Vor 40 Jahren erschien Ausgabe 1 der prisma. Ein Gespräch zum Geburtstag mit ihrem ersten Chefredakteur Eberhard Gravenstein.

Herr Gravenstein, wenn Sie an 1977 und die erste prisma-Ausgabe zurückdenken: Woran denken Sie dann?

Dass die prisma eine Riesen-Chance war. Das kam ja plötzlich über mich, ich wurde nahezu überrumpelt und habe spontan "Ja" gesagt. Und von heute betrachtet ist das eine tolle Entwicklung.

In den ersten Jahren hatte das Fernsehprogramm jeden Tag eine Doppelseite, es gab drei Sender, verglichen mit heute wirkt das fast langweilig. Aus damaliger Sicht war es aber eine sehr spannende Zeit für das Fernsehen, oder?

Ja, da ging das ja erst richtig los, 1977 war es ja noch gar nicht lange her, dass das Fernsehprogramm in den Tageszeitungen aus Konkurrenzgründen gar nicht stattfinden durfte. Außerdem haben wir ja nicht darüber nachgedacht, dass es eines Tages 100 Sender geben könnte. Man hatte nicht die Vorstellungskraft, dass sich das so gewaltig entwickeln könnte. Aber schon als RTL kam, war das ja Revolution, das war schon was Tolles.

Sie haben die Entwicklung also als positiv wahrgenommen?

Absolut, als Journalist kann man das nur positiv finden! Aber auch als Nutzer natürlich.

Wenn Sie an die ersten redaktionellen Aufgaben zurückdenken: Was waren für einen Journalisten, der 1977 ein Magazin wie prisma verantwortete, die großen Herausforderungen?

Die großen Herausforderungen lagen erst einmal im Organisatorischen. Es gab ja keine Leute dafür, und auch die Verleger selbst wussten noch nicht so richtig, wo das hinsteuern würde, und wollten auch nicht sofort investieren. Wir haben ziemlich klein angefangen – zu dritt. Und erst allmählich gab es einen Redakteur und einen Volontär, aber begonnen hat das auf Sparflamme.

Das heißt, Sie mussten experimentierfreudig sein?

Absolut. Wir haben immer wieder Neues probiert, und die Zeitungsverlage waren dafür sehr aufgeschlossen. Die haben das riskiert, aber natürlich auch die Chance erkannt, endlich farbig drucken und farbige Anzeigen akquirieren zu können.

Und wie waren die Leserreaktionen?

Die waren außerordentlich. Dass sie plötzlich etwas Buntes in ihrer schwarz-weißen Zeitung hatten, gefiel den Menschen. Ich kann mich beispielsweise erinnern, dass wir eine Geschichte über ein Tulpenfeld an der holländischen Grenze und eine Veranstaltung gemacht haben, zu der dann mehrere Tausend Menschen kamen, und die Polizei hat sich vorsichtig beklagt, wir hätten sie doch informieren müssen, das habe zu Verkehrsproblemen geführt.

Dieses Heft hatte also von Anfang an einen gewissen Einfluss, eine gewisse Macht ...

Wir hatten Einfluss und hatten auch Macht, was sich auch insofern bemerkbar machte, dass sehr schnell auch die Fernsehschaffenden gerne Kommentare und Artikel in prisma veröffentlichten. Die erkannten sehr schnell die hohe Auflage, wir begannen ja schon früh mit 1,7 Millionen Heften, glaube ich. Das war schon toll.

Hat Sie das auch persönlich gereizt?

Am Anfang war mir das nicht so bewusst, aber als die ersten Reaktionen kamen, fühlte ich schon, dass sich hier etwas Tolles entwickelte. Und natürlich gefiel mir das, das gefiel uns allen.

Sind Sie auch heute noch ein regelmäßiger Fernsehzuschauer? Und was begeistert Sie beziehungsweise was vermissen Sie?

Ich vermisse nichts, ich gehe da mit der Entwicklung. Die Vielfalt ist heute so gewaltig, da wünscht man sich eher, man wäre da noch kreativer und würde nicht nur eintönige Kriminalfilme zeigen. Und mich als Journalist begeistern natürlich nachrichtliche Formate, Diskussionsrunden, Dokumentargeschichten, aber natürlich auch schöne alte Filme, gar keine Frage.

Nach der Wiedervereinigung haben Sie für die neuen Bundesländer auch eine eigene Ausgabe entwickelt. Wie war diese Zeit für Sie?

Spannend, das war ja praktisch wie ein zweites Kind. Zunächst sind wir nach Leipzig und Dresden gefahren und haben die Zeitungen besucht, haben mit den Menschen dort gesprochen, wie sie das Magazin sehen und was sie sich wünschen. Und das haben wir berücksichtigt.

Aufnahmen der Preisverleihung zum Prix Medial 1987 zeigen eine hohe Dichte an Prominenz, von Schauspielern bis hin zu Politikern ...

Absolut, da kam alles, was Rang und Namen hatte. Diese Menschen gingen bei uns aber auch ein und aus, und natürlich wussten die um die hohe Auflage und die Präsenz. Ich konnte da aus dem Vollen schöpfen, das kann ich schon sagen.

Nun feiern wir in diesem Jahr 40 Jahre prisma. Auch für Sie ein Grund zu feiern? Schließlich ist das Heft ja schon so etwas wie Ihr Kind, das Sie zur Welt gebracht haben ...

Das kann man so sagen, ja. Und das ist mir auch erst dieser Tage so richtig bewusst geworden bei der Jahreszahl. Ich hatte gerade erst Geburtstag und bin 77 geworden ...

Herzlichen Glückwunsch!

Danke schön. Und dabei fiel mir ein, dass wir 1977 mit dem Heft rauskamen. Ich sehe auch meinen alten Verlagsleiter Hans-Joachim Höbel noch regelmäßig, und wir werden bestimmt ein Glas zusammen darauf trinken.

Und wenn Sie dem Heft etwas wünschen dürften: Was wäre das?

Viel Raum für schöne Geschichten, das wünsche ich Ihnen.

Florian Blaschke führte das Interview.