Raoul Servais

Flämischer Trickfilmer: Raoul Servais Vergrößern
Flämischer Trickfilmer: Raoul Servais
Raoul Servais
Geboren: 01.05.1928 in Oostende, Belgien, Flandern

Im Mai 1979 standen Francis Ford Coppola und Volker Schlöndorff in Cannes zusammen auf der Bühne, um ihre "Goldene Palme" in Empfang zu nehmen. Dass auf der gleichen Bühne auch Raoul Servais war und für seinen Kurzfilm "Harpya" ausgezeichnet wurde, weiß heute kaum noch jemand. Seine Geschichte, wie er mit dem Medium Film in Kontakt kam, ist vielleicht archetypisch für den Ruf eines Cineasten: "Mein Vater war der stolze Besitzer eines 9,5-mm-Filmprojektors und jeden Sonntag richtete er ein komplette Vorstellung aus. Diese bestand zumeist aus Klassikern der amerikanischen Komik. Doch als kleiner Junge faszinierten mich die Zeichentrickfilm von "Felix, der Kater" wesentlich stärker als die von Mack Sennett, Charlie Chaplin oder Harold Lloyd. Damals konnte ich nicht begreifen, wie den Zeichnungen - als solche erkannte ich sie sehr wohl - zu Leben erweckt wurden, sobald die Filmrolle durch den Projektor lief. Diese Tatsache faszinierte mich ungemein. Ich hielt es für Zauberei und ich wusste damals schon, dass ich auch solch ein Zauberer werden wollte".

Doch zu Servais' Jugendzeit gab es in Belgien noch keinerlei Schule, in der Filmanimation gelehrt wurde. Deshalb studierte er zunächst Kunst an der Koninklijke Akademie Voor Schone Kunsten in Gent. Durch seinen Enthusiasmus kann er einen Lehrer dazu bewegen, mit einer selbstgebastelten Kamera Animationsfilme zu drehen. So entsteht sein erster kurzen Film "Spokenhistorie". Doch erst Ende der 50er Jahre dreht Servais mit "Havenlichten" seinen ersten richtigen Kurztrickfilm. Obwohl er 1960 für die Geschichte einer ausgedienten Straßenlaterne, die einen defekten Leuchtturm ersetzt, auf einem nationalen Filmwettbewerb einen Preis erhielt, hält er diesen Film heute für "qualitativ so schlecht", dass er ihn gar nicht mehr sehen will.

1963 realisierte er mit "De valse noot" die zehnminütige Story über einen mittellosen Straßenmusikanten, der mit seiner Musik Farbe in einen Beton-Alltag bringt und mit "Omleiding november" einen kurzen Realfilm über einen Mann, der einen Gedenkkranz auf den Autofriedhof bringt. In "Chromophobia" (1966) drohen graue Legionen die Macht über die Welt der Farbe zu übernehmen, in "Sirene" (1968) findet eine Nixe in einer Welt von Hafenkrähnen und Bürokraten keine Zuflucht und in "Goldframe" (1969) will ein mächtiger Filmproduzent sogar seinen Schatten übertreffen. 1970 entsteht der äußerst politische Trickfilm "To Speak Or Not To Speak", indem die Bürger einer Stadt zwar Mitspracherecht, ansonsten aber nichts zu sagen haben. Danach drehte Servais die Farce "Operation X-70" (1971), die die überraschenden Auswirkungen eines neuen Giftgas-Experiment zeigt.

In "Pegasus" (1973) zeigt Servais mit animierten Bildern, die eindeutig von flämischen Expressionisten beeinflusst sind, einen arbeitslosen Hufschmied und auch "Het lied van Halewijn" verarbeitet ein flämisches Thema: die kindgerechte Umsetzung einer mittelalterlichen Volks-Ballade. 1979 realisiert Servais unter Zuhilfenahme von "Live-Action" dann seinen vielfach preisgekrönten Film "Harpya" über fresssüchtige Harpien. Danach benötige Servais viele Jahre, um sein ambitioniertes erstes Langfilmprojekt "Taxandria", eine bizarre Mischung aus Real- und Trickfilm, in dem er reale Schauspieler in eine imaginäre Kulisse setzt, endlich 1994 fertigzustellen. In "Die schöne Gefangene" (1982) arbeitete er schon einmal an einem Projekt von Surrealist Alain Robbe-Grillet, der für "Taxandria" das Drehbuch schrieb. Nebenbei betätig sich Raoul Servais als surrealistischer Maler und ist hauptberuflich als Dozent tätig: "Ich finde es sehr wichtig mit der Jugend in Verbindung zu bleiben. Sie lernt von mir und ich von ihr."

Mit dem Film "Nachtvlinders" (1997) haucht Servais einigen Bildern des berühmten flämischen Surrealisten Paul Delvaux eindrucksvoll Leben ein. Im Jahr 2001 produzierte Servais mit dem 10-minütigen Trickfilm "Atraksion" sein bislang letztes Werk.


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