Michelangelo Antonioni

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Kino-Erneuer und Altmeister: Michelangelo Antonioni
Michelangelo Antonioni
Geboren: 29.09.1912 in Ferrara, Italien
Gestorben: 30.07.2007 in Rom, Italien

Michelangelo Antonioni galt einst als der große Antipode von Federico Fellini. Doch in späteren Jahren hat er nur noch wenige Filme bzw. Meisterwerke gedreht. "Beruf: Reporter" von 1973 war noch einmal eine bedeutende Arbeit, "Identifikation einer Frau" entstand 1982. 1986 erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich nur sehr langsam erholte. Immer wieder gab es Zeitungsmeldungen, Hinweise, auch Gerüchte, Antonioni bereite einen neuen Film vor, man konnte Titel lesen, erfuhr von Inhalten, doch die Angaben widersprachen sich, und schließlich kam "Jenseits der Wolken" mit Unterstützung von Wim Wenders 1995 in die Kinos. Zu diesem Zeitpunkt war Antonioni über 80 Jahre alt, gemessen an Manoel de Oliveira (Jahrgang 1908) aus Portugal und seinen immer neuen, innovativen Filmen war das noch kein Alter.

"Meine Absicht war es, die Schönheit dieser Welt zum Ausdruck zu bringen, in der selbst Fabriken sehr schön sein können. Das ist eine reiche, schöne, lebendige Welt." Was Antonioni hier zu seinem Film "Die rote Wüste" (1964) sagt, spricht der Tristesse dieses Films Hohn; die subtilen Schilderungen von gesellschaftlicher Öde, die in endlos erscheinenden Kamerafahrten eingefangene Seelenlandschaften sind von tiefem Pessimismus geprägt. Vor "Blow Up" gibt es bei ihm kaum Einzelschicksale, selten dominieren Charaktere (ausgenommen vielleicht in "Die mit der Liebe spielen" (auch "Die mit der Liebe spielen") - 1960 oder "Der Schrei" - 1957). Verzweifelt, hoffnungslos, lebensuntüchtig, ohne tröstliche Zuversicht gehen kaputte Menschen aneinander vorbei, haben Konflikte, die sich weder entwirren noch entladen. Das Ausgehöhltsein, die Leere im Dasein seiner Protagonisten - man müsste sagen, derer, die sich in diesen Geschichten befanden - ließ eine Auseinandersetzung mit sozialen Bedingungen und Strukturen gar nicht erst aufkommen. Absolute, nicht reparierbare Zustände werden konstatiert.

"Es gibt Regisseure, die wollen eine Geschichte erzählen und suchen sich nachträglich den am besten dazu passenden Rahmen. Bei mir ist es umgekehrt: Es ist immer eine Landschaft, ein Ort, irgendein Fleck, wo ich gerne drehen möchte und daraus entstehen die Themen meiner Filme." Eine typische Antonioni-Szene: Die Kamera durchstreift eine Wohnung, die von zwei Menschen bewohnt wird, wie einen abgelegenen Wüstenstrich oder ein verlassenes Haus, in dem der Tod nur weiße Laken hinterlassen hat. Selbst die Bewegung der beiden Partner bringt keine Leben in die stilvolle, elegante, unterkühlte Atmosphäre. Hier hat jede Begegnung aufgehört, hier haben sich die Menschen nichts mehr zu sagen. Wenn dann eine solche Stimmung wie in "Liebe 1962" durch scheinbare Lebhaftigkeit und Bewegung - in den Börsen-Szenen - durchbrochen wird, so erscheint das unwirklich, unstimmig und farcenhaft, dass die Leere noch unterstrichen wird. Immer spricht die Kamera mehr aus, als es Worte können, die abgestorbenen Milieus, die Trugbilder von Leben und Atmen signalisieren bereits das Ende, lassen den Beschauer niemals im Zweifel darüber, dass die Protagonisten am Ende nicht glücklicher geworden sind.

1966 wird "Blow Up" zum künstlerischen Einschnitt, neue Dimensionen treten in Erscheinung: Die Story, ein aufregender Thriller, die Szenerie ständig in Bewegung, ein Held mit ausgeprägtem Charakter mit anderen Menschen und Schicksalen konfrontiert. Doch eine Wandlung ist es nicht: Die Menschen bleiben einsam, die Probleme ungelöst, die Aussagen vieldeutig - und wieder ein Film über und für Intellektuelle. "Ich wähle Intellektuelle, weil sie sich dessen, was ihnen zustößt, bewusster sind. Vor allem aber kann ich an ihnen Symptome jener Krise zeigen, die zu beschreiben mich reizt." Es ist etwas seltsames mit diesem Michelangelo Antonioni: Immer wieder erinnert man sich seiner frühen Filme, immer wieder zitiert man "Das Abenteuer", "Die Nacht", "Liebe 1962" und allerhöchstens "Blow Up". Dabei ist Antonioni stets auf der Höhe seiner Zeit gewesen, war er der erste seiner Klasse, der mit Videotechnik und Videoclip experimentierte - wie 1979 "Das Geheimnis von Oberwald" nach dem "Doppeladler" von Jean Cocteau oder das Video-Clip über Gianna Nannini. Antonionis Kamera-Perspektiven haben Filmgeschichte gemacht, etwa der in "Beruf Reporter": Ein Mann blickt, auf dem Bett liegend durch ein vergittertes Fenster nach draußen, die Kamera kehrt unvermittelt in einem langen Schwenk zurück auf den nun toten Mann im Zimmer.

Als Sohn wohlhabender Eltern schloss Antonioni ein Universitätsstudium als Diplomvolkswirt ab, schrieb Filmkritiken für "Corriere Padano" und ging 1939, "um sein Leben dem Film zu widmen", nach Rom. Hier schrieb er für die Zeitschrift "Cinema", die von Mussolinis Sohn Vittorio herausgegebene, offizielle faschistische Filmzeitschrift. In den Vierzigerjahren erschienen hier auch jene oft zitierten Würdigungen faschistischer und antijüdischer Propagandafilme wie "Hitlerjunge Quex" oder "Jud Süß", die Antonioni nach dem Krieg eine Reihe böser Kommentare einbrachten. Wegen politischer Differenzen wurde Antonioni schließlich bei "Cinema" entlassen, wo er vorher große Privilegien besaß. 1943 ging er an die römische Filmhochschule, das Centro esperimentale, um Filmtechnik zu studieren. Er blieb nur drei Monate, drehte einen Kurzfilm, der ihm das Diplom der Filmhochschule einbrachte. Der Militärdienst und die Zeit der alliierten Invasion unterbrachen seine Karriere, erst 1950 konnte er mit "Chronik einer Liebe" als Regisseur und Autor Aufmerksamkeit erwecken.

Weitere Filme von Michelangelo Antonioni: "Gente del Po" (1943), "Roma-Montevideo", "Oltre l'oblio", "Nettezza urbana" (alle 1948), "Superstizione", "Sette canne, un vestito", "Ragazze in bianco", "Bomarzo", "L'Amorosa menzogna" (alle 1949), "La Villa dei mostri", "Uomini in piú", "La Funivia del faloria" (alle 1950), "Der weiße Scheich" (Buch und Idee), "Kinder unserer Zeit" (beide 1952), "Die Dame ohne Kamelien", "Liebe in der Stadt" (beide 1953), "Die Freundinnen" (1955), "Im Zeichen Roms" (1958, ungenannt), "Die drei Gesichter einer Frau" (1964), "Zabriskie Point" (1969) und "Chung Kuo - Antonionis China" (1972).


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