Bei "Markus Lanz"

Emotionen kochen hoch: Pastor nennt Bürgergeld "ein Verbrechen an unseren Kindern"

11.05.2024, 09.24 Uhr
von Natascha Wittmann

Im Talk von Markus Lanz kam es zu einer emotionalen Debatte um das Bürgergeld. Pastor Bernd Siggelkow sprach über die prekäre Lage vieler Kinder und Jugendlicher aus armen Verhältnissen. Im Streit mit Stephan Weil wetterte der Geistliche gegen das Bürgergeld und erklärte, dass es ein Verbrechen sei.

Stephan Weil über "Menschen, die hoch aggressiv waren"

Kürzlich wurde SPD-Politiker Matthias Ecke brutal attackiert, als er Wahlplakate aufhängen wollte. Und auch SPD-Politikerin Franziska Giffey wurde am Dienstag in Berlin angegriffen, woraufhin sie sich "kurzzeitig zur ambulanten Behandlung" in ein Krankenhaus begeben musste. "Was geht Ihnen da durch den Kopf?", wollte Markus Lanz am Donnerstag von SPD-Politiker Stephan Weil wissen. Weil nannte die Vorfälle zunächst "entsetzlich" und erklärte dann, dass "die politisch motivierten Straftaten" gegen Politiker in letzter Zeit "deutlich mehr geworden" seien. Auch Weil selbst erlebte in der Vergangenheit bei Wahlkampfveranstaltungen "massive Störungen" und "Menschen, die hoch aggressiv waren".

Dennoch stellte Weil klar, dass er sich weniger Gedanken um hochrangige Politiker mit Personenschutz, sondern vielmehr um "die vielen Ehrenamtlichen" mache. "Um die muss man sich Sorgen machen, denn deren Engagement brauchen wir für die Demokratie wirklich massiv", konstatierte Weil. Er ergänzte, dass sich nun noch mehr Menschen engagieren müssten, denn: "Wenn Leute Angst haben, sich mit Politik zu befassen, sich zu zeigen, dann ist richtig was falsch gelaufen in unserer Demokratie."

In dem Zusammenhang erklärte der SPD-Mann, dass er prinzipiell kein Problem mit politischer Auseinandersetzung habe, denn "wir können uns über alles streiten, aber es wäre besser, wir trauen uns gemeinsam zu, es gut hinzukriegen". Dem im Wege stünde jedoch aktuell die "tiefe Zukunftssorge", die laut Weil heutzutage "schon etwas Besonderes" sei.

Markus Lanz fassungslos: "Was ist das für eine Katastrophe!"

Dies brachte Bernd Siggelkow, den Gründer des Kinder- und Jugendwerks "Die Arche", auf das Thema der Gewalt unter Jugendlichen zu sprechen. "Die Aggression wird größer, das merken wir in unseren Einrichtungen natürlich auch. Es wird viel mehr gemobbt als früher. Es wird viel mehr geschlagen. Es wird viel mehr mit dem Messer rumgelaufen", schlug der Pastor Alarm. Als Lanz nach dem Grund fragte, erklärte der Pastor ehrlich: "Die Perspektiven fehlen unseren Jugendlichen ganz häufig."

Hinzu komme, dass die Gesellschaft "keine Regeln" und "keine Leitplanken" mehr vorgebe. Dies führe zu einem enormen "Frustrationspotenzial", das laut Siggelkow dann irgendwann ausarte. "Viel Gewalt, die heute passiert, ist ein Ventil, weil ein Vakuum entstanden ist", so der Hamburger weiter. Der "Arche"-Gründer offenbarte daraufhin: "Ich habe Kinder in der Einrichtung, die sind in der fünften Klasse, die wissen, was sie einmal werden: Bürgergeldbezieher." Ein Zustand, auf den Markus Lanz fassungslos reagierte: "Was ist das für eine Katastrophe!"

Kritik am Bildungssystem

Bernd Siggelkow antwortete daraufhin nüchtern, dass es "so weitergehen" werde, "wenn man dem nicht einen Riegel vorsetzt und wenn man nicht anfängt, vielleicht auch wieder mehr Vorbilder ins System zu bringen". Damit wetterte der "Arche"-Gründer vor allem gegen das Bürgergeld, das laut Siggelkow die Anreize, wirklich zu arbeiten, torpediere: "Das Bürgergeld ist in Wahrheit ein Verbrechen an unseren Kindern." Darauf konterte SPD-Politiker Stephan Weil: "Wenn wir den Mindestlohn mal auf eine einigermaßen angemessene Höhe bringen würden, dann würden sich viele Fragen ringsum die Sozialleistungen dann auch ganz anders stellen."

Auch am Bildungssystem hatte Bernd Siggelkow einiges auszusetzen. Er bemängelte unter anderem, dass viele Kinder aus Flüchtlingsfamilien keinen Kitaplatz bekommen und somit auch nur schwer Deutsch lernen würden. "Wenn die Kinder nicht in die Kita gehen, bekommen die Eltern gar keinen Deutschkurs bezahlt." Entsprechend böte man nun seitens der "Arche" entsprechende Kurse an. "Es beißt sich wirklich die Katze in den Schwanz und dann ist es doch kein Wunder, dass dann eine Frustration bei den Menschen ist", bemerkte der Pastor wütend.

Er wetterte weiter: "Wir geben so viel Geld für Bildung aus, und trotzdem kommt das Geld beim Kind nicht an. (...) In Berlin haben wir Schulen, da möchte kein Erwachsener aufs Klo gehen, aber wir schicken die Kinder da hin! Wir haben Brennpunktschulen in dem Land der Dichter und Denker. Sowas dürfte es gar nicht geben!" Ebenso echauffierte sich Siggelkow darüber, dass mittlerweile 10.000 Kinder täglich "Die Arche" besuchen würden. "Es dürfte uns nicht geben, denn unser Erfolg ist der gesellschaftliche Misserfolg", stellte Bernd Siggelkow bedrückt fest.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH