"Ich werde künstlich am Leben gehalten" – Patrice Aminati rüttelte bei "Hart aber fair" das deutsche Gesundheitssystem auf
„Ich werde dank Medikamenten künstlich am Leben gehalten“ – nach diesem Satz wurde es still im Studio. Kein Raunen, kein Zwischenruf. Man hatte den Eindruck, dass dieser Satz wie ein Echo im Raum hängenblieb. Ausgesprochen wurde er in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ von Patrice Aminati (31), Mutter, Unternehmerin, Influencerin – und Palliativpatientin.
Ihr Leben wird seit drei Jahren von schwarzem Hautkrebs bestimmt – mit Metastasen, Klinikaufenthalten, Immuntherapie und Tagen, an denen ihr die Kraft zum Aufstehen fehlt. Ihr ständiger Begleiter: die Überzeugung, dass all das womöglich vermeidbar gewesen wäre. Für sie und für viele andere Betroffene.
Schwarzer Hautkrebs: „Ich dachte, das ist doch nur ein Leberfleck“
Während ihrer Schwangerschaft bemerkte Patrice Aminati, dass ein Leberfleck größer und erhabener wurde. Der Arzt hätte die Hautveränderung zunächst heruntergespielt. Die Diagnose folgte erst später. Zu spät für eine Chance auf Heilung. Der Krebs hatte bereits gestreut. Sie hatte Hautkrebs lange Zeit für „etwas Oberflächliches“ gehalten. „Ich dachte immer, das ist mit einem Schnitt getan“, sagt sie. Heute vergleicht sie die Krankheit mit einem Eisberg: Die größte Bedrohung befindet sich unsichtbar unter der Oberfläche.
Inzwischen haben sich Metastasen in mehreren Organen gebildet. Ihre Therapie dient nicht der Heilung, sondern nur noch der Lebensverlängerung. „Für mich kommt Vorsorge zu spät, ich bin Palliativpatientin“, sagte sie offen. Genau aus diesem Grund spricht sie in der Öffentlichkeit.
16,3 Milliarden Euro sparen – aber wo?
In der Sendung ging es um das deutsche Gesundheitssystem und um Kosten, Einsparungen sowie die geplanten 16,3 Milliarden Euro, die die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) bis 2027 einsparen sollen, um die Beiträge stabil zu halten. Es wurde unter anderem das seit 2008 angebotene Hautkrebsscreening diskutiert. Eine Streichung würde die jährlichen Ausgaben um rund 240 Millionen Euro senken.
Für Patrice Aminati ist diese Summe angesichts ihrer eigenen Behandlungskosten kaum mehr als ein symbolischer Betrag. „Allein was meine Krebserkrankung in den letzten drei Jahren gekostet hat […]“, sagte sie und brach den Satz ab. Die teuren Immuntherapien, lange Krankenhausaufenthalte, weitere Medikamente – all das sei um ein Vielfaches kostspieliger als jede Vorsorgeuntersuchung.
Dabei ist Aminatis Vorschlag radikal einfach: früher mit dem Screening beginnen, bereits ab 14 Jahren. Und vor allem besser informieren. „Ich habe das Risiko total unterschätzt. Ich möchte nicht, dass andere den gleichen Fehler machen.“
Entwarnung live im TV: Screening wird nicht gestrichen
Im Studio saß auch der CDU-Gesundheitspolitiker Hendrick Streeck (48). Er identifizierte Aminatis Befürchtungen als Missverständnis und erklärte: Das Hautkrebsscreening solle nicht gestrichen, sondern lediglich auf seine Wirksamkeit überprüft werden. Auch die Einführung KI-gestützter Verfahren stünde im Raum. Es gehe ausschließlich um Evaluation, nicht um Abschaffung.
Aminati hakte mehrfach nach. „Es ist kein Beschluss?“ Erst, als auch der Mediziner Eckart von Hirschhausen (58) versicherte, dass die Früherkennung nicht angetastet werde, wirkte sie sichtlich erleichtert. „Das ist ein schönes Ergebnis des Abends.“
Digitalisierung wie beim ESC? Ein System ohne Steuerung
Die Diskussion weitete sich auf weitere Themen aus. Es ging um fehlende Steuerung im System, um Digitalisierung, um überfüllte Praxen, um Ärzte, die nach wenigen Wochen kein Geld mehr verdienen, weil Budgetgrenzen erreicht sind.
Andreas Gassen (63), Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), sorgte zunächst für Lacher: „Bei der Digitalisierung sind wir ungefähr so gut aufgestellt wie bei den Ergebnissen des „Eurovision Song Contest“.“ Dann wurde er ernst. Das Hauptproblem sei der ungesteuerte Zugang zu Fachärzten ohne zentrale Koordination. Ein Primärarzt-System könnte hier Abhilfe schaffen.
Die angehende Gesundheitsökonomin Clara Schlagowski ergänzte: Gerade in strukturschwachen Regionen müsse die Telemedizin stärker eingesetzt werden. Als sie hörte, dass Ärzte in manchen Regionen nach zehn Wochen den Rest des Quartals faktisch unbezahlt arbeiten, reagierte Aminati fassungslos: „Das ist unfassbar.“
Wo können wir einsparen? – Eine unbequeme Frage
Patrice Aminati stellte eine Frage, die sich auch viele Zuschauer gestellt haben dürften: Wo kann man sinnvoll sparen? Sie schlug vor, die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen – aktuell 93 – zu reduzieren. Gassen widersprach. Das bringe kaum Entlastung. Die wahren „Elefanten im Raum“ seien Pharmaausgaben und die fehlende Gegenfinanzierung sogenannter versicherungsfremder Leistungen.
Er nannte ein drastisches Beispiel: Die Krankenkassenbeiträge für Bürgergeldempfänger beliefen sich auf rund 45 Milliarden Euro jährlich. Würde der Bund diese vollständig übernehmen, wäre das System deutlich entlastet. Aminatis Schlusswort richtete sich direkt an die Politik: „Ich hoffe, dass Frau Warken zuhört.“
Zwischen Klinikbett und Instagram: „Ich möchte einfach gerne weiterleben“
Abseits der TV-Debatte teilt Patrice Aminati ihren Alltag offen auf Instagram. Unter Tränen spricht sie darüber, dass sie Therapien oft schlecht vertrage, Tage im Bett verbringe, ihr manchmal die Kraft fehle. Eines ihrer Statements schlug mit noch größerer Wucht ein, als das bereits oben erwähnte: „Ich möchte einfach gerne weiterleben.“
Sie richtet sich an andere Erkrankte, sagt ihnen, dass sie sich nicht schlecht fühlen sollten, wenn sie nicht funktionieren könnten. Dass es völlig normal sei, eine übermächtige Kraftlosigkeit zu erleben. Aminati ermutigt sie, trotzdem weiterzumachen – im eigenen Tempo.
Mehr als Mitgefühl: „Wir Krebskranke haben einen Platz in der Gesellschaft“
Patrice Aminati kritisiert zudem, dass Krebskranke zwar oft kurz bemitleidet, aber dann schnell aus der Öffentlichkeit gedrängt würden. Sie fordert Normalität, Sichtbarkeit, Akzeptanz. „Wir sind Eltern, Liebende, wir dürfen Hobbys haben und uns herausputzen.“
Allen Rückschlägen, neuen Metastasen und finsteren Prognosen zum Trotz bleibt ihr Antrieb stets derselbe: Aufklärung. Damit andere sich nicht eines Tages dort wiederfinden, wo sie heute steht.
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