Wong Kar-wai

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Ausnahmeregisseur aus Hongkong: Wong Kar-wai
Wong Kar-wai
Geboren: 17.07.1956 in Shanghai, China

"Mit seinem ersten Film", schrieb einst Filmkritiker Fritz Göttler, "zeigt Wong Kar-wai, das Wunderkind aus Hongkong, dass er der Sohn von Buñuel und Chaplin, von Visconti und Godard sein will, und der Erbe von Rimbaud". Und in der Tat, "As Tears Go By" (1988), eine eigenwilligen Mischung aus Gangster- und Liebesfilm mit der noch ganz jungen Maggie Cheung, erzählt von dem Schuldeneintreiber Wah, der ständig seinen hitzigen Blutsbruder Fry vor der Rache anderer Gangster retten muß. Er selbst erlebt eine große Liebesgeschichte mit der Cousine Ngor, die eines Tages bei ihm auftaucht. Und im Hintergrund dieser tödlich endenden Geschichte wetter leuchtet der Moloch Hongkong, wie in allen Filmen des hochbegabten Asiaten keine Heimat, kein Ort der Geborgenheit, sondern ein Sammelsurium aus Unrast, Bedrängnis und Enge.

In "Days of Being Wild" (1990) besetzt Wong Kar-wei neben Maggie Cheung das erste Mal Tony Leung. Sie Hongkong-Triade Wong, Cheung und Leung steht. Leung macht als Schönling eine junge Frau an, wendet sich dann gelangweilt einer Barfrau zu, die er auch wieder verläßt, um seine Mutter in Manila zu suchen. Menschen begegnen und verlieren sich, es kommt ständig zu anderen Konstellationen. Die Erzählstruktur ist wie ein Kaleidoskop, der Stil erinnert mit seiner Mischung aus Melancholie und Radikalität an die Franzosen der Sechzigerjahre. Obwohl "Days Of Being Wild" bei den Hongkong Awards eine Reihe von Auszeichnungen erhielt, u. a. als bester Film, wurde er kein Publikumserfolg. Er war sogar so wenig erfolgreich, dass der zweite Teil des Films, der bereits halb fertiggestellt war, niemals vollendet wurde. Wong Kar-wai nahm sich diesen Flop, der seine ganze weitere Karriere beeinflusste, sehr zu Herzen. Bald darauf begann er mit den Dreharbeiten zu einem extravaganten Kostümfilm, der ganz bewusst gegen alle Regeln dieses Genres verstieß. Die Arbeit an diesem Film zog sich über zwei Jahre hin und brachte so die Karrieren der acht Hauptdarsteller vorübergehend zum Stillstand.

"Ashes of Time: Redux" (1994), der dem Kameramann Chris Doyle den Preis für die beste Kamera bei den Filmfestspielen von Venedig einbrachte, wurde Wong Kar-wais zweiter Flop an der Kinokasse. Aber diesmal hatte der Regisseur sich finanziell abgesichert: Noch während der Postproduktions-Phase von "Ashes Of Time" drehte er mit dem ultramodernen, schnellen und leichtfüßigen "Chungking Express" (1994) seinen bislang erfolgreichsten Film, der ihm den Ruf eines "chinesischen Quentin Tarantino" in der angelsächsischen Presse eintrug. Und in der Tat erreichte er mit seinen nachfolgenden Filmen ähnlichen Kultstatus wie Tarantino.

Wong Kar-wai wurde in Shanghai geboren, aber bereits im Alter von fünf Jahren zieht er mit der Mutter nach Hongkong. Er studiert Graphik am Politechnikum und arbeitet nach dem Abschluß 1980 zwei Jahre lang als Produktionsassistent beim Fernsehen. Danach macht er sich einen Namen als Drehbuchautor. Für Patrick Tam schreibt er "Intellectual Trio" (1982) und "Final Victory" (1987). "As Tears Go By", 1988 ebenfalls für Tam geschrieben, inszeniert er selbst. Der Film kommt an, man vergleicht ihn mit "Hexenkessel" des jungen Martin Scorsese, Wong Kar-wai hat es geschafft.

Mit "Chungking Express" (1994) setzt er also seine Arbeit fort: Zwei Polizisten, jeder von seiner Freundin verlassen, begegnen einer neuen Liebe. Zwei Männer, zwei Stories, locker, unverkrampft, ohne jede Bedeutungsschwere erzählt. Melancholische Stimmung, jede Episode hat ihre eigenen Songs, alles ist im Fluss. Die Story von "Fallen Angels - Gefallene Engel" (1995) war ursprünglich als dritte Episode für "Chungking Express" gedacht. Wieder befinden wir uns im nächtlichen Hongkong mit seinen Bars und Spielhöllen, den Hotelzimmern und U-Bahnhöfen. Christopher Doyle, Kar-wais Stamm-Kameramann, arbeitet oft mit der Handkamera. Alles dreht sich wieder um Liebe und Hass, um Gewalt und Tod. Eine Handlung gibt es nicht, nur Partikel einer Erzählung vom Profi-Killer Wong, der nicht über seinen Job nachdenken will, und seiner schönen Agentin, die alles organisiert und sich in ihn verliebt hat. Doch das wäre gegen den Berufskodex, sie darf nur mal heimlich in seinem Zimmer so tun, als wäre er da. Gefühle gibt es nicht, keine Dialoge, nur Monologe und Stillstand, aber sehr hektischen Stillstand.

"Glücklich vereint" (1997) zeigt ein schwules Paar auf der Reise von Hongkong nach Buenos Aires. Sie wollen neu anfangen, doch es klappt nicht. Einer geht, der andere bleibt, arbeitet in der Tango-Bar für den Rückflug. Der Regisseur überrascht mit einem neuen, aufregenden Film. Wong Kar-wai wurde für diesen Film 1997 in Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. 2000 folgte das Drama "In the Mood for Love", wieder eine Großstadtgeschichte über Sehnsüchte von Liebenden. Der bis ins kleinste Detail durchkomponierte Film - Wong, der ohne Drehbuch arbeitet - überlässt nichts dem Zufall - ist ein getragenes, höchst visuell und musikalisches Ballett über die Verwirrung der Gefühle. Der Film ist auch Höhepunkt seiner langjährigen Zusammenarbeit mit dem Kameramann Christopher Doyle und wohl nicht zufällig besetzt mit Maggie Cheung und Tony Leung, weshalb "In the Mood for Love" auch als eine Art Fortsetzung von "Days of Being Wild" angesehen werden kann.

2004 schließlich inszenierte Kar-wai mit seiner Stammcrew den brillant fotografierten Mix aus Zukunftsdrama und Liebegeschichte "2046". Eher belanglos war dagegen das Drama "My Blueberry Nights" (2007), in dem die erfolgreiche Sängerin Norah Jones ihr Filmdebüt gab, während "The Grandmaster" (2013) eher als stilisierter Bilderreigen daherkam.

Foto: arte/© Vincent Josse


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