Der Weinstein-Skandal schlug im Herbst vergangenen Jahres hohe Wellen und wirkt noch immer nach. Im Oktober war nach Berichten unter anderem der "New York Times" weltweit bekannt geworden, dass der Film-Mogul Harvey Weinstein Dutzende Frauen sexuell belästigt, genötigt und sogar vergewaltigt haben soll. Daraufhin, auch im Zuge der #MeToo-Bewegung, beschuldigten ihn immer mehr Frauen, darunter sehr prominente Namen wie Angelina JolieUma Thurman oder Salma Hayek, sexueller Vergehen. In der BBC-Dokumentation "Macho, Macht, Missbrauch – Der Fall Harvey Weinstein" von Jane McMullen und Leo Telling sind es zwar nicht diese Top-Stars, die über ihre mitunter schrecklichen Erfahrungen berichten, aber es kommen andere sehr mutige Frauen zu Wort in diesem bemerkenswerten Film, der am Dienstag, 1. Mai, 20.15 Uhr, bei ZDFinfo erstmals im Deutschen Fernsehen gezeigt wird.

Künstlerinnen wie Katherine Kendall oder das Model Zoe Brock sprechen in dem 45-minütigen Beitrag ausführlich über die Geschehnisse – sie erinnern sich teilweise unter Tränen an Begegnungen mit dem mächtigen Miramax-Boss. Das sind oftmals schwer zu ertragende Sequenzen, Bilder die unter die Haut gehen. Erstaunlich bleibt dabei jedoch, dass die Vorwürfe gegen den lüsternen Filmproduzenten teilweise mehr als 20 Jahre alt sind und dennoch so lange unter Verschluss blieben. Denn Weinsteins Taten waren in Hollywood längst ein offenes Geheimnis. Sogar Witze darüber wurden völlig frei in der Öffentlichkeit gemacht.

Dass Harvey Weinstein bestimmt nicht die Unschuld vom Lande ist, steht außer Frage. Im Zuge der Enthüllungen über seine sexuellen Vergehen wurde er bekanntlich von seiner eigenen Firma gefeuert. Auch weitere Unternehmen beendeten die Zusammenarbeit mit The Weinstein Company. Gegen den gefallenen einstigen "König von Hollywood" laufen Ermittlungen und Verfahren in New York, Los Angeles und London. Er selbst soll sich einer Therapie befinden.

Hätte er in einer entsprechenden Behandlung nicht aber schon lange sein können, wenn nicht sogar müssen? Das hinterfragt in der aufwühlenden Dokumentation "Macho, Macht, Missbrauch" beispielsweise Zelda Perkins. Von 1994 bis 1998, also vor mehr als 20 Jahren, arbeitete die junge Frau als Weinsteins Assistentin. "Es war immer die gleiche Masche. Er bat um Massagen oder kam unbekleidet ins Zimmer", erinnert sie sich über eine nicht einfache Zeit.

Gekündigt und Rechtsmittel gegen ihren einstigen Boss eingelegt hatte sie aber erst, als ihr bekannt wurde, dass Weinstein versucht haben soll, eine Kollegin zu vergewaltigen. Perkins wurde mit einem Stillschweigeabkommen "geknebelt" und mit Geld abgespeist. Bereits in den 1990er-Jahren hätte Weinstein zugegeben, dass es bis zu neun Belästigungsvorwürfe gegen ihn gegeben hätte, so Perkins. Immer wieder habe sie eine Therapie für ihn gefordert, so die ehemalige Assistentin. "Vergeblich! Irgendwann habe ich aufgegeben."

"Dann zeig mir wenigstens deine Titten"

Ja, es ist mutig, wenn betroffene Frauen wie die Schauspielerin Katherine Kendall vor der Kamera sitzen und unter Tränen berichten, wie "plump und peinlich" Weinstein versuchte, ihnen an die Wäsche zu gehen. "Wenn ich dich schon nicht küssen oder anfassen darf, dann zeig mir wenigstens deine Titten", habe er völlig nackt im Hotelzimmer zu Kendall gesagt, erinnert sich die Schauspielerin. Weiterem, Schlimmeren konnte sie vor rund 20 Jahren entkommen, sagt sie. Kendall gibt aber auch zu: "Instinktiv wusste ich, dass man mich vernichten würde, wenn ich gegen Harvey Weinstein anginge."

Einschüchterungen, beste Beziehungen zu Presse und auch zur Politik, Macht bei Besetzungen, immer wieder Zahlungen und eine Angst vor dem Karriereknick – all das stützte das System Weinstein. Die Schauspielerin Sean Young (unter anderem "Blade Runner") erzählt davon, wie Weinstein vor ihr einmal "sein Ding auspackte". Auf die vermeintliche Anmache ließ sie sich nicht ein – Young habe ihn nach eigener Aussage mit den Worten angeblafft: "Das ist wirklich nicht schön!" Ihre Karriere sei daraufhin in den Keller gestürzt, so die Schauspielerin: "Weinstein gab mir keine Rollen mehr, weil ich ihn bloßgestellt hatte." Und auch im restlichen Hollywood hatte sie es fortan schwer.

Der Film berichtet derart offen über die mitunter komplizierten Verstrickungen von Sex und Hollywoodkarrieren, dass man aus dem Kopfschütteln kaum mehr rauskommt. Am meisten staunt man über die Selbstverständlichkeit, mit der das über so viele Jahre in der Branche hingenommen wurde. Dass es bei Miramax schon sehr früh zu fatalen Bündnissen gekommen war, das bestätigt beispielsweise auch Weinsteins ehemaliger Produktionsleiter Paul Webster. Zwei Jahre lang, von 1995 bis 1997, ging er einen "Pakt mit dem Teufel" ein, wie er es nennt. Sein Resümee: "Hollywood ist ein Saustall und Weinstein ist der mit dem größten Misthaufen."

Dass dieser Misthaufen sehr weit und sehr übel gerochen hat, war im Fall Weinstein jedoch längst kein Geheimnis mehr. Das italienische Model Ambra Battilana Gutierrez lieferte bereits 2015 einen verhängnisvollen Ton-Mitschnitt über einen plumpen Anmachversuch Weinsteins. Und Seth MacFarlane witzelte schon 2013 als Gastgeber der Oscars bei der Bekanntgabe der Besten Nebendarstellerinnen ganz offen: "Glückwunsch, ihr fünf Ladys müsst nicht länger so tun, als würdet ihr Harvey Weinstein attraktiv finden."

"Weinstein begann zu weinen"

Neben den Verstrickungen von Geld, Macht und der erhofften großen Karriere zieht sich in der Dokumentation wie ein roter Faden, wie "plump und peinlich" Weinstein gegenüber den Frauen doch immer wieder agiert hatte. Oftmals reichte es ihm aus, einfach nur "sein Ding" (Sean Young) zu zeigen. Oder wie es das Model Zoe Brock ausdrückt: "Eben hat sich der Mann noch wie ein Mentor verhalten, und plötzlich hat man sein Ding im Gesicht."

Das Model hatte ebenfalls in den 1990er-Jahren in Cannes das zweifelhafte Vergnügen einer Nacht mit Weinstein. In einem Hotelzimmer soll er sich vor ihr entblößt haben. Brock gelang nach eigener Aussage die Flucht ins Badezimmer. Dort habe sie geschrien: "Zieh dir verdammt noch mal etwas an, du Dreckskerl!" So viel Widerstand hatte wohl gesessen. Brock erinnert sich: "Weinstein begann zu weinen. Seine Begründung: 'Du findest mich unattraktiv, weil ich fett bin."

Die in der Doku laut werdenden Vorwürfe werden von der Company und deren Anwälten allesamt zurückgewiesen – auch das wird im Film nicht verschwiegen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst