Jean Cocteau

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Vielseitiger Künstler: Jean Cocteau (r.) an der Seite von Edouard Dermithe
Jean Cocteau
Geboren: 15.07.1889 in Maisons-Laffitte, Frankreich
Gestorben: 11.10.1963 in Milly-la-Forêt, Essonne, Frankreich

Jean Cocteau steht mit 20 vorne an der Rampe, neben Apollinaire, Picasso, Eric Satie. Er sieht gut aus, schlank, mit langen Haaren, Witz und Grazie im Gesicht. Zähe Vitalität ist seine Kraftquelle, mit 18 veröffentlicht er seinen ersten Gedichtband, und schon wird er aufgenommen in die Reihe der Bohemiens. Zu ihnen gehören der spanische Maler Sert und seine Frau Misia. Einen Götterjüngling nannten sie ihn, ein wahrhaft universelles Talent war er gewiss.

Freunde hatte er viele, den geliebten Jean Marais ebenso wie die große Marie Casarès, Historiker nennen ihn gelegentlich eine Schlüsselfigur seines Jahrhunderts wie zum Beispiel Voltaire oder Franz Liszt es für ihres waren. Er, der Seltsame, Mystische, Fremde war schließlich auch ein Nachbar und Freund der alten Colette, mit der er den gepflegten Blick auf den großen Hof des Palais Royal teilte, wo einst Balzac, die Grisetten und zornige Dichter flanierten.

Die einen nennen ihn ein Genie, die anderen einen Dilettanten. Aber Jean Cocteau selbst ist immer von seiner eigenen Genialität überzeugt. Er ist Dichter und Maler, Musiker, Choreograph und Schauspieler. Er schreibt Romane und Gedichte, arbeitet an Balletts, malt und dreht Filme - erstmals mit 41 Jahren. Sein Debütfilm "Das Blut eines Dichters" entsteht 1930, und Cocteau selbst bezeichnet ihn als "realistischen Dokumentarfilm über unwirkliche Ereignisse". In allegorisch surrealistischen Bildern beschwört Cocteau hier die Visionen eines Dichters herauf, der sich als Opfer seiner Berufung fühlt und dessen Tod schließlich von seinem Publikum beklatscht wird. Es gibt keine Handlung; den Inhalt bestimmen Gedanken und Träume "frei in der Wahl der Gesichter, Formen, des Klanges, der Gesten, der Handlung, der Orte" wie es Cocteau zu Beginn des Filmes sagt. "Blut eines Dichters" ist die filmische Vorstufe zu "Orphée".

Das Melodram "Die ewige Wiederkehr" (1943) erzählt von zwei blonden Schönlingen, die zueinander gehören, aber nicht für einander bestimmt sind. Die Welt ist einfach: Die Guten sind gut und die Bösen böse. Patrice will die schöne Nathalie für seinen Onkel Marc, doch die beiden, die der widerwärtige Zwerg vergiften will, trinken versehentlich einen Liebestrank und können nicht mehr von einander lassen. Nathalie, schließlich die Frau von Marc, wird als Ehebrecherin gemeinsam mit Patrice verbannt, und sie leben einsam und glücklich auf einer verlassenen Insel. Noch einmal werden die Liebenden getrennt und erst im Tode wiedervereint. Da triefen die Tränen, und der Kitsch kennt keine Grenze. Dennoch wagt es niemand, den großen Cocteau zu kritisieren. Erst bei der Wiederaufführung in den 60er Jahren schreibt die Basler Zeitung, dass sich Cocteau in Drehbuch und Dialog weit ins Triviale vorgewagt habe.

"Orphée" (1949), die Bearbeitung und Modernisierung des mythischen Trauerspiels, der Sage von Orpheus und Eurydike ist der bekannteste und vielleicht auch am meisten überbewertete Film Cocteaus. Die antike Sage von Orpheus, der seine verstorbene Frau aus dem Hades zurückholen will, wird hier mit den modernen Phantasien Cocteaus und seiner Lebensphilosopie konfrontiert. Leder bekleidete Todesboten fahren auf Motorrädern, und der schöne Engel des Todes, gespielt von Marie Casarès, verliebt sich in den strahlend schönen Orpheus alias Jean Marais. Ist "Orphée"ein avantgardistischer und zugleich realistischer Film, der sich einem nüchternen Zugriff wohl eher verschließt, so schreibt Cocteau auch durchaus leicht zugängliche Stoffe wie die Parabel von dem schönen Mädchen und der verwunschenen Kreatur in "Es war einmal" (1946) nach dem Märchen "Die Schöne und die Bestie" .

"Es war einmal..." So fangen alle Märchen an, und dieses Märchen von der alles besiegenden Macht der Liebe gehört zu den schönsten Filmmärchen. Cocteau hat hier eine zauberhafte Atmosphäre entwickelt. Da ist das magische Schloss im Nirgendwo, die lange Halle mit den von Menschenhand gehaltenen Kerzen, die Musselinvorhänge im Korridor, die sich im Winde bauschen, die Maske des Ungeheuers und seine prunkvolle Kleidung - hinreißendes, magisches Kino der Phantasie. "Die schrecklichen Eltern" von 1948 sind ein Gruselkabinett aus der Küche des Universalgenies. Eine Familie in einer stickigen Wohnung. Der Sohn ist der Mutter liebstes Kind und begehrt die Freundin seines Vaters. Eine altjüngferliche Tante vervollständigt das Raritätenkabinett, die Story steigert sich dramatisch bis zum Giftmord. Cocteau filmt quasi unfilmisch in einem Raum, doch der Bühnenmaler Cocteau leistet außergewöhnlich "Filmisches".

Das Pendant "Die schrecklichen Kinder" (1949) lässt Cocteau nach seinem Buch von Jean-Pierre Melville drehen. Seit dem Tod der Mutter haben sich die Geschwister Elisabeth und Paul in ihr kleines Reich zurückgezogen. Elisabeth vergöttert ihren Bruder, der aber leidet unter der unerfüllbaren Liebe zu dem schönen, aber bösen Jungen Dargelos. Als Paul Agathe trifft, die dem Geliebten aufs Haar gleicht, verliebt er sich in sie. Elisabeth heiratet aus Hass und Verzweiflung einen reichen Amerikaner, der kurz darauf bei einem Autounfall ums Leben kommt. Paul heiratet Agathe, doch die Geschichte endet schließlich tragisch. Cocteau sagt zu dem Film und seinem Regisseur Melville, der sehr verrissen wurde: "Ich behaupte, dass dieser Film eines Tages zu den besten gezählt werden wird."

Danach schrieb Cocteau noch das Buch zu Jean Delannoys "Die Prinzessin von Cleve" (1960). "Thomas, der Schwindler" (1964) von Georges Franju hat ebenfalls mit Cocteau zu tun. Er hatte an einem Drehbuch, das auf einem eigenen Roman beruhte, mitgeschrieben. Es ist eine Geschichte aus dem ersten Weltkrieg, in der ein französischer Soldat durch die Schwindelei einer Herzogin bei der Organisation von Krankentransporten hilft. Poesie, surrealistische Traumvisionen und Satire auf Kriegseuphorie und militaristischen Schwachsinn durchziehen den Film.

"Ich bin kein Filmemacher", sagt Cocteau einmal, "ich bin ein Dichter, der die Kamera als Vehikel benutzt, das es allen ermöglicht, gemeinsam ein und denselben Traum zu träumen - einen Traum, der nicht Traum im Schlaf ist, sondern Wachtraum, der nichts anderes ist als jener irreale Realismus". "Das Testament des Orpheus" (1960) ist alles andere als eine Kinogeschichte, es ist eine Art Familienfilm, in dem die Freunde des Dichters - unter ihnen viele bekannte Namen von Yul Brynner bis Pablo Picasso - auftreten, natürlich auch die großen Schauspieler des französischen Films und der Bühne. Und "Das Testament" ist ein Vermächtnis des Dichters, kurios und so wenig einzuordnen wie Jean Cocteau selbst.


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