José Giovanni

José Giovanni, Meister des französischen Genrekinos Vergrößern
José Giovanni, Meister des französischen Genrekinos
José Giovanni
Geboren: 22.06.1923 in Paris, Frankreich
Sternzeichen: Krebs
Gestorben: 24.04.2004 in Lausanne, Schweiz

Fernab der Zivilisation in den Bergen des Schweizer Kantons Wallis lebte er in einem einsamen Holzhaus. Dort fühlte er sich seit Jahrzehnten wohl. Die Berge kannte er wie seine Westentasche, war er doch schon als Halbwüchsiger Bergführer. Das Chalet, das er bewohnte, heißt "Der zweite Atem" (Der zweite Atem). ""Un règlement de comptes" hieß der Roman, nach dem Jean-Pierre Melville seinen Klassiker "Le deuxième souffle" gedreht hat. Dieser Titel ist zugleich Leitmotiv des abenteuerlichen Lebens von Drehbuchautor José Giovanni, - auch wenn er an Melville nicht die besten Erinnerungen hat, denn der habe, wie viele andere Regisseure, sein Werk zerstört.

Selten fand man einen Autor, bei dem sich Realismus und Melancholie so nahe gekommen sind wie bei José Giovanni. Da gibt es so unterschiedliche Situationen wie der minutiöse Ausbruch aus einem Gefängnis in Jacques Beckers "Das Loch" (1960) und der Rachefeldzug des Gangsters Abel in Claude Sautets düsterem film noir "Der Panther wird gehetzt", auf der anderen Seite das schwerblütige Melodram von den drei Freunden Roland, Manu und Laetitia in Robert Enricos "Die Abenteurer" (1966).

Die verschiedenen Elemente von Giovannis Krimi-Kunst findet man in Jean-Pierre Melvilles meisterhaften Film "Der zweite Atem" (1966) und dem spannenden, eher auf Effekt angelegten "Der Clan der Sizilianer" (1969) von Henri Verneuil vereint. Ende der Sechzigerjahre begann Giovanni, eigene Filme zu inszenieren. Deren deutsche Titel sind nichtssagend; wer würde einen poetischen Thriller vermuten, der "Im Dreck verreckt" (1968) heißt oder "Der Kommissar und sein Lockvogel" (1969)?

Seine Film- und Romanhelden sind Einzelgänger, Außenseiter, Banditen. Zu ihnen hatte Giovanni eine besondere Beziehung. Als Jugendlicher ging er mehr aus Abenteuerlust denn aus politischer Überzeugung zur Resistance, kann zweimal aus der Gewalt der Deutschen fliehen, einmal durch einen kühnen Sprung vom fahrenden Zug. Nach Kriegsende blieb der Geschmack auf Abenteuer und Risiko: Er kehrte zu den alten Freunden aus dem Gefängnis zurück. Das waren nicht nur Widerständler, sondern auch Kriminelle. Er lernte die Sprache und Folklore der Unterwelt kennen, schlug sich als Einbrecher und Straßenräuber durch. Er kam ins Gefängnis, brach aus, wollte mit drei Freunden nach Australien auswandern. Doch einer bekam kein Visum, so blieben sie alle - aus wahrer Freundschaft.

Da riet ihm sein Anwalt Stephen Hecquet, seine Erlebnisse quasi als Therapie aufzuschreiben. Vier Romane entstanden in einem Jahr. Das ist wie Tagebuch, Erlebnisse, Leben - und ein bisschen Fiktion. Giovanni sagte: "Ich habe die Liebe zu diesen Menschen behalten, weil sie meiner Mentalität entsprechen. Sie alle verfolgen ihre eigene Idee bis zum Ende - auch wenn es der Tod ist. Zudem sehe ich in diesen Figuren eine große Poesie. Ich gebe zu, das ist sicher eher korsischer Atavismus, dem ich mich nicht entziehen kann." Erstaunlich ist, dass der Romancier Giovanni bei seinen ersten Drehbüchern auf bekannte Romane anderer Autoren zurückgreift. Die Vorlage von "Im Dreck verreckt" (Originaltitel: Der Geier) ist ein Krimi von John Carrick. "Der Kommissar und sein Lockvogel" beruht auf einem Roman von Joseph Harrington. Film wie Buch handeln von einem strafversetzten, alternden Pariser Polizeikommissar, der mit seiner Assistentin Männer jagt, die einsame Frauen im Kino belästigen, beruht auf einem Roman von Joseph Harrington. Auf einen Roman von Bill Reade geht "Was ist mit Tom geschehen?" zurück: Es ist die Geschichte von einem Schweizer Fabrikantensohn, dessen selbstlose Aktion zur Rettung politischer Gefangener fehlschlägt, weil die Befreiten glauben, ihrer Sache besser im Knast als in der Freiheit dienen zu können.

Erst "Der Mann aus Marseille" (1972) mit Jean-Paul Belmondo, Claudia Cardinale und Gérard Depardieu ging auf eine eigene, wie immer autobiographische Vorlage zurück. Roberto, Xavier und dessen Schwester Geneviève sind im gleichen Provinznest aufgewachsen, später verlirren sie sich aus den Augen: Roberto geht in die Fremdenlegion, Xavier zieht in die Stadt und Geneviève heiratet einen alten Mann mit viel Geld. Doch als Xavier unter Mordverdacht gerät, kommt Roberto seinem Freund zu Hilfe. Aber die Geschichte endet düster, wie auch der nächste Film "Endstation Schafott" (1973) mit Jean Gabin und Alain Delon: "Ich wollte mit diesem Film zeigen, dass einer, der im Gefängnis war, nie wirklich seine Vergangenheit los wird," sagte Giovanni. Ein Häftling verdankt seine vorzeitige Entlassung seiner Frau und einem ehemaligen Polizisten. Doch draußen hat er keine Chance: Ein Polizeifunktionär bringt ihn wieder zu Fall.

Spätere Filme wie "Der Rammbock" (1982) mit Lino Ventura und Claudia Cardinale sind härter, zynischer, gewalttätiger und verwirrender: Ein ehemaliger Rennfahrer hat einen schweren Unfall verschuldet, der seinen Freund in den Rollstuhl zwingt. Zwar hat die Freundschaft darunter nicht gelitten, doch Aldo arbeitet auf den Tag hin, an dem er genügend Geld hat, um die rettende Operation zu finanzieren. Durch Zufall gerät er an eine Diebesbeute. Doch der an sich gute Plot des Films verliert immer mehr an Glaubwürdigkeit und Rasanz, am Ende bleiben Massaker und Klamauk. In den 90er Jahren hört man wenig von ihm. Doch 1996 dreht er noch einmal einen TV-Film: "Crime à l'altimètre".

Weitere Drehbücher und Romanverfilmungen von José Giovanni: Jean Beckers "Man nannte ihn Rocca" (1961), Robert Enricos "Die großen Schnauzen" (1965). Sein Regiedebut ist "Le loi du survivante", eine wilde romantische Ballade ohne Stars, mit Michel Constantin, einem ehemaligen Mitglied der französischen Volleyball-Nationalmannschaft und Alexandra Stewart, "Wild C.A.T.S." (1970), "Ohne Rückfahrkarte" (1971), "Der Zigeuner" (1975), "Wie ein Bumerang" (1976), "Der Coup von Nizza" (1979), "Verdammt zum Schafott" (1980), "Unter Wölfen" (1985) und "Die Wölfin" (1987).


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