Juliane Köhler spielt in der deutsch-französischen Mini-Serie "Eden" die Mutter einer deutschen Lehrerfamilie, die einen Flüchtling bei sich aufnimmt. Doch das läuft anders als erwartet. 

Zwei Donnerstagabende bei ARTE (2. und 9. Mai, 20.15 Uhr), zwei Mittwochabende im Ersten (8. und 15. Mai, 20.15 Uhr) – das deutsche Fernsehen räumt viel Primetime frei für eine Serie, die hinter die Kulissen europäischer Flüchtlingsrealität blickt. Wie funktioniert eine Flucht, wie ein Flüchtlingscamp? Wie zeigen sich Traumata von Geflüchteten? Und was kann passieren, wenn eine deutsche "Gutmenschen"-Familie einen jugendlichen Flüchtling bei sich zu Hause aufnimmt? Juliane Köhler ("Nirgendwo in Afrika", "Aimee und Jaguar") spielt die Mutter dieser Familie. Der Frankfurter "Tatort"-Kommissar Wolfram Koch verkörpert deren Mann. Im Interview spricht die 53-jährige Schauspielerin, Mutter zweier Töchter, über die Schwierigkeit, in einer zunehmend komplizierten Welt das Richtige zu tun.

prisma: Warum sollte man sich "Eden" ansehen?

Juliane Köhler: Weil die Serie Flucht intensiv aus der Perspektive der Geflüchteten und jener Menschen erzählt, die mit Geflüchteten direkt zu tun haben. Die Geschichten dringen tief in das Seelenleben der Betroffenen ein. Sie gehen weg vom Plakativen oder rein Informativen – wie dieses Thema ja sonst gerne mal aufbereitet wird.

prisma: Sie spielen eine Figur, die manche als "Gutmenschen" bezeichnen würden. Eine Frau, die aufgeklärt, gut ausgebildet und finanziell abgesichert ist und deren Familie einen jungen Flüchtling bei sich aufnimmt.

Juliane Köhler: Den emotionalen Graubereich der Aktion fand ich sehr interessant, weil die Aufnahme des Flüchtlings ja auch etwas Übergriffiges gegenüber der eigenen Familie hat. Der Teenagersohn beispielsweise hält nicht wirklich viel vom neuen Familienmitglied. Ich fand es interessant, meinem Charakter diesen Zwiespalt zu geben: Nehme ich jemanden auf, weil ich wirklich helfen will oder weil man das eben so macht? Wer das Gute will, kann heutzutage auch viel falsch machen. Es ist kompliziert geworden, das Richtige zu tun.

prisma: Muss man heute top-informiert sein, um politisch, persönlich und global richtig zu handeln – und folglich ein guter Mensch zu sein? Geht das überhaupt?

Juliane Köhler: Die Welt scheint komplizierter geworden zu sein. Natürlich auch deshalb, weil wir heute so viel mehr Zusammenhänge kennen als früher. Andererseits zeigt die Serie auch, dass man sich informieren kann. Wer informiert ist, versteht Zusammenhänge besser und kann entsprechend auch besser helfen. Das ist für mich der Knackpunkt von "Eden": Wer nichts versteht, kann auch nicht helfen. Es gibt so viele Missverständnisse rund um das Thema Flucht.

prisma: Können Sie das ein bisschen erklären?

Juliane Köhler: Ja, am Beispiel meiner Geschichte in der Serie. Die deutsche Familie nimmt einen jungen Flüchtling bei sich auf, dem man in Keller ein Zimmer einrichtet. Der junge Mann ist höflich, gebildet, und trotzdem macht sich bald Misstrauen gegen ihn breit, weil er – für uns – merkwürdige Dinge tut. Wir zeigen, wie plötzlich doch wieder Vorurteile greifen. Einfach deshalb, weil wir uns nicht genügend in den anderen hineinversetzen können. Sei es kulturell bedingt oder auch deshalb, weil viele Geflüchtete traumatisiert zu uns kommen.

prisma: In der Serie geht es um versteckte Traumata, aber auch um den privatwirtschaftlichen Aspekt von Flüchtlings-Camps. Versucht "Eden", bislang unterbelichtete Aspekte von Flucht zu öffentlich zu machen?

Juliane Köhler: Ja, kann man so sagen. Ein Erzählstrang zeigt, wie sehr sich eine geflüchtete Familie selbst lange Zeit suggeriert, es sei alles in Ordnung. Zu den kulturellen Unterschieden zwischen uns und "denen" kommt hinzu, dass viele Geflüchtete sich schämen oder eben so schlimme Dinge erlebt haben, dass sie alles dafür tun, damit andere denken: Es geht denen doch eigentlich ganz gut! Auch, wenn es eigentlich ganz anders ist.

prisma: Ist es eine schwere Aufgabe, geflüchtete und traumatisierte Menschen wirklich zu verstehen?

Juliane Köhler: Je tiefer man eindringt in einen solchen Lebenslauf, desto mehr versteht man. Doch wie soll einem das gelingen, wenn die Menschen nicht sprechen? Ich finde, durch "Eden" werden einem solche Zusammenhänge tatsächlich klarer.

prisma: Fremde Menschen zu verstehen, ist also harte Arbeit?

Juliane Köhler: Ja, ich glaube, dass wir davon heute alle mehr oder weniger überfordert sind. Es reicht nicht, dass wir einmal pro Woche mit Flüchtlingen Fußball spielen oder dass die Geflüchteten – was ja mittlerweile Pflicht ist – einen Unterricht besuchen müssen, um etwas über Deutschland zu lernen. Es ist nicht ausreichend, einmal pro Woche etwas über Demokratie zu erzählen. Man muss da viel intensiver ran, um eine wirkliche Integration zu schaffen.

prisma: Glauben Sie, dass es für diese Meinung eine Mehrheit in Deutschland gibt?

Juliane Köhler: Ich weiß nur, dass dies der einzig richtige Weg ist. Viele Deutsche und ihre Vorfahren waren selbst mal Flüchtlinge. Fast jeder hat irgendwo in seiner Abstammungslinie eine ähnliche Geschichte erlebt, wie jene Menschen, die nun zu uns gekommen uns sind. Stellen Sie sich einfach vor, Sie säßen über Jahre in einem Lager in einem fremden Land. Sie dürfen nichts tun und einmal pro Woche erzählt Ihnen jemand etwas über Ihr neues Land. Wären Sie zufrieden, ausgeglichen, hoffnungsvoll? Ich weiß aber auch, dass es eine schwierige Aufgabe ist, es besser zu machen.

prisma: Die Flüchtlingsdebatte ist mittlerweile deutlich abgeebbt. Trotzdem war sie auch in ihren Hoch-Zeiten – über die geschürten Ängste vor den Strömen, die da kommen, hinaus – nur schwer vermittelbar. Warum wollen sich viele Deutsche damit nicht beschäftigen?

Juliane Köhler: Ich weiß es nicht. Ich habe 2008 schon einmal einen Film über die Flucht nach Europa gedreht, den Film "Eden is West" von Costa Gavras. Damals hat sich noch kaum ein Mensch mit dem Thema beschäftigt. Auch da haben wir auch schon in Griechenland gedreht, auch damals gab es schon die Flüchtlingsboote. Wir leben in unserer Komfortzone, und es ist schwer für uns zu akzeptieren, dass es den Menschen an vielen anderen Orten sehr viel schlechter geht. Genau deshalb blenden wir es gerne aus. Es ist ein klassischer Verdrängungsprozess. Wir wollen nicht akzeptieren, dass die Welt nicht in Ordnung ist.

prisma: Kann man etwas Konkretes lernen, wenn man sich die beiden langen Abende mit jeweils drei Folgen "Eden" ansieht?

Juliane Köhler: Man gewinnt einen Einblick, der einen durchschüttelt. Als ich alle Folge am Stück gesehen hatte, war ich tief berührt. Darum geht es ja letztendlich beim fiktionalen Erzählen. Um ein emotionales Verstehen, um ein Anrühren. Man braucht keinen Lehrauftrag zu erfüllen.

prisma: Welche Erkenntnis hat Sie am meisten berührt?

Juliane Köhler: Das wir Menschen letztendlich alle gleich sind. Nicht nur in der Freude, auch im Leid – von dem die Serie stärker erzählt – sind wir tief verbunden. Ein Charakter stirbt fast vor Hunger und Schwäche auf der Flucht, ein anderer stirbt fast an seinen Gewissensbissen, weil ein Mensch gestorben ist. Die Serie beginnt und endet mit einem Blick auf das Meer. Ich glaube, sie will uns damit sagen: Wir sitzen alle im selben Boot.


Quelle: teleschau – der Mediendienst