"Blutiger Beton"

"Der Barcelona-Krimi": Von Baulöwen und Familienfehden

von Wilfried Geldner

Ein Baulöwe wurde ermordet, als mögliche Täter kommen viele in Betracht. Es war an der Zeit, dass im "Barcelona-Krimi" das Thema Gentrifizierung aufgegriffen wird, doch die Geschichte ist allzu familiär.

ARD
Der Barcelona-Krimi: Blutiger Beton
Krimi • 28.05.2020 • 20:35 Uhr

Die Wohnungspreise stiegen ins Uferlose, der Tourismus boomte, die Baulöwen und Grundstücksspekulanten rieben sich in Barcelona die Hände. Und natürlich war auch Korruption im Spiel. – Zweifellos ein Krimistoff und eine Bühne für finstere Gestalten. Im vierten Barcelona-Krimi "Blutiger Beton" läuft allerdings alles auf eine hausinterne Familienfehde zu. Das Problem der Gentrifizierung wird verkleinert und entpolitisiert. Nur haarscharf schrammt man am stets so gern genommenen Eifersuchtsmotiv vorbei.

Einen Krimi, und schon gar einen, der neben einem Mordfall auch ein wenig Lust am Reisen wecken will, sollte man nicht mit der Wirklichkeit verwechseln. Die Story dieses Barcelona-Films macht ja zunächst mal durchaus Sinn. Ein Baulöwe wird ermordet, viele geraten in Verdacht: Der Tote war mit seinem Auftraggeber zerstritten, einem Großinvestor, der sich von ihm trennen wollte. Und auch die Entmieteten, die im Lauf der Zeit bereits ihre Wohnung verloren oder gar den Arbeitsplatz, hätten sicher ein Motiv. Dass es gar einer aus der protestierenden Hausbesetzerszene, in Barcelona "Okupa" genannt, gewesen sein könnte, ist da schon ein eher abwegiger Gedanke. Vom Farbbeutelwurf, der Hausbesetzung und den Massenprotesten ist es bis zum Mord noch ein großes Stück des Weges. Das weiß auch Xavi Bonet, der Kommissar im Buschhemd, den Clemens Schick stets mit nach innen gerichtetem, strammem Idealismus spielt.

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Seine Szenen mit Ruben (Michael Sideris), einem alten Freund aus Kindertagen, sind in diesem Film die schönsten. Auf einer Parkbank – es geht auch ohne Sightseeing-Perspektive – werden alte Zeiten beschworen und unaufdringlich die heutigen Verhältnisse beklagt. Dass Ruben unter den jungen Protestlern der verlorene Alte ist und zudem an der ehelichen Trennung leidet, ist eine Geschichte, die in ihrer Prägnanz über dem ansonsten breiten Trivialgeschehen steht.

Kaum zu glauben ist ja, dass Fina Valent, die immer etwas überdrehte Kommissarin (Anne Schäfer), einst ausgerechnet die Gefährtin des schurkischen Großinvestors und Hauptverdächtigen (Michael Rotschopf) gewesen ist. Zu allem Überfluss wird vom Drehbuch (Timo Berndt) auch noch Finas halbwüchsiges Töchterchen an den über die Maßen ins Zwielicht gerückten Sohn des Ermordeten mithilfe einer Liebesbeziehung gekoppelt. Man trifft sich – in Barcelona kennt offenbar jeder jeden. Erstaunlich, wie wenig Nähe dann trotzdem entsteht, wie viele tiefsinnige Sprechblasen gesprochen werden müssen. Doch letztlich fehlt der Mut zur politischen Alltäglichkeit. Es muss ja nicht das Vorbild Francesco Rosi sein ("Hände über der Stadt"), es genügten auch schon "Donna Leon" und die Skandale von Venedig.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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