklubs, soll in der Veltins-Arena die größte Filmvorführung aller Zeiten stattfinden. 43.625 Zuschauer bräuchte es dazu – was angesichts der Vorführung machbar erscheint. Gezeigt wird "Rudi Assauer – Macher. Mensch. Legende.", eine filmische Hommage an den an Alzheimer erkrankten ehemaligen Schalke-Manager.

Der ehemalige Schalker Nationalspieler Olaf Thon sagt in dem 90-minütigen Dokumentarfilm über seinen ehemaligen Vorgesetzten, er sei "ein Zauberer". Und er bekennt, er hätte "alles für ihn getan". Mike Büskens, ein anderer der Schalker "Euro-Fighter", die am 21. Mai 1997 in Mailand sensationell den UEFA-Cup gewannen, nennt ihn den "perfekten Manager". Der wegen seiner linken Klebe in der Liga stets gefürchtete Jörg Böhme spricht von einer "lebenden Legende", und Marcelo Bordon, einer der besten Verteidiger in Schalker Diensten, schwärmt von einem "Gott gegebenen" Charakter ...

Wäre Rudi Assauer, der vielleicht wichtigste Schalker Entscheidungsträger in der langen Vereinshistorie, der am 30. April sein 74. Lebensjahr vollendet, noch gesund und bei Kräften, dann würde er ob solcher Schmeicheleien vermutlich das tun, was er in solchen Situationen gerne tat: genüsslich an seiner Zigarre ziehen, die Stirn in tiefe Falten ziehen und dann mit ernstem Blick durch eine Rauchwolke hindurch erwidern, man möge doch tunlichst den Ball flach halten.

Auch wenn es ihm oft anders unterstellt wurde: Dem Mann, dem dieses filmische Denkmal gilt, ging es nicht um sich, sein Anliegen war der Verein Schalke 04. Der große Charismatiker, der knorrige, Zigarre paffende Rudi Assauer, der in seinen zweireihigen Anzügen auf dem Paralleluniversum Schalke stets ein bisschen so wirkte, wie aus einer Parallelwelt gefallen, trug mit seiner ganzen, markanten und durchaus arroganten Ausstrahlung fraglos viel zu seiner eigenen Ikonisierung bei. Streitbar und brachial auf der einen Seite, humorvoll und im besten Ruhrpott-Sinne menschlich, liebenswert auf der anderen – so beschreiben ihn nun auch im Film viele der Weggefährten und Freunde.

Ein wuchtiger Prototyp, den unversehens die Demenz ereilt – was für eine Tragik. Auch das hätte eine tragfähige Story eines Films sein können. Aber zum einen wurde die Krankheit schon in einer Fernseh-Dokumentation und in Assauers Memoiren mit dem Titel "Wie ausgewechselt" thematisiert. Und zum anderen hatte Filmemacher Don Schubert anderes im Sinn. Er wollte die Schalker Legende nicht vorführen, sagte er dem Funke-Portal "Der Westen", denn: "Die Krankheit ist nicht Rudi Assauer."

Jede Menge Fußball- und Ruhrpottgeschichte

Schubert arbeitet mit zahlreichen Interviews mit Weggefährten, Freunden und Familienangehörigen. Er drehte einen Film, der Assauers Persönlichkeit sehr nahe kommt, aber universeller funktioniert als ein klassisches Porträt. "Rudi Assauer – Macher. Mensch. Legende." erzählt anhand des Werdegangs des einstigen Schalke-Managers jede Menge Fußball- und Ruhrpottgeschichte und ist damit gemacht für alle, die diesen Sport lieben, vor allem aus der Fankurvenperspektive. Es geht um Schalke. Also ums Fallen und Wiederaufstehen, ums Verzweifeln, Hoffen und Glauben. Legenden der Leidenschaft, bei denen feuchte Augen der Erinnerung an Mailand '97 ebenso wenig ausbleiben wie das Drama vom 19. Mai 2001, als Rudi Assauer mit seinem FC Schalke für vier Minuten und 38 Sekunden Deutscher Meister war. Doch dann, an jenem Samstag, um genau 17.18 Uhr, die Schalker standen im Parkstadion versammelt wie im falschen Film, will ein Schiri im Spiel des HSV gegen die Münchner Bayern einen vom Torwart unerlaubterweise aufgenommenen Rückpass erkannt haben. Es gab Freistoß im Strafraum der Hamburger, und ein gewisser Patrik Andersson erzielte ein Tor, das den Münchnern den Titel der Saison 2001 bescherte und allen Schalkern, inklusive Rudi Assauer und seinem vermeintlichen Meister-Coach Huub Stevens einen Schlag versetzte, von dem sie sich lange nicht erholten. Wie auch. Alle weinten an dem Tag. Der Manager bildete keine Ausnahme. "Ich habe den Glauben an den Fußballgott verloren", lauteten seine vielzitierten Worte an jenem Nachmittag im Mai.

Doch Assauer, der sich in seiner aktiven Zeit auch in Dortmund als eisenharter Stopper verdingte, sagt natürlich trotzdem, er habe "dem Fußball alles zu verdanken". Was wohl wiederum fast alles über diesen Film sagt. Das Besondere an dem Streifen, der am 4. Mai in der Schalker Arena zur Weltpremiere kommt, ist aber auch die Umsetzung. Die Spielfilmanteile werden nicht mit den üblichen "Reenactments", sondern in erstaunlich emotional wirkenden, comichaften Animationen, aufwendigen "Animatics", erzählt. Da der Protagonist für Interviews nicht mehr zur Verfügung stehen kann, berichtet er durch sorgfältig recherchierte und ausgewählte Archivaufnahmen selbst von seinem bewegten Leben. Auf einen Off-Sprecher wurde nach Angaben des Filmemachers bewusst verzichtet.

Der Weltrekordversuch in der Veltins Arena, die in einer besseren Welt längst "Rudi-Assauer-Kampfbahn" heißen würde, ist für die Anhängerschar eine Ehrensache. Dass der gesamte Reinerlös der Filmpremiere an die Rudi-Assauer-Demenz-Initiative geht, passt da ins Bild. Tickets gibt es unter anderem unter https://rudiassauerderfilm.reservix.de/events. Glück auf!


Quelle: teleschau – der Mediendienst