Pier Paolo Pasolini

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Zeit seines Lebens umstritten: Pier Paolo Pasolini
Pier Paolo Pasolini
Geboren: 05.03.1922 in Bologna, Italien
Sternzeichen: Fische
Gestorben: 02.11.1975 in Lido di Ostia, Lazium, Italien

Kaum ein italienischer Regisseur ist so kontrovers diskutiert worden, wie Pier Paolo Pasolini, der mit seinen provokativen Filmen immer wieder Kritik und Publikum polarisierte. Wie etwa in seinem Spielfilmdebüt "Accattone - Wer nie sein Brot mit Tränen aß" (1961): Die Hauptperson, Accattone, ist Zuhälter, von seiner Frau wird er verstoßen, bald verlässt ihn auch die Freundin, die für ihn anschaffen geht. Während er immer tiefer sinkt, hat er noch ein-, zweimal eine Fata Morgana der Hoffnung: Sie heißt Stella und ist für ihn nicht Dirne, sondern Geliebte. Er will sogar arbeiten, doch dann fährt er mit dem Motorrad in eine Mauer: "Jetzt fühle ich mich wohl!" sind seine letzten Worte. "Accattone", in einem poetisch realistischen Stil inszeniert, ist einer der besten Pasolini-Filme.

Der Film entspricht auch seinem Leben. "Neben der Liebe gab es für ihn am Anfang die Armut" schreibt Alberto Moravia über den Dichter, Philosophen, Filmemacher und Filmtheoretiker. Als Sohn eines Lehrerin und eines Leutnants der Infantrie muss der junge Pasolini häufig umziehen: Parma, Belluno, Conegliano, Idria und Cremona sind einige Stationen seiner Kindheit. Er studiert an der Universität in Bologna Romanistik. Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte. Bereits 1942 veröffentlicht er seinen ersten Gedichtband, der Verse in friaulischen Dialekt beinhaltet. Denn seine Mutter stammt aus Casarsa della Delizia in Friaul. Dieser Ort war ebenfalls häufiger Aufenthaltsort der Familie.

Im September 1943 wird Pasolini kurzzeitig Soldat, entzieht sich einer Gefangennahme durch deutsche Soldaten und versteckt sich bis zur Befreiung Italiens in Casarsa. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Guido schließt sich 1944 den Partisanen an und wird im Februar 1945 von einer kommunistischen Partisanenbrigade erschossen. Nach dem Krieg beendet Pasolini sein Examen, nimmt eine Stelle als Mittelschullehrer in Valvasone an und schriebt weiterhin Gedichte in friaulischem Dialekt. In dieser Zeit beschäftigt er sich auch ausführlich mit Schriften des Sozialisten Antonio Gramsci und wird 1947 sogar Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, der PCI. Doch wegen einer Anzeige bezüglich der Verführung Minderjähriger verliert er 1949 seine Lehrerstelle und wird aus der PCI ausgeschlossen.

Mit seiner Mutter zieht Pasolini nach Rom, wohnt dort in einer bescheidenen Unterkunft am Stadtrand und arbeitet als Mittelschullehrer im römischen Vorort Ciampino. Er verschafft sich schnell einen Ruf in der römischen Kulturszene, beteiligt sich erfolgreich an Lyrik-Wettbewerben und arbeitet für ein Literaturprogramm des Rundfunks. Pasolini entdeckt in den einfachen Menschen die revolutionäre Gegengesellschaft, vergleichbar den ersten Christen in Rom. Diese neue Erkenntnis wandelt seinen orthodoxen Kommunismus in einen populistisch romantischen. Als er mit 31 Jahren die Filmszene betritt - er schreibt für den Regisseur Mario Soldati gemeinsam mit fünf anderen Autoren sein erstes Drehbuch für den Film "Die Frau am Fluss" - hat er als Romanautor schon einen Namen. Doch auch die Gerichte beschäftigen sich mit Pasolini: Für "Ragazzi di vita", seinen ersten Roman, wird er wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften angeklagt.

Es folgen über 15 Drehbücher, darunter so unterschiedliche Werke wie Luis Trenkers "Flucht in die Dolomiten" (1955), Fellinis "Die Nächte der Cabiria" (1957, ungenannt), fünf Bücher für den Regisseur Mauro Bolognini (darunter "Bel Antonio"), "Die Nacht von Ferrara", "Mädchen im Schaufenster" (beide 1960) und eine Vorlage für Bernardo Bertolucci. Pasolinis Filme sind poetisch und realistisch zugleich. Nach "Accattone" schildert er in "Mamma Roma" (1962) den Traum einer alternden Dirne, zusammen mit ihrem kränklichen Sohn in eine "bessere Wohngegend" zu ziehen. Sie kauft eine Wohnung an einem Marktstand. Doch dann misslingt alles: Der Sohn schließt sich einer Gaunerbande an und der Zuhälter von einst schickt Mamma Roma zurück auf die Straße.

Mit "Das Evangelium nach Matthäus" (1964) liefert er eines der umstrittensten Werke der Filmgeschichte: Die gewagte Verfilmung war der erste Versuch, die Lebensgeschichte Jesu in einer realistischen Form zu verfilmen. Pasolini schuf damit ein Gegengewicht zu den pompösen Hollywood-Epen, die an den religiös-menschlichen Aspekten des Neuen Testaments herzlich wenig interessiert waren und die biblische Vorlage als Geschichte für eine farbenfrohe Show missbrauchten. Pasolini wählte als Kulisse seines Films die karge Landschaft Süditaliens mit ihren ärmlichen Feldern und halbverfallenen Dörfern. Auch einen Großteil der dort ansässigen Bevölkerung bezog er in die Aufnahmen mit ein. Für die Rolle der Maria verpflichtete Pasolini seine eigene Mutter Susanna. Dass Werk gewann auf den Filmfestspielen von Venedig 1964 den Preis der Jury.

So wie Pasolini in seinen Schriften ein Meister des Essays ist, so gehören auch die kurzen, auf den Punkt gebrachten Filmnovellen zu den Perlen des Kinos. Eine Episode aus "Hexen von heute" (1966) ist "Die Erde, vom Mond aus gesehen": Witwer und Sohn finden auf der Suche nach einem Ersatz für die Verstorbene ein taubstummes schönes Mädchen, gespielt von Silvana Mangano. Bald sorgt die neue Hausfrau für bürgerliche Ordnung, kommt bei einem Unfall ums Leben, kehrt aber nach der Beerdigung als Wesen aus Fleisch und Blut wieder. Mit "Edipo Re - Bett der Gewalt" (1967) und "Medea" (1969) liefert Pasolini zwei eigenwillige Verfilmungen von antiken Stoffen. Denn er verfilmt sie nicht eins zu eins, sondern entwirft seine eigene Welt, die mit der realen Antike nicht viel zu tun hat. In extrem kargen Gegenden gedreht, machen die Werke die Ödnis der Landschaft zum Spiegelbild der Seelen.

Der Regisseur, der in der Nacht vom 1. auf 2. November 1975 von einem Stricher ermordet wurde, wird zeitlebens von Gerichten verfolgt: Sein Film "Weichkäse" (1962) wird wegen Blasphemie verboten und wieder freigegeben, "Teorema - Geometrie der Liebe" (1968) wird auf Betreiben des Vatikans verboten, man fordert für Pasolini sechs Monate Gefängnis und Vernichtung des Films, doch Pasolini wird freigesprochen. Außerdem steht Pasolini wegen "Aufhetzung zu militärischem Ungehorsam, aufrührerischer und antinationaler Propaganda und Anstiftung zum Verbrechen" vor Gericht. "Pasolinis tolldreiste Geschichten" (1971), die Verfilmung der "Canterbury Tales" wird wegen Verleumdung des Kapuzinerordens beschlagnahmt - und wieder freigegeben. Darüber hinaus wird Pasolini mehrfach wegen homosexueller Aktivitäten und persönlicher Eskapaden angezeigt. Die Uraufführung seines letzten, mehrfach beschlagnahmten Films "Die 120 Tage von Sodom" (1975) erlebt Pasolini nicht mehr.

Weitere Filme von Pasolini: "Gastmahl der Liebe" (1963), "La Rabbia" (1963), "Große Vögel, kleine Vögel" (1965), "Capriccio all'italiana" (1967, die Episode "Che cosa sono le Nuvole?"), "Liebe und Zorn" (1968, die Episode "Die Geschichte einer Papierblume"), "Der Schweinestall" (1969), "Skizzen für eine afrikanische Orestie" (1969), "Decamerone" (1971) und "Erotische Geschichten aus 1001 Nacht" (1974). Außerdem arbeitete Pasolini auch fürs Theater, schrieb verschiedene Stücke und inszenierte das Stück "Orgia" sogar selbst in Turin.


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