Claude Sautet

Claude Sautet
Geboren: 23.02.1924 in Montrouge, Paris, Frankreich
Sternzeichen: Fische
Gestorben: 22.07.2000 in Paris, Frankreich

"Seit meiner kleinbürgerlichen Kindheit in Montrouge, einem Vorort von Paris, liebe ich Orte, wo sich die vielfältige Melange von Menschen aus meiner Jugendzeit finden lässt: die Bistros und Cafés." Und es sind diese Orte, die immer wieder in den Filmen von Sautet vorkommen. Das gilt vor allem für die Melodramen und Krimis der Siebzigerjahre mit Romy Schneider und Michel Piccoli wie "Die Dinge des Lebens" (1969), "Das Mädchen und der Kommissar" (1970), "Vincent, François, Paul und die anderen" (1974), "Mado" (1976) und "Eine einfache Geschichte" (1977) oder für die Arbeiten mit Yves Montand, etwa "César und Rosalie", ebenfalls mit Romy Schneider. "Kollege kommt gleich!" von 1983 spielt sogar ausschließlich in einem Restaurant, wo Yves Montand als Kellner große Probleme hat.

In allen Filmen von Sautet stehen wohlsituierte Menschen in der Lebensmitte im Mittelpunkt, deren Beziehungen, Konflikte, Lebensgefühle in gegenseitiger Abhängigkeit stehen und sich neu formieren. Bevor Claude Sautet mit solchen Filmen Kinoerfolge hat - und oft wegen seiner Mischung aus Realität und Melodramatik mit Claude Lelouch, dem Perfektionisten der gehobenen Schnulze, verglichen wird -, dreht er schwarze Kriminalfilme wie "Der Panther wird gehetzt" (1959) mit Lino Ventura und Jean-Paul Belmondo. Abel Davos/Lino Ventura ist ein treusorgender Familienvater, er liebt Frau und Söhne - nur sein Beruf trennt ihn von anderen Bürgern: Er ist ein in Frankreich bereits zum Tode verurteilter Gangster, der inzwischen in Italien ständig auf der Flucht ist. Seine Frau und sein Freund Raymond werden beim Schusswechsel mit der Polizei getötet, nun geht er nach Paris, um Rache zu üben an seinen einstigen Freunden, die ihn an die Polizei verraten haben. Nur Eric Stark/Jean-Paul Belmondo hält zu Abel. Das Drehbuch zu diesem eindringlichen Gangsterfilm schrieb Sautet gemeinsam mit José Giovanni. Der Film zählt zu den wichtigsten französischen Gangsterfilmen jener Jahre.

"Wenn man schüchtern ist, wie ich es vor allem als Kind war, sucht man sich eine Gruppe zur 'Adoption'. Aber wenn man dann aufgenommen ist, widerstreben einem auch schon ihre Grenzen. Man versucht sich zu lösen - und eine neue Gruppe zu bilden. Die Gruppe empfinde ich als Motor für das Verhalten meiner Figuren. Ihre Einsamkeit wird kontrastiert mit der Wärme, - einer oft oberflächlichen - des Kollektivs und der öffentlichen Orte," sagte Sautet einmal in einem Interview. Auch dieses Zitat bestätigt sich in den Filmen: Rosalie hat ihre Bindung mit dem Maler Antoine gelöst und lebt mit César, einem nicht ganz astreinen, schon etwas älterem Charmeur, zusammen. Auf einer der vielen Hochzeiten ihrer Mutter lernt sie den attraktiven jungen David kennen. Doch der ist für sie kein Unbekannter, und jetzt wird's erst richtig spannend ("César und Rosalie", 1972).

Die Geschichte von "Vincent, François, Paul und die anderen" (1974) beginnt mit einem turbulenten Fußballmatch, einer ebenso bewegten Löschaktion in einem Kaninchenstall und der anschließenden Begießung dieser Vorfälle: ein munteres Wochenende im Freundeskreis auf dem Lande, von dem man am Sonntagabend wieder in die Stadt fährt. Die melancholische Alltagstragödie mit Montand, Piccoli, Reggiani und Depardieu, eine Art von Kino zwischen Entertainment und Realismus ist - nicht zuletzt dank der überzeugenden Charakterisierung der "Helden" - ein glaubwürdiger Film. "Mado" (1976) ist eine intelligente Frau, kann Menschen durchschauen und verbringt ihre Nächte mit Männern der Geldaristokratie, von denen sie sich bezahlen lässt. Aber wirklich liebt sie einen hintergründig ernsten, ein wenig tragisch wirkenden Gangster, der im Verlauf des Films von brutalen Geschäftemachern erschlagen wird. Zentralfigur aber ist Michel Piccoli, der sich selbst als einen Dilettanten der Geschäftswelt bezeichnet. Claude Sautets Film ist eine finstere Kolportage à la Simmel und Lelouch, jedoch ausgezeichnet inszeniert und brillant gespielt: Ottavia Piccolo als Mado, Romy Schneider als leidvoll der Trunksucht verfallene Hélène.

Hervorragend gelungen ist auch das Drama "Der ungeratene Sohn" (1980), die Geschichte eines jungen Mannes alias Patrick Dewaere, der nach fünf Jahren Knastaufenthalt in den USA zu seinem Vater zurückkehrt und sofort wieder in neue Konflikte gerät ... Je älter Sautet wird, desto weniger kitschig sind seine Filme, er kehrt zu den stimmungsvollen Anfängen zurück, zur sanften Kühlheit seiner Helden, die bei aller Distanz Herz zeigen. Solche Glücksfalle sind "Einige Tage mit mir" (1988) und "Ein Herz im Winter" (1992), aber auch "Nelly & Monsieur Arnaud" (1995). Ein älterer Autor und eine attraktive junge Frau, Michel Serrault und Emmanuelle Béart, beschließen, miteinander zu arbeiten und geraten sich in die Haare. Dabei ist Nellys Verhalten völlig unvorhersehbar. Eben noch sitzt sie mit Monsieur in einem Nobelrestaurant, da verlässt sie ihn, um mit seinem Lektor zu schlafen. Das ist eine der reinsten Liebesgeschichten im Kino, nur einmal übernachtet Nelly bei Monsieur Arnaud. Er kommt zu ihr ins Zimmer, betrachtet die Schlafende, streckt die Hand aus zu einer zärtlichen Berührung, hält inne. Sautet erzählt eine Alltagsgeschichte auf ungewöhnliche Weise.

In mehr als 40 Filmen beschäftigt sich Sautet mit der "Krise, vor welcher, während welcher und nach welcher alle Sicherheiten zu wanken beginnen und die Verletzlichkeit meiner Figuren bloßgelegt werden." Er hat immer eine klassische, nie akademische Beziehung zum Kino. Er nutzt die einfachen Mittel, verzichtet auf Effekte. Er ist wenig von der Nouvelle Vague beeinflusst, seine Vorstellung von Kino fußt auf der Tradition von Jean Renoir und Jacques Becker. Sautet studierte vor seinem Studium an der Pariser Filmhochschule Malerei und Bildhauerei. In den Fünfzigerjahren war er Assistent von Georges Franju und Jacques Becker. Als Drehbuchautor schrieb er ebenso bedeutende wie unterschiedliche Filme: "Augen ohne Gesicht" (1959) von Franju, "Der Dieb von Paris" (1967) von Louis Malle, "Pack den Tiger schnell am Schwanz" (1969) von Philippe de Broca, aber auch Starfilme wie Jacques Derays "Borsalino" (1970).


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