Kann Josef Hader, gefeierter Kabarettist und Simon-Brenner-Krimidarsteller, auch in der ernsten Rolle des Großschriftstellers Stefan Zweig überzeugen?

Es dauert, aber irgendwann packt einen dieser Film dann doch: Maria Schraders zweite Regiearbeit, "Vor der Morgenröte" (2016), die sich mit der Zeit des jüdischen Schriftstellers Stefan Zweig im Exil beschäftigt, macht es den Zuschauern nicht leicht und fordert sie von Beginn an, anstatt sie zu umschmeicheln. Fast wirkt es so, als ob man selbst ein wenig wie der höfliche, latent linkische Großschriftsteller (gespielt von Josef Hader) am Rande des Geschehens steht und erst einmal nur zusieht und zuhört. Schraders Film, jetzt bei ARTE als Free-TV-Premiere zu sehen, setzt das Verlorensein in fremden Sprachen und Kulturen hautnah und letztlich sehr beeindruckend um.

Das freundliche, oft etwas verlegene Lächeln steht Stefan Zweig fast ständig im Gesicht. Schon in der ersten langen Einstellung beobachtet man ihn, wie er an einem Festbankett Willkommensgrüßen und einer emphatischen Rede lauscht, gehalten in brasilianischem Portugiesisch. Ohne viel über die Vita des Exilanten zu wissen, ahnt man, dass sich Stefan Zweig mal wieder sehr verloren fühlt.

Der Pazifist und nicht ganz freiwillige "Weltbürger" Zweig, der während der Nazizeit neben Thomas Mann zu den bekanntesten Künstler-Exilanten aus dem deutschen Sprachraum zählte, fand zunächst in Rio de Janeiro, dann in Buenos Aires, in Bahia und später in New York Aufnahme. Wirklich heimisch wurde er nirgendwo, Geldsorgen und familiäre Spannungen plagten ihn ebenso wie das "Fremdeln" in ungewohnter Sprachumgebung.

Nicht wirklich verwunderlich, dass das von starkem Stilwillen und einer kammerspielartigen Bildsprache geprägte Drama ein aufgeschlossenes, bestenfalls sehr literatur- und sprachinteressiertes Publikum voraussetzt. Der Mut wird allerdings mit einem nicht ganz alltäglichen Filmerlebnis und beeindruckenden Darstellerleistungen belohnt. Allen voran überzeugt Josef Hader in einer ungewohnt ernsten, gravitätischen Rolle. Die steht dem melancholischen Wiener, der sich bestens auf feine Zwischentöne versteht, ausgezeichnet zu Gesicht.


Quelle: teleschau – der Mediendienst