Neuer Kino-Film

"leben in einer hypersensibilisierten Gesellschaft": Christoph Maria Herbst über "Extrawurst"

12.01.2026, 15.19 Uhr
Warum Lachen heute wichtiger ist denn je und was "Extrawurst" über unsere Streitkultur verrät, erklärt der Darsteller im Gespräch.
Christoph Maria Herbst im Portrait.
Christoph Maria Herbst spielt Torsten im neuen Kinofilm.  Fotoquelle: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann

„Extrawurst“ war ursprünglich ein Theaterstück – und Sie kommen selbst vom Theater. Kannten Sie das Stück schon, bevor es verfilmt wurde?
Christoph Maria Herbst: Ja, ich habe es tatsächlich schon als Theaterstück gesehen.

Das wundert mich nicht, es gilt als eines der erfolgreichsten Theaterstücke der letzten Jahre. Was hat Sie daran so gereizt, dass Sie auch bei der Verfilmung dabei sein wollten?
Einer der Autoren, Moritz Netenjakob, ist seit vielen Jahren ein sehr guter Freund von mir. Dietmar Jacobs kenne und schätze ich ebenfalls schon lange als brillanten Autor. Im Theater hat es aus terminlichen und logistischen Gründen leider nie geklappt, gemeinsam etwas zu machen. Umso mehr hat es mich gefreut, dass man bei der Verfilmung an mich gedacht hat. Das war eine große Ehre – und ich bin dieser Einladung sehr gerne gefolgt.

Christoph Maria Herbst: "Theater bedeutet totale Hingabe"

Der Wechsel vom Theater auf die Leinwand ist ein großer Schritt. Welche Möglichkeiten hat der Film, die das Theater vielleicht nicht in gleicher Form bietet?
Ich würde die beiden Formen nicht gegeneinander ausspielen. Theater und Film haben jeweils ihre eigenen Stärken. Was ich beim Film besonders schätze: Die Autoren haben selbst das Drehbuch geschrieben. Da wurde nichts von außen verwässert. Die beiden stecken so tief im Stoff – das war ein großer Gewinn.

Haben Sie schon darüber nachgedacht, auch einmal bei einer Theateraufführung von „Extrawurst“ mitzuwirken?
Ja, aber Theater bedeutet totale Hingabe: wochenlange Proben, danach lange Spielzeiten. Das lässt sich mit meinem Kalender oft nicht vereinbaren. Und ehrlich gesagt: Die Rolle des Torsten habe ich im Film ausreichend durchdrungen. Wenn überhaupt, dann käme für mich eine andere Figur infrage.

Torsten zeigt im Film ja sehr widersprüchliche Seiten. Fühlt es sich als Schauspieler manchmal falsch an, so extreme Aussagen zu vertreten?
Überhaupt nicht, denn es geht ja nicht um mich als Person, sondern um die Figur. Genau das ist für mich das Wesen dieses Stücks und dieses Films: Wir zeigen Menschen mit vielen Facetten. Man glaubt als Zuschauer, man habe eine Figur verstanden, und plötzlich zeigt sie eine ganz andere Seite. In klassischen Drehbuchseminaren würde man damit wahrscheinlich anecken, weil es angeblich keine klare Identifikationsfigur gibt. Aber das Leben ist ja auch nicht schwarz-weiß.

Das steckt wirklich hinter dem Konflikt in "Extrawurst"

Der Film zeigt zwar diese vielen Facetten, hält sich aber mit klaren Wertungen zurück.
Genau, denn die Bewertung soll beim Publikum liegen. Zunächst einmal ist „Extrawurst“ einfach ein sehr unterhaltsamer Film. Man lacht viel – und nimmt dann trotzdem etwas mit, das noch nachwirkt. Jeder geht mit seinem eigenen Learning aus dem Kino oder zumindest mit etwas, worüber man noch nachdenken kann. Das ist für mich eine Komödie mit Substanz.

Es geht offenkundig nicht wirklich nur um einen Grill im Tennisverein.
Nein, natürlich nicht. Der Grill ist nur Symbol. Er kratzt am Lack, und darunter kommen andere Themen zum Vorschein, etwa das Gefühl von moralischer Überlegenheit. Mein persönliches Learning war übrigens, dass gute Absichten nicht automatisch gutes Handeln bedeuten. Ich habe lange geglaubt: Wer mit gutem Willen handelt, dem kann man nichts vorwerfen. Aber das stimmt eben nicht. Nicht alles, was gut gedacht ist, ist auch gut gemacht.

Im Film führt der gute Wille eher zur Bevormundung.
Absolut. Lasst uns Menschen ernst nehmen in dem, was sie sagen. Wenn jemand sagt: „Danke, total lieb, aber brauche ich nicht“, dann sollte man das akzeptieren und nicht weiter darauf beharren.

„Extrawurst“ ist zwar eine Komödie – aber viele Pointen gibt es nicht.
Genau, der Film ist keine Aneinanderreihung von Witzen. Die Komik entsteht aus dem Ernst der Figuren, aus ihrem unbedingten Recht-haben-Wollen. Für das Publikum wird es lustig, weil man denkt: „Das hat sie jetzt nicht wirklich gesagt.“ Oder weil man sich selbst wiedererkennt – aus dem Verein, vom Elternabend oder aus ganz ähnlichen Alltagssituationen.

Christoph Maria Herbst: "Wenn Menschen lachen, sind sie bereit zuzuhören"

Man gibt innerlich immer wieder unterschiedlichen Personen recht – mit etwas Abstand dann aber eigentlich niemandem so ganz.
Ganz genau. Dieses Innehalten, diese Helikopterperspektive einzunehmen und das Ganze mal von oben zu betrachten, würde uns allen guttun. Dadurch entdeckt man plötzlich ganz neue Blickwinkel.

Warum eignet sich ausgerechnet die Komödie, um solche ernsten Themen zu behandeln?
Weil Lachen öffnet. Wenn Menschen lachen, sind sie bereit zuzuhören. Und dann kann man auch schwere Themen behandeln. Man lacht, aber man denkt auch über unsere Debattenkultur und unser eigenes Verhalten nach.

Und man geht trotzdem nicht hoffnungslos aus dem Kino.
Nein. Wir überzeichnen stark, aber vielleicht nimmt man mit: Lasst uns mehr am Konsens arbeiten als an der Spaltung. Um die Spaltung kümmern sich schon zu viele. Und dass das Ende nicht ganz glatt ist, finde ich auch genau richtig.

Vielleicht sogar ein Cliffhanger für eine zweite „Extrawurst“?
Wer weiß. Die Autoren wären kreativ genug, und ich sage das jetzt einfach mal stellvertretend fürs Ensemble: Wir hatten wahnsinnig viel Spaß bei den Dreharbeiten und hätten große Lust auf mehr.

Welche Gespräche stößt denn der Film beim Publikum im besten Fall an?
Ganz unterschiedliche. Jeder wird von etwas anderem getriggert. Vielleicht trägt der Film dazu bei, unsere Debatten wieder etwas zu entspannen: weniger persönliche Kränkung, längere Zündschnüre, weniger Daueraufregung. Wir leben in einer sehr hypersensibilisierten Gesellschaft. Wenn wir uns alle selbst etwas weniger ernst nehmen, würde das helfen – und hier kann auch der Humor helfen. Und wenn man den gerade nicht hat, reicht manchmal auch ein Joint (lacht).

"Extrawurst" startet ab dem 15. Januar in den deutschen Kinos.

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