Die kluge Sitcom "Pastewka", ein Eldorado für Unterhaltungs-Nerds, kehrt nach über drei Jahren Pause auf den Bildschirm zurück. Allerdings nicht beim Stammsender SAT.1, sondern dem Streamingdienst Amazon Prime Video. Ein Zeitzeichen?

2005 hob Bastian Pastewka eine Sitcom aus der Taufe, die es so in Deutschland noch nicht gab. Der Komiker, in den 90ern bekannt geworden durch die "Wochenshow", spielte sich in dem Format selbst. Natürlich waren die Geschichten aus dem Berufs- und Privatleben des Serien-Pastewkas nicht eins zu eins wahr, dennoch war die Fallhöhe, mit der ein eitler, eher feiger und nicht gerade sympathischer Komiker und seine Alltagssorgen gezeigt wurden, beträchtlich. Sieben Staffeln lang überlebte das hochgelobte Format bei SAT.1, dann wurde die Serie 2014 eingestellt. Nun folgt das unerwartete Comeback.

Ab Freitag, 26. Januar 2018, stehen zehn neue Folgen von "Pastewka" beim Streamingdienst Amazon Prime Video bereit. Ein Gespräch mit dem 45-jährigen Comedian und Schauspieler ("Morgen hör ich auf") über das Wesen der Midlife Crisis und die Zukunft des – lustigen – Fernsehens.

prisma: Ihre hochgelobte Serie "Pastewka" war schon bei SAT.1 kein Publikumsmagnet. Hat es Sie überrascht, dass Amazon Sie fortsetzen will?

Bastian Pastewka: "Kein Publikumsmagnet" ist relativ. Unsere erste Staffel hatte im Schnitt drei Millionen Zuschauer. Das war ein sehr guter Start für eine kleine Rumpel-Sitcom. Später wurden die Quoten schwächer, gleichzeitig machte die Serie über den zweiten Bildungsweg, also über DVDs oder Online-Plattformen, auf sich aufmerksam. Man kann sagen: "Pastewka" wanderte zu einem Publikum, das für solche Serien wirklich ein Auge hat. Insofern ist unser Weg zu Amazon dann auch konsequent. Dort stehen wir nun neben internationalen Sitcoms für unser Publikum abrufbereit.

prisma: Musste "Pastewka" im klassischen Fernsehen langfristig scheitern, weil Ihr Held zu unsympathisch ist?

Pastewka: Das Echo, das ich auf die Figur Pastewka bekomme, ist immer ambivalent. Es zeugt aber stets von Interesse. Einerseits sagen mir die Leute: "Was ist das denn für ein Heckenpenner!" Aber sie fragen das mit Augenzwinkern. Weil sie natürlich wissen, das ist alles gespielt. Was jedoch noch wichtiger ist: Jeder weiß, dass auch er einen Pastewka in sich drin trägt. Jemand, der eitel ist, ungeduldig und feige. Jemand, der sein eigenes Wohl über das der anderen stellt, ohne ein richtig schlechter Kerl zu sein. Pastewka hat viele Schwächen, die wir alle von uns kennen. Solange wir die gesamte Klaviatur dieser Figur bespielen, solange man sich nie sicher sein kann, welcher Charakterzug Pastewkas beim nächsten Problem die Oberhand gewinnt, bleibt die Serie meiner Meinung nach interessant.

prisma: Interessieren sich die Zuschauer heute stärker für ambivalente Helden als früher?

Pastewka: Als wir 2005 mit "Pastewka" anfingen, gab es im Fernsehen wenige Sitcoms, die einen Nerd-Charakter ins Zentrum gestellt haben. Da waren wir ziemlich früh dran, vor allem in Deutschland. Trotzdem waren die Helden älterer Sitcoms auch schon ambivalent. Das liegt in der Natur der Komödie. Sie entsteht nur, wenn die Situation der Charaktere etwas mit Leid zu tun hat. Nur Menschen, die sich nicht komplett fühlen, die ein Bedürfnis nach Veränderung haben, stellen ihr Leben auf den Kopf. So wie meine Figur in unserer neuen Staffel mit seiner Midlife-Crisis. Da sagt ein Mensch: "Alles ist Scheiße, ich mach's jetzt besser." Und dann schauen wir ihm Folge für Folge zu, wie alles nicht besser, sondern schlimmer und noch schlimmer wird. Das ist für mich Humor.

prisma: Kann man heute in Sachen Humor 2018 andere Dinge tun als 2005?

Pastewka: Ich glaube, das Humorverständnis des Publikums ist gegenüber 2005 breiter geworden. Man kann heute mehr machen – und wird trotzdem verstanden. Dazu kommt, dass man heute Charaktere erschaffen kann, die näher an der Wesensart des Publikums sind. Man muss keine Helden mehr ausstellen und auch nichts verschleiern. Komödie bedeutet immer, sehr simpel zu arbeiten: einfache Helden, einfache Situationen, ein klarer Konflikt. Trotzdem darf es nicht trivial werden. Komödie ist im Prinzip Drama unter einem zeitlichen Vergrößerungsglas. Man muss dramatische Situationen sauber herausarbeiten, sie nur leicht überhöhen und gut "timen". Ansonsten sollten die Figuren meiner Ansicht nach nicht überzogen, sondern authentisch wirken – dann stimmt auch die Qualität.

prisma: Was meinen Sie mit der Aussage: "Komödie muss simpel sein"?

Pastewka: Man muss Situationen erschaffen, die der Zuschauer kennt. So wie in dem wunderbaren Film "Oh Boy", in dem der von Tom Schilling gespielte Held einfach nur einen Kaffee kaufen will – aber er bekommt keinen. Überall gibt es nur Flavours, Latte Sowieso, extra Schaum und so weiter. Lustig, weil jeder solche Situationen kennt – nur hier werden sie auf die Spitze getrieben. Wir lachen über das Einfache, nicht über das Komplizierte. Der sogenannte absurde Humor – er ist zugegeben schwer zu definieren – eignet sich im Prinzip nicht für Komödien. Im klassischen Theatersinn heißt absurd ja, dass etwas nicht existiert. Etwas, das es nicht gibt, komödiantisch zu überhöhen, ist mir zumindest unmöglich.

prisma: Also muss eine gute Komödie immer nah am wirklichen Leben dran sein?

Pastewka: Das müsste ein Drama eigentlich auch. Eine gute Komödie kann es sich jedoch leisten, Vorgänge abzukürzen und zu vereinfachen – ohne, dass es doof wird. Gute Komödie ist nie doof, davon bin ich überzeugt. Nehmen Sie Loriot! Er ist das beste Beispiel für meisterhaft kluge und dennoch lebensnahe Comedy. Loriot war Opernfan, ein distinguierter Intellektueller. Trotzdem waren seine Figuren ungeheuer bodenständig. Sie waren ganz dicht am Leben dran, nur eben ein wenig überhöht. Loriot war ein unfassbar genauer Beobachter. Und er gab seinen Geschichten einen tollen Rhythmus, auch darin war er meisterhaft.

prisma: Hat "Pastewka" heute andere Inhalte als damals?

Pastewka: Natürlich. Ich war Anfang 30, als wir anfingen. Wir waren ein unschuldiges Ensemble damals und erzählten Szenen und Episoden, die in der nächsten Folge wieder "genullt" wurden. Das heißt, es ging wieder von vorne los. Heute bin ich 45 und habe – als Figur und vielleicht auch privat – andere Probleme und Motive als damals. Midlife-Crisis bedeutet, dass man sich von einer Generation entfremdet, der man sich nicht mehr zugehörig fühlt. Das ist es, was man in der Mitte des Lebens spürt. Das zeigen wir in der Serie.

prisma: Von welcher Generation entfremden Sie sich gerade?

Pastewka: Von den jungen. In der Midlife-Crisis kann ich zum ersten Mal auf eine Generation herunterschauen, die wie ich erwachsen ist, mit der ich mich aber nicht mehr vergleichen kann. Das sieht man auch in der Comedy. Das sind Leute nachgewachsen, die richtig was drauf haben. Wenn ich junge Comedians wie Luke Mockridge, Hazel Brugger oder Chris Tall sehe, muss ich sagen: Deren Timing hätte ich mit 25 auch gerne schon gehabt.

prisma: Ist Komödie insgesamt trauriger und härter geworden? Fordert sie dem Zuschauer mehr ab als früher?

Pastewka: Nicht unbedingt. Eine der erfolgreichsten Komödienserien der 90-er war "Ally McBeal". Die Hauptfigur war ein trauernder Charakter. Ally McBeal lief ihrem Leben hinterher. Ich glaube, mit dieser Serie wurde der Begriff "Dramedy" geprägt. Klassische Sitcoms sind kürzer, ich denke etwa an "Modern Family", das bei uns immer noch ein Geheimtipp ist. Da geht es um eine riesige Patchwork-Familie. Es gibt mindestens ein Dutzend Hauptcharaktere. Doch die schaffen es, binnen 22 Minuten jedem dieser Charaktere gerecht zu werden und seine Geschichte ein kleines bisschen weiterzuerzählen. Für mich ist das ganz große Kunst.

prisma: Gibt es heute noch wirkliche Innovationen auf dem Gebiet Comedy?

Pastewka: Derzeit mehr denn je, weil klassische Sender und Streaming-Dienste heftig um die Gunst des Zuschauers buhlen und in allen Spielfeldern viel produzieren. Die neue Serie "Glow" etwa zeigt eine Gruppe von Frauen, die während der 80er in den Beruf Wrestling hineinwächst. Nichts interessiert mich weniger als Wrestling, doch diese Serie brachte mich derart zum Lachen, dass ich es kaum glauben konnte.

prisma: Also leben wir tatsächlich in der berühmten "goldenen Zeit des Fernsehens"?

Pastewka: Je nachdem, wie man es sieht. Mir haben Fans geschrieben, klassisches Fernsehen sei vorbei, wenn so etwas wie "Pastewka" schon zum Streaming-Dienst abwandert. Ich sehe das nicht so. Es verschiebt sich alles nur etwas. Ich fühle mich gerade an jene Zeit erinnert, als in Deutschland der Dualismus zwischen Öffentlich-Rechtlichem und Privatfernsehen entstand. Da sagten viele: Es kann doch nicht wahr sein, dass Harald Schmidt oder Rudi Carrell zu Sendern abwandern, wo diese Titten-Filme gezeigt werden. Ich fand das damals schon gut, es war ja nichts passiert. Wenn jemand Großes wie Rudi Carrell geht, müssen sich die Verlassenen wieder mehr anstrengen. Das ist auch jetzt der Fall. Das klassische Fernsehen kann sich jetzt überlegen, wie es sich selbst revolutionieren will. Ich gehe davon aus, dass es sich anstrengt und etwas einfallen lässt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst