21.09.2021 Musikproduzent im Interview

Alex Christensen: "Die 80er-Jahre sind einfach sexy"

von Felix Förster
Alex Christensen hat sich quasi neu erfunden. Seine Alben mit dem Berlin Orchestra sind große Erfolge.
Alex Christensen hat sich quasi neu erfunden. Seine Alben mit dem Berlin Orchestra sind große Erfolge.  Fotoquelle: Marcel Brell

Alex Christensen hat mit dem Berlin Orchestra auf drei Alben die Hits der 1990er-Jahre neu interpretiert. Nun ist mit "Classic 80‘s Hits" ein Longplayer mit den Lieblingshits des DJs aus den 80er-Jahren herausgekommen. prisma sprach mit ihm darüber.

Du zählst zu den erfolgreichsten deutschen Musikproduzenten, hast Dir dabei vor allem einen Namen im elektronischen Bereich gemacht. Woher kam dann Mitte der 2010er Jahre auf einmal die Liebe zur klassischen Musik?

Alex Christensen: Als Euro-Dance Anfang der 2000er Jahre so ein wenig ausklang, habe ich mir überlegt, ich muss etwas machen, das etwas gegen den Strich geht. Etwas, das andere nicht machen. Ich habe mich dann dafür entschieden, Analog-Musik zu machen, also Menschen aufzunehmen, die richtige Instrumente spielen. So habe ich dann als Produzent mein erstes Klassik-Album aufgenommen. Das war "Rock Swings" mit Paul Anka. Dies wurde dann der erste Erfolg, den ich in diesem Bereich verbuchen konnte. Ich habe gemerkt, dass ich mich da wohlfühle. Es hat mich einfach herausgefordert und war für mich etwas ganz anderes. Umso schöner ist es, dass sich jetzt der Kreis schließt. Ich habe immer Dance- und Techno-Music gemacht, danach kamen dann die reinen Orchester-Alben, und jetzt habe ich beides verbunden. Eigentlich perfekt.

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Du hast selbst Paul Anka angesprochen, dessen Swing-Alben Du produziert hast. Auch die Idee, Rock und Pop von einem Orchester aufarbeiten zu lassen, ist nicht neu. Dein Ansatz, Orchestermusik mit Dance Beats zu unterlegen, ist hingegen ungewöhnlich. Das gab es ja so vorher nicht. Wie kam es dazu? Siehst Du durchaus Parallelen zwischen den Musikstilen?

Alex Christensen: Nein, das ist eher wie ein Unfall passiert (lacht). Es gab da dieses Jubiläum "30 Jahre Das Boot" (Der Filmklassiker von Wolfgang Petersen von 1981, dessen Titelmelodie Alex Christensen als Technonummer veröffentlicht hat. Anmerkung der Redaktion). Da hatte ich die Idee, ich mache nochmal eine Version des Songs, und zwar so, wie ich mir das damals schon vorgestellt hatte: mit kleinem Orchester, vier, fünf Streichern. Diesen Aufwand konnte ich mir 1991 noch nicht leisten. Nun ging das, und da habe ich mir gedacht: Komm, nimm ein großes Orchester, nimm direkt ein paar mehr Songs. "United" und "Heaven" und andere Sachen, die ich komponiert habe. Dann fiel mir auf, das waren ja echt gute Nummern in den 90ern, das funktioniert mit dem Orchester. So kam die Idee auf, die Songs, die mir richtig gut gefallen, zu denen ich eine Geschichte erzählen kann, vor denen ich mich auch gerne verbeugen möchte, noch einmal im neuen Gewand aufzunehmen. Und so ist das ganz organisch entstanden. Das war jetzt gar nicht geplant, sondern das ist eher zufällig passiert.

Viele der Songs der 90er – auch die elektronischen – hatten damals ja bisweilen nicht den besten Ruf. Wenn man sich die aber heute anhört, merkt man, dass die eigentlich richtig gut gealtert sind. Hast Du da eine Erklärung? Wie siehst Du die Hits von damals?

Alex Christensen: Ich glaube, je mehr Zeit ins Land geht, desto schöner findet man das. Ich kann mich erinnern, Mitte der 80er bis Anfang der 90er fanden alle ABBA richtig beschissen. Absolute No-Go-Area. Dann kam Vince Clarke von Erasure auf die geniale Idee, die ABBA-Hits zu covern. Das war dann der Startschuss für die neue Popularität von ABBA, ab da hat sich das Blatt für sie gewendet. Meine Vermutung ist, dass viele der 90er Songs durch meine Classical 90s Dance Alben auch ein wenig kredibiler geworden sind. Man kann jetzt auf einmal öffentlich sagen, dass man diese Songs gut findet. Und es ist wirklich so, die gewinnen immer mehr Glanz, man merkt, das waren doch ganz gute Songs. Ob das Mr. Vain ist oder Rhythm Is A Dancer. Das war nicht nur Trash, und das finde ich ist eigentlich eine sehr schöne Erkenntnis.

Du hast jetzt drei Alben mit 90er Dance Hits aufgenommen, jetzt sind es auf dem neuen Album die Hits der 80er. Wie kam es zu der Idee? Ist das auch dem allgemeinen 80er Revival geschuldet?

Alex Christensen: Das war ebenfalls ein sehr organischer Prozess. Ich habe die 90er-Jahre ja musikalisch mitgestaltet, als Produzent, als Autor und als Künstler. In den 80ern hingegen war ich einfach nur Fan dieser Musik. Ich habe mir die Thompson Twins gekauft, Heaven 17, habe den Vinyl-Scheiben von Police hinterhergejagt, wenn es die als Picture Discs gab. Ich war ein richtiger Fan. Und es gibt doch nichts Schöneres, als wenn man Musik, von der man Fan ist, noch einmal neu aufnehmen darf. Natürlich gibt es auch Songs, an die ich mich nicht herantraue, weil ich zu sehr Fan bin. Trotzdem konnte ich für die aktuelle Scheibe genügend Lieder finden, zu denen ich eine Beziehung habe, wozu ich für mich eine Geschichte erzählen kann.

Die Song-Auswahl hat also einen persönlichen Hintergrund und lief nicht nach dem Motto "Das war ein Erfolg, den nehme ich jetzt"?

Alex Christensen: Das wäre auch langweilig gewesen. Dann hätte auch Michael Jackson dabei sein müssen, Madonna und so. Und die habe ich bewusst nicht dazu genommen. Natürlich habe ich auch eine Verbindung dazu, aber diese Lieder sind einfach zu ikonisch, da kann ich auch nichts Neues zu erzählen. Madonna war zudem immer ein Sales-Hit, aber ich war nie so ein großer Madonna-Fan. Deswegen ist sie jetzt auch nicht dabei.

Mir ist aufgefallen, dass einige Songs wie Smalltown Boy von Bronski Beat oder Fade To Grey von Visage in Deiner Version um einiges druckvoller sind als im Original. Das kommt natürlich auch daher, dass Du den großen orchestralen Sound wählst und das dann noch mit Beats unterlegst. Wie hast Du die Gefahr einer Überproduktion vermieden?

Alex Christensen: Ich hoffe, dass das nicht überproduziert klingt (lacht). Ich habe jetzt fast zwei Jahre dieses Album fast täglich gehört, und da ist man dann auch ein bisschen verunsichert. Deshalb habe ich es jetzt auch für ein paar Wochen mal weggelegt, aber es freut mich, wenn Du sagst, es klingt nicht überproduziert. Unsere Ohren werden immer geschulter, wir nehmen die Musik mittlerweile so digital wahr, auch den Beat. Und da finde ich es besser, wenn der Beat druckvoller erscheint. Ich wollte einfach druckvoll klingen.

Du hast eine Riege an Gaststars auf dem Album: Ronan Keating, Sophie Ellis-Bextor, Gary Barlow, Bonnie Tyler, um nur ein paar zu nennen. Wie laufen diese Kooperationen ab? Kannten die Deine Musik?

Alex Christensen: Man muss sich so langsam in den Olymp spielen (lacht). Wenn man drei Alben gemacht hat, die relativ erfolgreich sind, ist es einen Tick einfacher, wenn man etwas anfragt. Wenn man dann noch was hat, was irgendwie sexy ist, was alle gut finden, und jeder irgendetwas damit verbindet, ob es die Eltern waren, oder aus eigenen Erlebnissen, dann ist das ein bisschen einfacher. Da kommen mir auch die 80er entgegen. Ich kenne niemanden, der sagt, das war alles Mist. Nein, eher: Das war cool, da will ich gerne dabei sein.

War da eine Zusammenarbeit, wo Du sagst, das war etwas ganz Besonderes?

Alex Christensen: Das wäre vermessen, da jetzt einen Künstler herauszustellen. Jeder Künstler für sich ist etwas ganz Besonderes. Es macht auch Spaß, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten, wie Mike Singer oder Ana Kohler, einer jungen Sängerin aus der Schweiz, die in Portugal aufgewachsen ist. So etwas ist für mich auch spannend, deshalb würde ich da nie Abstufungen machen. Sicherlich gibt es bei dem einen oder anderen Künstler verrückte Geschichten. Bonnie Tyler etwa, die habe ich letztes Jahr in Portugal aufgenommen. Da bin ich mit dem Auto hingefahren, weil ich gedacht habe, das wird durch Corona nicht so einfach. Und wir waren gerade zwei Tage da, da kam dann dieser völlige Lockdown in Portugal. Und da musste ich mir überlegen, was ich da jetzt die ganze Zeit machen soll. Das war nicht so einfach (lacht). Wir haben uns dann überlegt, die meisten Sachen virtuell aufzunehmen. Ich habe mir Studios in London gemietet, das Metropol oder das Abbey Road, und habe dann die Künstler dahin geschickt. Ich selbst war dann über ein Source-Programm live zugeschaltet. Das ging leider nicht anders. Ich wollte mir durch Corona nicht alles verderben lassen.

Die orchestralen Arrangements sind sehr ausgefeilt. Ist das sehr aufwendig? Wie produzierst Du das?

Alex Christensen: Ich brauche schon jemanden, der das umsetzt, einen Arrangeur. Ich mache meine Demos und stelle das meinen Arrangeuren vor, wir setzen uns dann zusammen und sie schreiben dann ein Arrangement, das wir dann anschließend mit dem Orchester umsetzen. Es gibt aber vorher ein digitales Demo, um eine Vorstellung zu haben, ob alles richtig ist. Erst dann buchen wir das Orchester, da das natürlich sehr aufwendig ist: die Musiker, der Arrangeur, der Aufbau. Es sind mehr als 100 Leute an meinem Album beteiligt. Da muss man schon logistisch der kleine Spediteur sein, damit das alles klappt.

Und diesen Aufwand setzt Du im kommenden Jahr auf Tour fort. Auf was können sich die Fans freuen?

Alex Christensen: Ich hoffe, dass wir dann in voller Besetzung spielen dürfen, sich die Situation mit Corona dann normalisiert hat und es unseren Alltag nicht mehr so diktiert. Und dann werden wir mit vollem Orchester auftreten, mit Gastsängern. Das wird eine tolle Show. Wir haben auf der Tour vor zwei Jahren schon ein paar der neuen Songs gespielt, die kamen sehr gut an. Ich hoffe einfach, wir machen dann eine großartige Zeitreise in die 80er- und die 90er-Jahre.

Du hast Dich in anderen Interviews schon kritisch zum aktuellen Musikbusiness geäußert, dabei besonders hinterfragt, wie die Charts denn zustande kommen. Wie kann in Zeiten von Spotify und Co. der Erfolg einer Veröffentlichung berechnet werden? Wann ist ein Album für Dich ein Erfolg?

Alex Christensen: Ich verkaufe persönlich immer noch viele CDs und Vinyl. Downloads machen bei mir 30 Prozent aus, bei anderen Künstlern sind das 95 Prozent. Anscheinend habe ich viele Fans, die immer noch gerne eine CD in der Hand halten oder eine Platte, die aber auch zwischendurch mal streamen. Ich fühle mich damit auch sehr wohl. Erfolg kann man eigentlich immer nur dann messen, wenn man merkt, dass es anderen Menschen auch gefällt. Wenn es ganz viele sind, umso besser, doch wenn es nur ein etwas kleinerer Kreis ist, ist das auch ok.

Du hattest es eben schon erwähnt: Du hattest 1991 mit "Das Boot" diesen Überraschungserfolg. Wäre so etwas für einen jungen Alex Christensen heute auch noch möglich?

Alex Christensen: Man muss auch ein wenig Glück haben mit seiner Geburt. Das ist ja auch ganz auffällig bei allen Software-Erfindern. Die sind oder waren ja alle in etwa gleich alt: Bill Gates, Steve Jobs. Das war im Techno ja so ähnlich. Ich hatte das Glück, Teil einer Jugendbewegung zu sein, die noch keiner so richtig wahrgenommen hatte. "Das Boot" war dann im Endeffekt letztlich auch die Erklärung mit „One, Two, Three, Techno“. Das hat die Bewegung dann auch kommerzialisiert und groß gemacht. So etwas geschieht ja nicht so oft. Ich kann mich an kaum eine Jugend-Bewegung erinnern, die so viel bewegt hat, wie die Techno-Bewegung mit der Love Parade und was da alles so dazugehört. Deswegen gehört da auch ein Momentum dazu. Aber trotzdem wäre ich so arrogant zu sagen, ich könnte das heute nochmal hinkriegen. Vielleicht in einer anderen Dimension, aber ich hatte nie einen Plan B. Ich habe immer nur Musik gemacht und daran geglaubt, dass ich irgendwann mal erfolgreich werde und davon leben kann. Eigentlich war das auch so eine Verwirklichung, weil es einfach Spaß bringt. Das ist der allererste Faktor. Ich bin einfach schlecht in Dingen, die mir keinen Spaß machen. Ich bewundere Menschen, die täglich ins Büro fahren, oder eine andere Arbeit machen, an der sie keinen Spaß haben, und das durchziehen. Natürlich ist das auch ein Muss, weil man seine Familie ernähren muss, aber dazu gehört schon viel Kraft.

Wie sieht es denn aktuell mit der elektronischen Musik aus? Ist die noch da, man bekommt ja nicht so viel mit, wenn man sich nicht gerade in diesen Kreisen aufhält?

Alex Christensen: Das stimmt schon, der heutige DJ ist ja der Lieferant für die Hits im Radio. Die funktionieren ja eher über das Radio, es ist ja nicht so, dass diese Künstler die Clubs noch nötig hätten. So hat sich diese Musik im Mainstream verschoben. Was ja ok ist für die Künstler-Gemeinde, die können sich dann ganz große Flugzeuge leisten (lacht).

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