Deutsche Moderatorinnen machen Hoffnung

Anke Engelke und Bjarne Mädel gehen mit optimistischer Umwelt-Doku an den Start

18.03.2023, 12.41 Uhr
von Eric Leimann

Die bekannten deutschen Promis Anke Engelke und Bjarne Mädel wollen Themen wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit in einem neuen, weniger negativ behafteten Licht präsentieren: In der ARD-Dokumentation "Wir können auch anders" zeigen sie, wie die Menschheit den Umschwung doch noch schaffen kann.

"Das Thema Verzicht ist eben erst mal nicht besonders sexy", sagt Anke Engelke über ihre Reise durch Deutschland, bei der sie mit ihrem Freund und Schauspielkollegen Bjarne Mädel Projekte rund um Nachhaltigkeit und Klimaschutz besuchte. Sechs Folgen mit den Titeln "Mobilität", "Wohnen", "Ernährung & Landwirtschaft", "Energie", "Natur" und "Wirtschaft" zeigen Beispiele, wie wir alle besser leben und uns als Menschen zukunftsfähig machen können. Vorstellen kann man sich "Wir können auch anders" (Montag, 20.03., 23.35 Uhr, ARD) ein bisschen wie "Die Sendung mit der Maus" für Erwachsene. Ein spannender Ansatz, um Themen, um die manche einen Bogen machen, im Mainstream zu verhandeln. Doch warum läuft das alles "linear" zu nachtschlafender Zeit? Auch dazu haben sich Anke Engelke und Bjarne Mädel geäußert.

prisma: Die Doku-Reihe "Wir können auch anders" will positive Beispiele und Projekte zeigen, wie wir als Gesellschaft besser wirtschaften und leben könnten. Warum haben Sie mitgemacht?

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Anke Engelke: Wir waren sofort angefixt, weil wir beide erst mal Frohnaturen sind. Wir sind neugierige Menschen, aber nicht Expertin und Experte. Dass wir naiv an die Fragen der Doku rangehen, kommunizieren wir im Film ganz transparent. Wir sind Stellvertreterin und Stellvertreter für die Menschen, die sich mit Fragen der Nachhaltigkeit oder auch der Wirtschaft nur so ein bisschen auskennen. Lieber einmal zu viel fragen, als mit Halbwissen rumeiern, oder?

prisma: Wie wichtig ist der "positive Ansatz" der Reihe?

Bjarne Mädel: Sehr wichtig! Wir sind zurzeit einer Flut negativer Nachrichten ausgesetzt. Wir alle wissen, was das mit uns macht: Die Gefahr ist groß, dass man abstumpft. Nach dem Motto: "Das kann man alles ja sowieso nicht mehr aufhalten." Stimmt aber nicht. Wir zeigen in der Doku Menschen, die entgegen aller Zweifel Dinge ausprobieren. Oft ist es dabei einfach der gesunde Menschenverstand, der die Leute etwas Gutes erschaffen lässt. Darauf sollte man viel mehr bauen: mal ganz logisch darüber nachzudenken, was uns wirklich guttun würde, was gut für alle wäre und das dann einfach machen.

"Es ist immer schöner, Menschen zu motivieren ..."

prisma: Haben wir uns fatalerweise daran gewöhnt, negativ zu denken?

Anke Engelke: Ja, seltsam, wir scheinen beim Thema Veränderung immer schneller zu werden beim Infragestellen und Schimpfen. Man meckert über die Batterien der E-Autos beziehungsweise ihre Entsorgung und behält deshalb lieber den Benziner-SUV. Wenn ich es mit einem Musikstück vergleiche: Wir finden beim kleinsten schiefen Ton, der gesungen oder gespielt wird, den ganzen Song scheiße. Viele winken bei den kleinsten Bedenken lieber ab, wenn es darum geht, wie wir uns als Gesellschaft in Sachen Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit verändern könnten. Dabei ist es immer schöner, Menschen zu motivieren, als sie in eine Ecke zu stellen, auf sie zu deuten und zu sagen: "Ihr seid Idioten! Eure Ideen sind Mist!"

prisma: In der letzten Folge mit dem Titel "Wirtschaft" ist zu erfahren, dass ein auf Wachstum basierendes System wie unseres dem Konzept Nachhaltigkeit widerspricht. Macht diese Erkenntnis nicht all die wunderbaren Projekte, von denen Sie zuvor berichten, sinnlos?

Anke Engelke: Genau das meinte ich, als ich über das Meckern sprach. Manche Menschen suchen nach Ausreden, warum alles keinen Sinn ergibt, nur damit wir unser Leben nicht verändern müssen. Klar ist es frustrierend, wenn Bjarne aus den USA zurückkommt und von zwölfspurigen Autobahnen erzählt, während wir uns hier über eine scheinbare Kleinigkeit, zum Beispiel über das Prinzip des zirkulären Bauens freuen. Wenn zum Beispiel Fenster aus einer alten Sporthalle in einer neu gebauten Halle wiederverwendet werden. Trotzdem ist es keine Option, wegen der scheinbar desaströsen Zustände aufzugeben und nachhaltige Konzepte deshalb infrage zu stellen.

prisma: Sie berichten aus dem nordfriesischen Dorf Sprakebüll, das für seine 280 Einwohner die Energiewende hin zu Sonne und Wind komplett geschafft hat. Und das aus Eigeninitiative heraus ...

Mädel: Das war für uns beide die vielleicht faszinierendste Station unserer Reise. Vor allem hat alles, was in Sprakebüll entstanden ist, erstmal nichts mit Politik oder politischer Gesinnung zu tun. Die Leute dort haben parteiübergreifend kapiert, dass Wind und Sonne umsonst sind und dass es viel besser ist, sich die nachhaltige Energie selbst hinzustellen – durch den Bau von Windkraft- und Solaranlagen – als das Geld irgendwelchen Konzernen in den Rachen zu schmeißen. In Sprakebüll wird ganz viel für die Gemeinschaft gemacht. Und die nachhaltigen Konzepte, vom Car-Sharing-E-Auto bis zum kostenlosen Musikunterricht für die Kinder, kurbeln außerdem noch die Wirtschaft an.

"Da wird man sich verschließen und auf dem eigenen Status quo beharren"

prisma: In letzter Zeit wird immer offener über das Ende des Kapitalismus gesprochen, weil sich eine Erkenntnis durchsetzt, dass die Menschheit durch das Wachstumsdiktat zugrunde geht. Glauben Sie das auch?

Mädel: Ich habe zumindest durch die Doku kapiert, dass das Bruttoinlandsprodukt, also die Summe der Leistungen, die wir im Land erwirtschaften, zwar als Äquivalent unseres Wohlstandes gilt, es aber gar nicht ist. Wir haben uns die Auswirkungen der Flutkatastrophe im Ahrtal angeschaut und gesehen, dass all die Aufräum- und Aufbauarbeiten dort unser BIP positiv beeinflussen. Umweltkatastrophen sind gut für unser Bruttoinlandsprodukt! Dass dort viele Menschen gestorben sind oder dass wir aus eigener Dummheit Zerstörtes wieder aufbauen müssen, wird gar nicht erfasst. Es wird nicht gewertet, was lebenswert ist, sondern nur das, was Geld bringt. Auch ein Krieg, wie wir ihn gerade haben, schlägt sich positiv im BIP nieder. Weil Waffen verkauft und Dinge wieder aufgebaut werden müssen. Das ist doch Wahnsinn!

prisma: Glauben Sie, dass solche Erkenntnisse schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind?

Anke Engelke: Ja und nein. Ich denke, Bjarne und ich sind hier in einer Blase, wenn wir solche Themen diskutieren. Wir sind Leute, die sich informieren und am politischen Zeitgeschehen teilnehmen. Das ist sicherlich keine kleine Blase, aber schon noch weit weg von der Lebensrealität vieler Menschen, für die es um ganz andere Dinge geht. Wir sollten die nicht ausblenden, die den Großteil der Bevölkerung ausmachen. Menschen, die von Tag zu Tag leben und dabei ihre persönlichen Probleme im Blick haben müssen. Eine generelle Kapitalismuskritik wäre da vielleicht ein bisschen zu viel. Viele Menschen möchten, dass alles so bleibt, wie es ist. Das stärkt natürlich die Verharrungskräfte – und ich nehme mich da zum Teil gar nicht raus. Das Thema Verzicht ist eben erst mal nicht besonders sexy.

prisma: Aber geht es tatsächlich um Verzicht? Eigentlich berichten Sie in der Doku doch von der Möglichkeit, dass wir alle besser leben können ...

Anke Engelke: Ja, aber das muss man erst mal deutlich machen. Wenn Verzicht thematisiert wird, verstehen viele das als Verbot und Drohung. Aber ganz aktuell sehen wir doch, dass es einen Unterschied gibt zwischen freiwilligem, vorausschauendem Verzicht und Verzicht aus Not, wenn wir sehen, dass in Frankreich das Wasser wegen der Dürre rationiert wird. Das Wort Verzicht ist im Deutschen negativ besetzt. Aus einer schlechten Laune heraus wird man jedoch nie offen sein für neue Konzepte und Veränderung. Im Gegenteil! Da wird man sich verschließen und auf dem eigenen Status quo beharren.

"Es ist weniger Sozialismus als gesunder Menschenverstand-Kapitalismus"

prisma: Wie könnte man sich selbst und anderen denn klarmachen, dass Verzicht etwas Gutes sein kann?

Mädel: Ein gutes Beispiel, auch für mich persönlich, ist das Konzept des Ausmistens. Wenn ich feststelle, dass ich T-Shirts, die im Schrank hinten liegen, mindestens zwei Jahre nicht getragen habe, tut es gut, diese Sachen auszusortieren und auf sie zu verzichten. Dinge, die ich horte, ohne dass ich sie benutze, belasten mich nur. Alles, was ich aus meinem Leben aussortieren kann – seien es Dinge oder schlechte Angewohnheiten – befreien mich und machen mein Leben besser. Wer mit leichterem Gepäck unterwegs ist, ist glücklicher. Vielleicht ist diese Erkenntnis etwas, mit dem man beim Neudenken der Welt beginnen sollte.

prisma: Das betrifft bei Ihnen aber nicht nur das Aufräumen des Kleiderschrankes, oder?

Mädel: Nein. Vielleicht ist das Auto ein besseres Nachhaltigkeitsbeispiel. Ich habe seit vielen Jahren kein Auto mehr. Früher lebte ich mal auf dem Land ,und da war das Auto immer ein Stück Freiheit, auf das ich dachte, nie verzichten zu können. Mittlerweile leben etwa drei Viertel der Deutschen wie ich in Städten. Die Autos stehen entweder nur rum oder nerven, weil man im Stau steht, teuer tanken muss und viel Geld fürs Parken bezahlt. Kein Auto zu haben, habe ich längst als persönliche Freiheit und Gewinn für mein Leben begriffen. Es gibt genug Alternativen, mich in Berlin fortzubewegen, und wir müssen es schaffen, das überall zu organisieren. So leben wir alle besser und haben auch nicht das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen.

prisma: Was hat Sie auf Ihrer Doku-Reise am meisten fasziniert?

Anke Engelke: Ich glaube, wir beide haben uns total verknallt in das Konzept Sprakebüll. Weil sich da Menschen selbstbestimmt ein System geschaffen haben, wie man als Dorfgemeinschaft zusammen besser und nachhaltiger leben kann. Man würde so etwas eher in der Großstadt unter irgendwelchen Hipstern vermuten, dabei machen es Leute auf dem platten Land.

prisma: Ist es ein Modell, wie Sozialismus "in gut" funktionieren könnte?

Mädel: Eigentlich trifft es das nicht, denn Sprakebüll funktioniert ja eher kapitalistisch. Die haben diese ganzen Sachen nicht gemacht, damit alle gleich viel haben, sondern damit alle mehr haben. Man kann sich als Bürgerin und Bürger am Dorf-eigenen Wind- und Solarpark beteiligen. Das kommt allen zugute, alle haben am Ende mehr Geld in der Tasche. Es ist weniger Sozialismus als gesunder Menschenverstand-Kapitalismus. Was mir im Kapitalismus oft fehlt, ist der Gemeinschaftsgedanke, der in Sprakebüll gelebt wird. Natürlich ist es einfacher, solche Konzepte in einer kleinen Gemeinde durchzusetzen. Aber Deutschland ist ja auch nicht nur Großstadt, sondern besteht auch zu einem guten Teil aus kleinen Gemeinschaften, wo etwas Ähnliches möglich wäre.

"Wir reden in der Doku über Themen, die uns alle extrem angehen"

prisma: Haben Sie andere Erfahrungen auf Ihrer Reise gemacht, die Sie persönlich ähnlich beeindruckt haben?

Anke Engelke: Ich war begeistert von der Hamburger Verkehrs-App, die Bürgerinnen und Bürgern einen umweltschonenden Weg ohne eigenes Auto durch die Stadt anbietet, indem sie alle möglichen Verkehrsmittel inklusive Öffis, Mieträder, Roller oder Miet-E-Autos verknüpft. Da dachte ich kurz: "Oh, ganz schön praktisch, so ein Smartphone", denn ich habe keins, weil ich mir nicht vorschreiben lassen möchte, wie ich meine Zeit verbringe und dass ich dieses Gerät immer in der Hand halten soll, um etwas damit zu tun. Natürlich ist ein Smartphone auch eine tolle Sache, aber wenn ich meine Entscheidung erkläre, geben mir wirklich alle sofort recht und sagen: "Ich wünschte, ich würde es nicht so oft in der Hand halten".

prisma: Aber Sie haben jetzt nicht gesagt, ob sie sich – um eine kluge Verkehrs-App zu nutzen – auf ein Smartphone einlassen würden?

Anke Engelke: Das ist der Punkt. Bjarne und ich waren in Hamburg unterwegs und haben, Stichwort "grüne Produktion", alle Stationen unserer Doku mit öffentlichen Verkehrsmitteln angesteuert. Einmal fing es am Ende eines Drehtags in Hamburg an zu gießen wie aus Eimern. Bjarne, zwei Mitarbeitende und ich mussten zum nächsten Interview. Also hat Bjarne sein Handy genommen, die App gecheckt und zack: "Da hinten steht ein E-Auto, das können wir jetzt nehmen, um zum Termin zu fahren." Das ist natürlich genial, und ich stehe blöd da mit meinem Nur-Telefon. Jetzt hoffe und warte ich auf ein Gerät, mit dem ich so etwas machen kann, aber eben nicht so ein Zwang-Smartphone mit all den überflüssigen Verlockungen.

prisma: Finden Sie es eigentlich merkwürdig, dass "Wir können auch anders" nur in der ARD-Mediathek und linear in gekürzter Version am sehr späten Abend läuft?

Mädel: Grundsätzlich bin ich ein großer Fan der Mediathek, weil man zeitunabhängig und gezielt Dinge schauen kann. So funktioniert modernes Fernsehen – das wissen wir ja mittlerweile alle und schätzen es auch. Trotzdem finde ich den späten linearen Sendeplatz ungünstig, denn es gibt ja auch immer noch viele Menschen, die nur linear gucken. Wir reden in der Doku über Themen, die uns alle extrem angehen und haben versucht, etwas Positives zu machen, das unterhaltsam und für alle verständlich ist. Die Doku-Reihe ist meiner Meinung nach auf jeden Fall etwas fürs breite Publikum. Das ist um 23.35 Uhr aber in der Regel schon im Bett, mit dem Kopf auf oder tief im Kissen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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